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Standpunkt : Ein neues Renten-Narrativ

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Norbert Blüm war bis ins hohe Alter von seinem Diktum der sicheren Rente überzeugt und hielt die Teil-Kapitaldeckung für falsch. Bild: Stefan Finger

Auf das Narrativ „Die Rente ist sicher“ folgte das Narrativ Riester-Rente. Doch es stößt an seine Grenzen. Ein „Deutschlandfonds“ soll sich durch niedrige Kosten und eine breite Risikostreuung auszeichnen. Ein Gastbeitrag.

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          In der sozialpolitischen Diskussion unserer Tage gibt es nur wenige Themen, die ähnlich kompliziert und komplex sind wie die Frage, wie das Rentensystem auch in Zukunft nachhaltig und generationengerecht gestaltet werden kann. Die Untersuchungen, die in Deutschland zur „Financial Literacy“ angestellt wurden, also zu der Fähigkeit, mit finanziellen Fragen umzugehen, zeigen, dass viele Menschen mit der Beurteilung von Finanzprodukten und der Wirkungsweise von Finanzmärkten Probleme haben.

          Das lässt vermuten, dass es nur einen kleinen Teil der Bevölkerung gibt, der das Rentenproblem durchschaut und mit Vorschlägen der Parteien etwas anfangen kann. Es ist ein Kennzeichen unserer Zeit, dass die Welt, in der wir leben, mit rasender Geschwindigkeit komplexer und für den Einzelnen weniger durchschaubar wird. Es bedarf einer Komplexitätsreduktion, um Bürgerinnen und Bürger in die Lage zu versetzen, rational über die bestmögliche Zukunftsgestaltung abzustimmen.

          Eine zentrale Rolle nehmen Narrative ein, also einfache, auf das Wesentliche reduzierte Geschichten, die komplexe Zusammenhänge verstehbar darstellen. Menschen sind auf politische Narrative angewiesen, denn sie geben ihnen Orientierung und helfen bei der Entscheidungsfindung in ansonsten unüberschaubaren Situationen.

          Norbert Blüms Narrativ verschleierte die Lage der Rentenversicherung

          Nun gibt es gute und schlechte Narrative, je nachdem, ob sie vereinfachen oder entstellen. In der Geschichte der gesetzlichen Rente war lange Zeit das Narrativ Norbert Blüms dominierend, das aus dem einfachen Satz bestand „Die Rente ist sicher!“. Je deutlicher sich der demographische Wandel abzeichnete, umso mehr verschleierte dieses Narrativ die wahre Situation, statt eine sinnvolle Vereinfachung der Lage zu liefern.

          Seine abnehmende Kraft führte in den Neunzigerjahren zu intensiven Diskussionen, aus denen ein neues Narrativ geboren wurde. Dieses trägt einen eingängigen Namen: „Riester-Rente“. Mit ihr ist die Geschichte verknüpft, dass man sich auf die gesetzliche Rente allein nicht mehr verlassen kann und selbst sparen muss, um im Alter versorgt zu sein. Damit das gelingt, so die Pointe, hilft der Staat.

          Walter Riester brach mit Norbert Blüm, nun sei es an der Zeit, mit Walter Riester zu brechen, finden die Ökonomen Knabe und Weimann.
          Walter Riester brach mit Norbert Blüm, nun sei es an der Zeit, mit Walter Riester zu brechen, finden die Ökonomen Knabe und Weimann. : Bild: Finn Winkler [FAZ-Recht:2]

          Dieses Narrativ war anfangs sehr erfolgreich. Viele Menschen haben Riester-Verträge abgeschlossen, aber die Komplexität der Materie hat sie eingeholt. Die Produkte, die die Finanzwelt Sparern angeboten hat, waren oft nicht nur kompliziert und intransparent. Sie waren auch oft wirtschaftlich unvorteilhaft, weil ihre Anlagen nur eine geringe Rendite erzielten und die Förderung durch überhöhte Abschluss- und Verwaltungskosten aufgebraucht wurde.

          Riester steht heute für Risiko und Intransparenz

          Narrative entstehen in der sozialen Kommunikation, und dort haben Riester-Verträge keinen guten Ruf mehr. Der Inhalt des Narratives hat sich geändert. Heute steht „Riester“ für Risiko und Intransparenz, und die Pointe ist, dass man davon besser die Finger lässt. Es erscheint aussichtslos, unter dem alten Label eine Reform zu organisieren, die Akzeptanz findet. Einen positiven Inhaltswandel des Riester-Narratives wird man nicht hinbekommen. Für einen neuen Ansatz in der Rentenpolitik braucht es ein neues Narrativ.

          Mit dem Konzept der „Deutschlandrente“ haben wir im Jahr 2015 einen Vorschlag vorgelegt, der sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite des Marktes für private Altersvorsorge in den Blick nimmt. Auf der Nachfrageseite diagnostizieren wir das Kernpro­blem darin, dass es nur eine geringe Bereitschaft gibt, sich mit der eigenen Altersvorsorge bewusst auseinanderzusetzen. Das ist einerseits Ausdruck der hohen Komplexität. Andererseits ist es so, dass Menschen Entscheidungen scheuen, die heute mit Sicherheit Kosten erzeugen, deren zukünftige Erträge aber höchst unsicher sind.

          Diese psychologisch gut erforschten Mechanismen führen dazu, dass Menschen dazu tendieren, im Status quo zu verharren. Das erklärt, warum es mit Betriebsrenten nicht so recht weitergeht. Bisher erfordert die private Altersvorsorge eine aktive Entscheidung (Opt-in). Wir schlagen vor, auf der Nachfrageseite zu einer Widerspruchslösung (Opt-out) zu wechseln. Dabei würde jeder Beschäftigte zunächst über seinen Arbeitgeber versichert, könnte aber jederzeit und ohne Aufwand diesen Zustand beenden.

          Mehr Leute sorgen fürs Alter vor, wenn sie einen leichten Stups bekommen

          Aus Feldexperimenten in den USA weiß man, dass das zur Folge hat, dass deutlich mehr Menschen für das Alter vorsorgen. Die Widerspruchslösung ist Ausdruck eines sanften Paternalismus. Niemand wird gezwungen, eine Rentenversicherung abzuschließen. Aber die Menschen erhalten einen „Nudge“, also einen leichten Stups, in der Hoffnung, dass sie freiwillig in die gewünschte Richtung gehen.

          Damit so ein positives Narrativ entstehen kann, muss das Ganze von der Angebotsseite gestützt werden. Die Abwicklung, also der Abschluss der Rentenversicherung und die staatliche Förderung, muss massiv vereinfacht werden. Möglichkeiten dazu existieren, und wir haben sie in unserem Konzept ausführlich beschrieben. In den Unternehmen dürfen keine zusätzlichen Kosten entstehen, denn die Mitarbeit der Arbeitgeber ist für ein effizientes Widerspruchssystem unabdingbar.

          Aber mit einer reinen Reorganisation ist es nicht getan. Das Kernproblem auf der Angebotsseite waren und sind die fehlende Transparenz und die hohen Kosten. Ergänzend kommt hinzu, dass die gesetzlich verankerten Garantien den Spielraum derart verringert haben, dass für eine ausreichende Rendite kaum gesorgt werden kann. Wir sprechen uns für eine Wahlmöglichkeit aus, bei der Menschen freiwillig auf Garantien verzichten können, um höhere Renditechancen wahrzunehmen.

          Ein Deutschlandfonds soll im Wettbewerb mit privaten Anbietern stehen

          Wir schlagen vor, ein staatlich organisiertes Standardprodukt zur Altersvorsorge zu schaffen. Dieser „Deutschlandfonds“ soll sich durch niedrige Kosten und eine breite Risikostreuung auszeichnen. Er muss sich – das ist unabdingbar – dem Wettbewerb mit privaten Anbietern stellen. Versicherte können jederzeit und ohne Kosten zwischen Deutschlandfonds und privaten Anbietern wechseln.

          Die Deutschlandrente hätte das Zeug, ein neues Narrativ zu schaffen. Die Grund­voraussetzung ist, dass es die komplexe Materie geeignet und im wohlverstandenen Interesse der Betroffenen vereinfacht und transparent macht. Genau das leistet die Geschichte, die erzählt, dass es sich lohnt, in der Versicherung zu bleiben, weil dort gespartes Geld gut angelegt ist und kaum Kosten entstehen.

          Es gibt in der Rentendiskussion andere Narrative, die in den letzten Jahren verwirrt haben. Es ist kaum in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen, wenn in der Politik einerseits davon geredet wird, dass eine längere Lebensarbeitszeit notwendig ist, gleichzeitig aber die Rente mit 63 eingeführt und mit dem Narrativ verbunden wird, dass nach 45 Jahren Arbeit die Lebensleistung erbracht sei. Solche Inkonsistenzen erzeugen Verwirrung und sind nicht geeignet, Menschen davon zu überzeugen, dass private Altersvorsorge notwendig ist. Die Deutschlandrente kann dagegen genau das leisten.

          Die Ökonomen Andreas Knabe (Finanzwissenschaft) und Joachim Weimann (Wirtschaftspolitik) forschen und lehren an der Universität Magdeburg.

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