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Spätfolgen der Pandemie : EBRD befürchtet „Zombifizierung des Unternehmenssektors“

Die Österreichische Nationalbank in Wien Bild: Bloomberg

Viele Betriebe haben sich in der Pandemie auf Staatshilfen verlassen. Das rächt sich bei steigenden Zinsen. Bankenaufseher und die Europäische Förderbank EBRD werden nervös.

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          Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) warnt vor den Gefahren einer dauerhaften Überschuldung von Betrieben und einer „Zombifizierung des Unternehmenssektors“. Aktuell sei das zwar „noch“ nicht der Fall, doch bestehe das Risiko, falls im Kern nicht lebensfähige Firmen durch Vergabe immer neuer Kredite weitergeschleppt würden – zum Schaden der Volkswirtschaft und ihrer Konkurrenten, die sich am Markt einem unfairen Wettbewerb stellen müssten und schlechteren Zugang zu Kapital bekämen.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Nachdem die Pandemie zu einer immer höheren Unternehmensverschuldung geführt habe, sei es nun an der Zeit, dass die Staaten ihre Kreditlinien zurückführten und die Banken mehr Vorsorge betrieben, schreibt die Osteuropabank EBRD in einem neuen Bericht zum Stand der wirtschaftlichen Angleichung der von ihr betreuten Staaten. Das sind vor allem die in Osteuropa, der früheren Sowjetunion sowie die Türkei. Insbesondere die schnell steigenden Zinssätze nährten Zweifel, ob die Betriebe künftig stark steigende Kreditlasten tragen könnten – mit womöglich weitreichenden Folgen für Banken und Volkswirtschaften.

          Österreichische Nationalbank nervös

          Diese Sorge treibt auch die Österreichische Nationalbank (OeNB) um, die unter anderem die stark in Osteuropa engagierten österreichischen Banken wie Erste Group und Raiffeisen Bank International (RBI) beaufsichtigt. Zwar verfüge der Bankensektor über eine „solide Risikotragfähigkeit“. Doch führten die negativen Auswirkungen der Inflation sowie die andauernden geopolitischen Spannungen zu wachsenden Stabilitäts­risiken auf den Finanzmärkten. Deshalb sollten die Banken ihre gute Ertragslage für eine weitere Stärkung der Kapitalbasis nutzen und ihre „hervorragenden“ Ratings sichern, verlangt OeNB-Vize-Gouverneur Gottfried Haber.

          Die geplante Erhöhung der makroprudenziellen Kapitalpuffer werde die Resilienz und die Reputation des österreichischen Bankensektors weiter stärken. Ein Grund für die Vorgaben zu mehr Vorsorge dürfte das große Engagement der RBI in Russland sein. Die Bank ist eines der wenigen westlichen Kreditinstitute, das noch in Russland aktiv ist und so auch Zahlungsflüsse für vom Westen nicht sanktionierte Geschäfte ermöglicht. RBI erwägt, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen. Es ist aber unklar, wie und zu welchen Konditionen das gelingen kann.

          EBRD sorgt Kreditwachstum

          Die EBRD stellt in ihrer Analyse auf das starke Kreditwachstum der Unternehmen in ihrer Region ab. Angetrieben von billigen Staatskrediten hätten die Ausleihungen die bisherige Höchstmarke aus dem Jahre 2016 überschritten. 2021 hätten sie erstmals den Wert von 150 Prozent des Bruttoinlandproduktes übertroffen. Von 2009 bis 2020 sei der mittlere Zinssatz von 10 auf 4 Prozent gefallen, wobei bereits länger angeschlagene Betriebe sich vielfach zu noch günstigeren Sätzen verschulden könnten – oft seien dies Staatsunternehmen oder solche, die von staatlichen Banken über Wasser gehalten würden.

          Eine Sektoranalyse zeige, dass es sich dabei oft um Unternehmen aus der Öl-, Gas-, Kohle- oder Wasserbranche handle, die politisch gesteuert seien. Das Aufheben von Moratorien für die Zwangsvollstreckung und Insolvenz von Staatsunternehmen sowie das planmäßige Schließen zahlungsunfähiger staatlicher Betriebe seien allerdings unerlässlich, nicht zuletzt um die Führung dieser Unternehmen nach anerkannten Maßstäben langfristig zu verbessern.

          Zombifizierung befürchtet

          Auch wenn es unter den außergewöhnlichen Umständen der Pandemie richtig gewesen sei, Unternehmen zu schützen, „führt die fortwährende Verlängerung von Krediten für nicht lebensfähige Unternehmen zu deren Zombifizierung“, warnt die EBRD in ihrer Analyse. Diese behindere den Prozess der kreativen Zerstörung, die ein wesentliches Element einer gesunden und dynamischen Wirtschaft sei. Die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) definiert „Zombie-Unternehmen“ als solche, die mehr als zehn Jahre bestehen und in drei aufeinanderfolgenden Jahren nicht in der Lage waren, ihre Zinslast aus dem operativen Ergebnis zu decken.

          Knapp ein Viertel der untersuchten Betriebe gelte als finanziell angeschlagen – jedes fünfte von ihnen, also 5 Prozent aller Betriebe, müsse als „Zombie-Unternehmen“ bewertet werden. Unter den Staatsbetrieben liege die Quote allerdings viel höher, bei 13 Prozent.

          Die Regierungen sollten die Finanzhilfen für die Betriebe schrittweise zurückfahren, die Bankenaufsicht stärken, die Insolvenzverfahren reformieren sowie private Schulden- und Aktienmärkte entwickeln, rät die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gegründete Entwicklungsbank, die nur den Privatsektor fördert.

          Eine Reform des Insolvenzrechtes und eine effiziente Restrukturierung allein reichten nicht aus, um die Kreditvergabe an „Zombie-Firmen“ zu verhindern. So habe das 2016 in Indien eingeführte neue Insolvenzrecht wenig Auswirkungen auf die Kreditvergabe an solche Unternehmen gehabt, da die überwiegend staatseigenen und zudem schlecht kapitalisierten Banken weiter Kredite ausgereicht hätten. Schlecht kapitalisierte Banken vergäben deshalb weiter Kredite an „Zombie-Unternehmen“ und prolongierten auf diese Weise deren Zustand, weil sie im Falle einer Insolvenz des Schuldners selbst in Bedrängnis geraten könnten.

          Die Kürzung staatlicher Kreditgarantien und Subventionen müsse schrittweise geschehen, wobei die Rückführung sich idealerweise auf strukturell schwache Unternehmen konzentrieren solle. Regierungen sollten, wenn, nur solvente und lebensfähige Unternehmen mit vorübergehenden Liquiditätsproblemen finanziell abfedern. Banken rät die EBRD, ihre Kreditnehmer ausreichend zu begutachten und „angemessen für Verluste vorzusorgen“.

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