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Top-Ökonom im Gespräch : „Ich hätte mich über Weidmann gefreut“

Christine Lagarde und Bundesbank-Präsident Jens Weidmann im Jahr 2015 Bild: AP

Der in Princeton lehrende deutsche Ökonom Markus Brunnermeier kennt sich in der Geldpolitik aus wie wenige andere. Er erklärt, was der Wechsel an der EZB-Spitze bedeutet.

          Professor Brunnermeiner, hat Sie die Entscheidung, die IWF-Chefin für die Spitze der EZB zu wählen, überrascht?

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Ich wusste, dass Frau Lagarde eine der Anwärterinnen war. Von daher bin ich nicht überrascht, obwohl ich nicht erwartet hatte, dass die Europäer die IWF-Chefposition aufgeben würden.

          Lagarde ist Juristin. Kann jemand ohne tiefgehende akademische und praktische Ausbildung in der Geldpolitik die zweitwichtigste Notenbank der Welt führen?

          Grundlegende Fachkenntnis in der Geldpolitik und ein gutes Verständnis der Finanzmärkte sind in der Tat eine Grundvoraussetzung für die EZB-Präsidentschaft.  Allerdings ist Frau Lagarde nicht nur Juristin, sondern auch ehemalige französische Finanzministerin und Chefin des Internationalen Währungsfonds. Man kann sich geldpolitische Kenntnisse auch als Chefin des IWF aneignen.

          Was muss ein Geldpolitiker heute anderes können als vor zwanzig Jahren?

          Drei neue Aspekte stechen hervor: Erstens hat uns die Finanzkrise klar vor Augen geführt, dass die Finanzstabilität verglichen mit der Geldpolitik nicht nur eine Nebenrolle spielt. Zweitens hat die internationale Dimension sehr an Bedeutung gewonnen - Schwellenländer sind zu Wirtschaftsgrößen herangewachsen, die in vielerlei Hinsicht Weltmärkte bewegen. Und drittens erfordern neue technologische Entwicklungen im Bereich des Geldes eine Feinjustierung des Denkens.

          Die amerikanische Notenbank Fed hat eine Zinssenkung in Aussicht gestellt, Mario Draghi eine abermalige Lockerung. Ist das wirklich nötig im aktuellen Umfeld?

          Die Weltwirtschaft scheint sich abzuschwächen, auch wegen der Handelskonflikte. Dies erfordert Wachsamkeit. Allerdings muss man auch festhalten, dass die Wirksamkeit der Geldpolitik zunehmend an ihre Grenzen stößt und neue Wege gefunden werden müssen.

          Hat Draghi einen guten Job gemacht?

          Mario Draghi ist sehr hoch anzurechnen, dass er das Auseinanderbrechen des Euros verhindert hat. Denn das hätte das größere europäische Projekt gefährden können.    

          Wäre mit Jens Weidmann nun nicht ein Deutscher dran gewesen für die Spitze der Euro-Notenbank?

          Jens Weidmann verdient mit seiner professionellen Herangehensweise höchste Anerkennung für seine Arbeit als Bundesbankpräsident. Ich hätte mich auch als Deutscher gefreut, wenn ein Deutscher diese Position hätte besetzen können. Bei dieser Besetzung mussten jedoch viele politische Gesichtspunkte abgewogen werden.

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