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Zinsen für Verbraucher : Bauzinsen erreichen einen neuen Rekord-Tiefstand

Neubausiedlung: Die Zinsen sinken immer weiter - aber im Gegenzug steigen die Hauspreise. Bild: dpa

Manche Baukredite gibt es jetzt schon für 0,5 Prozent im Jahr. Auch Autokredite werden billig wie nie in der Geschichte. Ein Vorgeschmack auf die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde?

          Die Bauzinsen in Deutschland sind nochmal gefallen. Gegenüber Anfang Juni verzeichnen die Internetplattformen Biallo und FMH-Finanzberatung übereinstimmend weitere Rückgänge. Die günstigsten Anbieter wie die Degussa-Bank bieten jetzt Baugeld mit zehn Jahren Zinsbindung für 0,6 Prozent effektivem Jahreszins. Voraussetzungen sind dabei 300.000 Euro Kaufpreis, ein Darlehen über 240.000 Euro und eine anfängliche Tilgung von 3 Prozent. Sogenannte Volltilgerdarlehen, bei denen der Bauherr den Kredit komplett innerhalb der Zinsbindungsfrist zurückzahlt, gibt es bei manchen Banken wie Santander bei fünf Jahren Zinsbindung sogar schon für 0,5 Prozent. Das ist der tiefste Stand für Bauzinsen in Deutschland in der Geschichte dieses Finanzierungsinstruments.

          Zinssenkungs-Welle in dieser Woche

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die jüngste Welle der Zinssenkungen gab es in dieser Woche. Zuletzt reduzierte beispielsweise die Deutsche Bank ihre Bauzinsen für zehnjährige Darlehen von 0,79 auf 0,73 Prozent effektiv im Jahr. Am Mittwoch ging die PSD Bank Rhein- Neckar-Saar runter von 0,87 auf 0,82 Prozent. Die Sparda-Bank Nürnberg senkte ihre Zinsen von 0,75 auf 0,6 Prozent. Eine ganze Reihe weiterer Banken taten es ihnen gleich. „Immerhin 50 von 59 Banken und Vermittlern in unserer Datenbank bieten mittlerweile zehnjährige Darlehen mit 60 Prozent Beleihung unter einem Prozent Effektivzins im Jahr an“, sagt Max Herbst von der FMH-Finanzberatung.

          Das Sinken der Bauzinsen hängt dabei eng mit den Tiefständen der Rendite der Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit zusammen. Denn an dieser orientieren sich die Bauzinsen oftmals. Die Anleiherendite ist seit Anfang Mai negativ. Am Donnerstag fiel sie abermals und erreichte ein Rekordtief von minus 0,409 Prozent. Damit ist sie jetzt sogar tiefer im Minus als die Zinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) für Einlagen der Banken von minus 0,4 Prozent.

          Welche Rolle spielt der „Lagarde-Effekt“?

          Die Einflussfaktoren auf die Renditen der Bundesanleihen sind dabei vielfältig. Holger Schmieding, der Chefvolkswirt des Hamburger Bankhauses Berenberg, spricht davon, die Entscheidung für Christine Lagarde als künftige Präsidentin der Europäischen Zentralbank sei das „Tüpfchen auf dem i“ gewesen, was die Faktoren für niedrige Kapitalmarktzinsen betrifft. Niedrige Inflation, Wachstumssorgen, die überwiegend zustimmenden Reaktionen anderer EZB-Ratsmitglieder auf die eher sorgenvolle Rede Mario Draghis im portugiesischen Sintra und der Kurswechsel der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) heizten die Zinsphantasien an, meint Ökonom Schmieding.

          „Man könnte es einen Lagarde-Effekt nennen, wenn die Bundesanleihe weiter ins Minus rutscht“, meint auch Herbst, „man könnte aber auch sagen, dass weiterhin eine große Unsicherheit auf dem Kapitalmarkt herrscht, was den Anleger dazu verleitet, auf Rendite zu verzichten und ausschließlich auf Sicherheit zu setzen.“

          In jedem Fall könnten sich Kreditnehmer im Augenblick freuen, während die Entwicklung für Sparer weiter ungünstig sei, sagt Mirjam Mohr, Vorstandsmitglied der Baukreditvermittlers Interhyp. Die Fachleute für Baufinanzierung, die das Unternehmen regelmäßig über die künftigen Zins-Aussichten befragt, sehen mehrheitlich anhaltend niedrige Bauzinsen – sowohl in den nächsten Wochen, als auch auf Jahressicht. „Neben der Zinspolitik sorgt die hohe Nachfrage nach deutschen Staatsanleihen dafür, dass die Bauzinsen so niedrig sind“, meint Mohr. Unsicherheiten wie die Handelskonflikte, der Brexit und die in aller Welt nachlassende Konjunktur ließen Anleger vermehrt zu zehnjährigen deutschen Staatsanleihen greifen, weil diese Sicherheit versprächen, und die Bauzinsen zögen mit. „Für diese Sicherheit nehmen Investoren mittlerweile auch negative Renditen in Kauf.“

          Zwei Haken gibt es für Bauwillige dabei: Mit dem Sinken der Zinsen steigen die Immobilienpreise. Nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft ist dabei der Tiefpunkt der Belastung durch einen Hauskauf für Verbraucher schon überschritten, die Preissteigerungen wirken stärker als das Sinken der Zinsen. Der zweite Haken: Die Zinsen in den Vergleichen sind oftmals Werbezinsen der Banken. Sie gelten nur unter Idealbedingungen. Die Verbraucherzentralen haben mal die Faustregel ausgegeben, gut 0,15 Prozentpunkte sollten Bauwillige auf die beworbenen Zinsen aufrechnen, dann hätten sie einen halbwegs realistischen Zinssatz.

          Zinsverfall bei Autokrediten 

          Auch die Zinsen beispielsweise für Autokredite sind weiter gefallen. Wie das Internetportal Verivox berichtet, haben die Zinsen für Ratenkredite von rund 300Banken, die das Portal beobachtet, in diesem Monat ein neues Rekordtief von 4,52 Prozent erreicht. Vor fünf Jahren habe dieser Zinssatz noch bei 6,12 Prozent gelegen.

          Allerdings gäben die Leute im Durchschnitt heute mehr für ihr Auto aus als damals, deshalb sei der durchschnittliche Autokredit bei einem Neuwagen von 28330 auf 31130 Euro und bei einem Gebrauchtwagen von 9870 auf 11780 Euro gestiegen. Unter dem Strich zahlten die Leute gleichwohl aufgrund der niedrigeren Zinssätze heute weniger Zinsen für die Finanzierung des teureren Autos als damals für das billigere.

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