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Kursänderung : Die Börsen brauchen einen neuen Kompass

Treibt die Hoffnung auf eine expansive Geldpolitik die Kurse an? Bild: dpa

Jahrelang hieß es im Chor: „Die Geldpolitik macht die Kurse an den Finanzmärkten.“ Doch der Einfluss der Geldpolitik lässt nach.

          5 Min.

          Als EZB-Präsident Mario Draghi am vergangenen Donnerstag eine weitere geldpolitische Lockerung in Aussicht stellte, stiegen für zwei Tage die Kurse an vielen Finanz- und Rohstoffmärkten. Der Chor der Finanzmarktteilnehmer stimmte das seit Jahren immer wieder vorgetragene Lied an: „Die Hoffnung auf eine expansive Geldpolitik treibt die Kurse.“ Es war zwar nicht offensichtlich, wie es Draghi gelungen sein sollte, dem Ölpreis vorübergehend Flügel zu verleihen, aber der an den Finanzmärkten verbreitete Herdentrieb sorgte für eine rasche Verbreitung der Geschichte. Man plaudert eben gerne nach, was die anderen erzählen, denn so befindet man sich scheinbar auf der sicheren Seite.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Lange ging es ja auch gut: Als die großen Notenbanken in der Krise und in den ersten Jahren nach der Krise im Gleichschritt ihre Geldpolitik lockerten, trug die Geldpolitik viele Kurse, weil sie zu einem gleichförmigen Verhalten Anlass gab. Angesichts niedriger Zinsen zog es viele Anleger in risikoreichere Finanzprodukte, weil dort hohe Renditen lockten. Und alle waren zufrieden: die Verkäufer, weil sie bei steigenden Kursen Gewinne realisierten, und die Käufer, weil sie auf weitere Kursanstiege hofften. So kletterte der Dax vom Frühjahr 2009 bis zum Frühjahr 2015 von 3588,89 auf 12.390,75 Punkte.

          Einfache Zeiten für Kapitalanlage sind vorüber

          „Das waren einfache Zeiten für die Kapitalanlage“, befand der Verwaltungsratsvorsitzende der schweizerischen Großbank UBS, Axel Weber, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Weber stellte aber auch klar: Diese Zeiten sind vorüber, denn eine einheitliche Strategie der großen Notenbanken existiert nicht mehr. Die starken Kursverluste der vergangenen Wochen seien das Ergebnis der Entscheidungen vieler Anleger, gleichzeitig aus populären Strategien auszusteigen.

          Die Entzauberung der Geldpolitik als vermeintlicher Garant für Kursgewinne an den Finanzmärkten begann schon im vergangenen Jahr, als die Schweizerische Nationalbank (SNB) im Januar 2015 gänzlich unerwartet die feste Bindung des Franken an den Euro aufgab. Die Entscheidung war aus ökonomischer Sicht sehr wahrscheinlich richtig, und nachvollziehbar war die Erklärung der SNB, man könne einen solchen Schritt nicht im Vorhinein ankündigen. Aber am Devisenmarkt herrschte Ernüchterung, denn die Freigabe des Wechselkurses kam viele Teilnehmer im wahrsten Sinne des Wortes teuer zu stehen.

          Auch andere Notenbanken sorgten für Irritationen. Die Bank of England wollte unter Führung ihres Gouverneurs Mark Carney zu einem Muster an Berechenbarkeit werden, aber sie wurde zum genauen Gegenteil. Noch im vergangenen Jahr meinten nicht wenige Marktteilnehmer, die Briten würden ihren Leitzins früher erhöhen als die Amerikaner. Mittlerweile gilt in Großbritannien eine Leitzinserhöhung frühestens im kommenden Herbst als wahrscheinlich. Und die amerikanische Notenbank Fed hielt das Publikum während des gesamten Jahres 2015 in Habachtstellung. Der schließlichen Leitzinserhöhung im Dezember gingen viele Monate mit einer gelegentlich widersprüchlich erscheinenden Kommunikation der Vorsitzenden Janet Yellen voraus.

          EZB sorgt für Ernüchterung

          Die EZB sorgte im Dezember 2015 für Ernüchterung an den Märkten, als sie ihre Geldpolitik weitaus weniger stark lockerte als von den Marktteilnehmern erwartet. Aber für de größte Konfusion sorgten im vergangenen Jahr die Chinesen, deren Wechselkurspolitik besonders undurchschaubar wirkte. So war es kein Wunder, dass in der vergangenen Woche in Davos viele Stimmen laut wurden, die von der chinesischen Geld- und Wechselkurspolitik eine bessere Kommunikation verlangen.

          Die EZB lockerte im Dezember 2015 ihre Geldpolitik weitaus weniger als von den Marktteilnehmern erwartet.
          Die EZB lockerte im Dezember 2015 ihre Geldpolitik weitaus weniger als von den Marktteilnehmern erwartet. : Bild: dpa

          Für zunehmende Zweifel an der Wirksamkeit der Geldpolitik auf die Finanzmärkte sorgten unerwartete Kursbewegungen, die nicht zu der allgegenwärtigen Blasenrhetorik zu passen schienen. Dass expansive Geldpolitik spekulative Preisblasen an Finanzmärkten erzeugen kann, ist unbestritten. Am ehesten lassen sich solche Blasen am Anleihemarkt verorten, und auch an zahlreichen Sammlermärkten sind die Preise in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen.

          Aber von einem Automatismus kann keine Rede sein, wie viele Anleger zu ihrem Schaden erfahren haben. Und es gibt gute Gründe, warum ein traditionell scharfer Warner vor Preisblasen, die in Basel ansässige Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), seit rund einem halben Jahr weniger dringlich warnt, auch wenn sie keine Entwarnung gibt.

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