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Nach jahrelanger Hausse : Schwere Kursverluste an der chinesischen Börse

Börsenverrücktes China: Kurz nach der Aufforderung zum Aktienkauf durch Peking fallen die Kurse stark. Bild: Reuters

Die Kurse in Schanghai haben in zwei Wochen fast 20 Prozent verloren. Für die Regierung könnte ein Ende des Börsenbooms zum Problem werden – sie haben ihre Bürger zum Aktienkauf verführt.

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          Am Freitag haben viele chinesische Angestellte unerwartete Nachrichten von der Hausbank erhalten: Das Gehalt für den Monat Juni sei schon auf dem Konto eingetroffen – fast eine Woche vor dem üblichen Termin. Für die Programmierer des Hangzhouer Internetunternehmens Qingtuanshe war die Überraschung noch größer. „Weil der Aktienmarkt so dramatisch eingebrochen ist, herrscht bei uns im Unternehmen miese Stimmung. Damit wir alle weiter unsere Leistung bringen können, zahlen wir die kommenden drei Monatsgehälter auf einen Schlag aus, damit Sie Ihre Verluste rasch ausgleichen können“, schrieb die Personalabteilung in einer Rundmail.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Diese endete mit einem Satz, der sonst von Chinas Staatsmedien nur im Zusammenhang mit Naturkatastrophen wie verheerenden Erdbeben und Fluten verwendet wird: „Der Aktienmarkt ist unbarmherzig, doch die Menschen sind es nicht.“

          Tatsächlich erfährt das neuerdings börsenverrückte China, in dem inzwischen, geschätzt, weit über 100 Millionen Menschen Aktien halten, in diesen Tagen eine gewaltige Erschütterung: um 7,4 Prozent fiel der Marktindex der Schanghaier Börse am Freitag, nachdem vor allem jene Händler Titel abgestoßen hatten, die diese in Hoffnung auf steigende Kurse auf Kredit gekauft hatten. Damit sind die Kurse in den vergangenen zwei Wochen insgesamt um 19 Prozent gefallen.

          Mehr Vermögen für das Volk

          Ein Jahr lang hat sich China an einer Rally berauscht, in der die Kurse um 150 Prozent stiegen und sich die Börsenkapitalisierung aller auf dem chinesischen Festland zugelassenen Aktien auf 10 Billionen Dollar verdreifachte, was als umfangreichste Hausse der Geschichte gilt. Doch nun ist unter den Börsianern ein Wehklagen ausgebrochen, von dem manche politischen Beobachter glauben, es könne die soziale Stabilität im Land beeinträchtigen, sollten die Kurse weiter fallen.

          Denn Chinas Hausse war politisch gesteuert: In einer beispiellosen Kampagne hat die chinesische Regierung über ihre Propagandawerkzeuge wie den staatlichen Fernsehsendern und Zeitungen ein Jahr lang fast täglich an die Gewinnsucht im Menschen appelliert und die Bürger zum Kauf immer neuer Aktien gedrängt, was das tägliche Handelsvolumen an den Festlandbörsen auf einen Wert von umgerechnet über 200 Milliarden Euro getrieben hat.

          Die Motivation Pekings speist sich dabei aus zweierlei: Zum einen will die Kommunistische Partei das Vermögen der Bürger steigern und in einer Zeit sinkender Wachstumsraten gute Stimmung in der Bevölkerung schaffen, die derzeit in vielen Branchen Massenentlassungen erlebt, die es in China seit Anfang der neunziger Jahre nicht mehr gegeben hat. Zum anderen will die Regierung die Verschuldung der Staatsunternehmen reduzieren, die die chinesische Gesamtverschuldung (Staat, Unternehmen und Privathaushalte) auf für ein Schwellenland hohe 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts getrieben haben.

          Struktur bleibt doch gleich

          Mit dem Verkauf oder der Ausgabe neuer Anteilscheine sollen die Unternehmen laut diesem Plan große Gewinne machen, so dass es nicht zur Insolvenz kommt und Chinas Staat als Retter einspringen muss. Die Kehrseite dieser Strategie ist, dass dem Aktienmarkt so jedoch Liquidität entzogen wird, ein weiterer Grund, der nun zu fallenden Kursen geführt hat.

          Die Zeiten, in denen Peking die Börse als Ansammlung von Spekulanten betrachtet und ignoriert hat, sind vorbei. Die Kurse sollen schnell wieder steigen. Die chinesische Börsenaufsicht CSRC hielt am Freitag in Peking ihre wöchentliche Pressekonferenz ab, in der sie die Öffentlichkeit beschwor, die Grundlage für den vorhergehenden Börsenboom sei weiterhin vorhanden.

          Die Tatsache, dass die Chinesen anders als früher ihr Geld nicht mehr in den Kauf von Wohnungen steckten, sondern in Aktien, bestehe weiter: „An der Struktur der chinesischen Anlagevermögen hat sich ebenso wenig geändert wie daran, dass sich Chinas Wirtschaft in stabiler und vielversprechender Weise entwickelt.“ Viele Chinesen gründeten eigene Unternehmen, das Land werde innovativ, und all das werde den Aktienmarkt weiter beleben.

          Die China-Rally ist vorbei

          Weil Chinas Regierung das Ende der Rally nicht wollte, sei dieses auch nicht zu erwarten, schrieb am Freitag Asien-Analyst Markus Ackermann von der Bank HSBC: „Die Regierung dürfte weiter zu konjunkturstützenden Maßnahmen greifen, bis sich der Aufschwung verfestigt. Auch die behutsame Öffnung der Kapitalmärkte dürfte ihre Wirkung entfalten.“

          Wirkung zeigte an den Märkten am Freitag allerdings vielmehr der Kommentar der chinesischen Wirtschaft gegenüber der immer skeptischer werdenden Bank Morgan Stanley, die ihren Kunden schon Anfang Mai in einem radikalen Kursschwenk nach sieben Jahren China-Optimismus zum ersten Mal geraten hatte, weniger chinesische Aktien zu halten. Bei den Kursrückgängen handele es sich wohl nicht nur um eine Delle, schrieb China-Chefanalyst Jonathan Garner. Der Höhepunkt der Hausse sei vorüber und chinesische Aktien nicht mehr günstig.

          Nach den jüngsten Kursverlusten liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis chinesischer Aktien allerdings bei moderaten 16. In der Vergangenheit der Schanghaier Börse lag der Durchschnitt bei 21. Und dank der vorzeitigen Gehaltszahlungen können Chinas Bürger nun erst mal weiter zocken.

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