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E-Trade-Übernahme : Morgan Stanley kauft sich in Massenmarkt ein

Vor einem Büro des Brokers E-Trade Bild: AFP

Der Plan des Wall-Street-Riesen, einen Online-Broker zu übernehmen, hat für Aufsehen gesorgt. Was steckt dahinter und wie geht die Bank mit dem Preisdruck bei Geldanlagen im Internet um?

          2 Min.

          Es ist die größte Übernahme durch eine große Wall-Street-Bank seit der Finanzkrise des vergangenen Jahrzehnts: Morgan Stanley hat am Donnerstag den Kauf des Online-Brokers E-Trade Financial für 13 Milliarden Dollar in eigenen Aktien angekündigt. Für den traditionsreichen New Yorker Finanzkonzern ist das ein weiterer Schritt weg vom volatilen Handelsgeschäft. Es ist außerdem ein Versuch, ein breiteres Publikum zu erschließen. Wall-Street-Häuser wie Morgan Stanley sind als Banken für Unternehmen, Profianleger und Superreiche bekannt, entdecken aber in jüngster Zeit zunehmend das Geschäft mit gewöhnlichen Kunden.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Der Wettbewerber Goldman Sachs zum Beispiel bietet mit seiner vor wenigen Jahren gegründeten Online-Plattform Marcus Verbraucherkredite und Sparkonten an. Er hat außerdem unlängst in Zusammenarbeit mit dem Elektronikkonzern Apple seine erste Kreditkarte herausgebracht. Er wurde auch selbst als möglicher Interessent für E-Trade gehandelt.

          Preise unter Druck

          Mit der Übernahme setzt sich eine ereignisreiche Zeit im Geschäft von Online-Brokern fort. Michael Pizzi, der Vorstandsvorsitzende von E-Trade, sprach kürzlich von „tektonischen Veränderungen im Wettbewerbsumfeld“ im vergangenen Jahr. Er spielte damit zum einen auf einen maßgeblich vom Wettbewerber Charles Schwab angestoßenen Preiskampf an. Der Broker überraschte im Herbst mit der Ankündigung, seinen Kunden beim Handel mit amerikanischen Aktien, Indexfonds und Optionsscheinen künftig keine Gebühren mehr zu berechnen.

          Damit brachte er das Geschäftsmodell der Branche durcheinander und traf vor allem seine Wettbewerber E-Trade und TD Ameritrade, die einen größeren Teil ihrer Umsätze mit solchen Gebühren erzielen. Die Aktie von E-Trade verlor nach dieser Ankündigung damals mehr als 15 Prozent an Wert. E-Trade und andere Konkurrenten sahen sich umgehend gezwungen, ihre Gebühren ebenfalls zu eliminieren. Wenige Wochen nach diesen Preissenkungen folgte ein weiterer Paukenschlag, als Charles Schwab die Akquisition von TD Ameritrade für 26 Milliarden Dollar ankündigte. Seither wurde auch E-Trade als Übernahmekandidat gehandelt.

          E-Trade wurde 1982 gegründet und verfolgte ebenso wie auch Charles Schwab den Ansatz, den Handel mit Aktien für die breite Masse erschwinglich zu machen. Die Börseneuphorie der neunziger Jahre half dem Unternehmen, sich zu etablieren. Auch die gute Börsenentwicklung der jüngsten Zeit kommt Online-Brokern zugute.

          Dem steht nun aber der Preisdruck gegenüber, der nicht nur von Charles Schwab ausgelöst wurde, sondern auch von jüngeren Anbietern wie Robinhood, die mit gebührenfreien Transaktionen werben. Wegen des Preiskampfs meldete E-Trade kürzlich in seinem Quartalsbericht rückläufige Umsätze mit Gebühren. Das Unternehmen leidet derzeit außerdem unter schrumpfenden Zinseinnahmen.

          Trotzdem sieht Morgan Stanley offenbar in E-Trade einen attraktiven Partner und zahlt für das Unternehmen einen Preisaufschlag von rund 30 Prozent auf den Aktienkurs am Mittwoch. E-Trade bringt Morgan Stanley einer Mitteilung zufolge 5,2 Millionen Kunden und deren Vermögen von 360 Milliarden Dollar. Der Aktienkurs von E-Trade stieg daher um 26 Prozent stark. Morgan Stanleys bisherige Kunden verfügen zusammen über ein Vermögen von 2,6 Billionen Dollar.

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