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Einfluss auf die Aktienmärkte : Die Macht der Notenbanken

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Heute hüh, morgen hott: Die Notenbanker in Amerika und Europa treiben die Börsen vor sich her. Sie verwirren alle mit ihren widersprüchlichen Ankündigungen. Was sollen Anleger bloß machen?

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          Komisch: In Amerika beginnt die Berichtssaison der Konzerne - und kein Anleger schaut hin. Als Erstes war traditionsgemäß in der vergangenen Woche der Aluminiumhersteller Alcoa aus Pittsburgh an der Reihe, seine Geschäftszahlen für April, Mai und Juni vorzustellen. Kommende Woche folgen dann Schwergewichte wie Citigroup, Goldman Sachs, Bank of America und Morgan Stanley. Die Zahlen sind so lala - aber darauf achtet im Augenblick sowieso niemand. Die ganze Aufmerksamkeit der Börsianer gehört derzeit nämlich zwei Männern: Ben Bernanke, dem Chef der amerikanischen Notenbank Fed, und Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sie machen fast im Wochenrhythmus kryptische Andeutungen darüber, wie lange sie mit ihrer lockeren Geldpolitik die Wirtschaft ankurbeln wollen. Das nehmen die Börsianer so wichtig, dass sich die Märkte überall auf der Welt mit jedem Hüh und Hott der Notenbanker mit bewegen. Was für eine Demonstration von Macht! Die Notenbanker reden verklausuliert herum - und steuern damit nicht nur die Kurse von Aktien und Anleihen und die Wechselkurse, sondern auch die Preise von Gold, Silber und Öl. Beispiel Amerika: Ende Juni hatte Ben Bernanke angedeutet, Amerikas Notenbank könnte noch vor Jahresende ihre ultralockere Geldpolitik beenden und die Käufe amerikanischer Staatsanleihen einschränken.

          Seltsames Spiel der Notenbanken

          Die Aktienkurse rauschten in den Keller. Vergangene Woche folgte eine Ankündigung in die gegensätzliche Richtung: „Eine sehr expansive Geldpolitik für absehbare Zeit ist das, was die amerikanische Wirtschaft braucht.“ Und siehe, so wie die Kurse vorher gefallen waren, so stiegen sie jetzt. Nicht viel anders war es in Europa. Vor gut einer Woche hatte EZB-Präsident Draghi niedrige Zinsen „für einen längeren Zeitraum“ versprochen. Der Dax jubelte. Umso mehr, als Jörg Asmussen, Mitglied im EZB-Direktorium, die Ankündigung noch konkretisierte: Es gehe nicht um sechs Monate, nicht um zwölf Monate, „es geht darüber hinaus“, sagte er in einem Fernsehinterview.

          Der Einfluss der Notenbanken auf die Aktienmärkte

          Doch gleich darauf gab es wieder ein Signal in die gegenteilige Richtung: Die EZB fing die Aussage ihres eigenen Direktoriumsmitglieds umgehend wieder ein - und teilte mit, eine Leitlinie für die genaue Länge der Niedrigzinsphase habe Asmussen nicht geben wollen. Ein seltsames Spiel, bei dem die Notenbanken immer einen Schritt vorgehen, und dann wieder einen zurück. Als ob sie testen wollten, wie die Märkte reagieren, aber nicht wollten, dass diese Reaktion bestehen bleibe. „Tapering“, hinausschleichen, nennen die Amerikaner dieses Spiel. Das Verblüffende: Die Notenbanken werden dadurch zum mächtigsten Akteur, der die Märkte steuert.

          Was ist da los? Warum haben die Notenbanker so viel Einfluss? „Notenbanken treiben den Dax an“, überschrieb sogar die sonst so zurückhaltende „Börsenzeitung“ am gestrigen Samstag ihren Kapitalmarktbericht. Sind wir also endgültig in einer Welt angekommen, in der das Handeln von Notenbanken wichtiger genommen wird als das fundamentale wirtschaftliche Geschehen, wie Mohamed El-Erian von der amerikanischen Fondsgesellschaft Pimco besorgt sagt? Zwei Dinge sind auf jeden Fall zu beobachten, die dieses seltsame Wechselspiel zwischen Notenbanken und Aktienmärkten ausmachen: „Die Notenbanken versuchen stärker als früher, die Märkte durch pointierte Kommentierungen zu steuern“, sagt Frank Naab, Leiter „Portfoliomanagement Private Banking“ beim Bankhaus Metzler.

          „Kein akzeptabler Zustand“

          „Und die Märkte reagieren sensibler auf Andeutungen der Notenbanken.“ Es geht also um beides: eine Änderung der Strategie der Notenbanken. Und eine Änderung der Wahrnehmung und der Reaktionen der Anleger. Historisch einmalig ist die Situation allerdings nicht, meint Berry Eichengreen, Ökonom an der University of California in Berkeley. Man müsse sich nur einmal Berichte der Finanzpresse aus dem Paris oder London des 19. Jahrhunderts ansehen, da erinnere auffällig vieles an heute. Es gebe aber im Moment besondere Komponenten, die mit den Folgen der Finanzkrise und der Euro-Krise zusammenhingen. „Die neue Macht der Notenbanken ist die Kehrseite der Ohnmacht der Staaten“, sagt Dennis Snower, der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.

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