https://www.faz.net/-gv6-8humn

Düstere Aussichten : Deutsche Banken im Bermuda-Dreieck

Das Bankenviertel in Frankfurt am Main Bild: Claus Setzer

Niedrige Zinsen, strikte Regulierung, innovative Finanz-Start-ups: Deutsche Banken verdienen immer weniger und müssen dringend neue Geschäftsmodelle finden. Das kostet aber Geld. Ein Teufelskreis.

          Der Banker mag weiterhin ein gebügeltes Hemd tragen, aber auf seiner Stirn zeichnen sich zunehmend Falten ab: Er macht sich Sorgen, denn die Geschäfte laufen immer schlechter. Die Umsätze sinken, die Ertragszuwächse gehen zurück, die Stimmung ist entsprechend im Keller. Der CFS-Index, der alle drei Monate das Geschäftsklima in der deutschen Finanzbranche abbildet, ist im ersten Quartal dieses Jahres auf einen so niedrigen Wert gesunken wie seit Ende der Finanzkrise nicht mehr. Und wer ist schuld daran? Vor allem die Europäische Zentralbank (EZB) und ihr Präsident Mario Draghi. Sie gefährden die Geschäftsmodelle deutscher Banken, heißt es schnell.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Akute Niedrigzinsen sowie gnadenlose und teure Regulierung, aber auch die stärker werdende Konkurrenz durch junge Unternehmen der Finanztechnologie, sogenannte Fintechs, machen den Kreditinstituten immer schwerer zu schaffen. Viele Banken drohen in diesem Bermuda-Dreieck früher oder später unterzugehen. Es sei denn, sie retten sich, indem sie ihre Geschäftsmodelle anpassen, oder aber sie klammern sich aneinander, fusionieren also. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret spricht von einem „normalen Ausleseprozess“, der sich vollzieht. Das Wort Bankensterben kommt niemandem schnell über die Lippen in Deutschland, wo die Bankenbranche so mannigfaltig ist wie kaum in einem anderen Land.

          Geschäftsmodelle stehen auf dem Prüfstand

          So unterschiedlich die Geschäftsmodelle der Banken sind, so ähnlich sind ihre Leiden in der Niedrigzinsphase. Vor der Finanzkrise, die zu der aktuellen Zinskrise führte, gestaltete sich das Geschäft ruhiger und einfacher. Die Banker lebten gut von der sogenannten Fristentransformation, indem sie kurzfristige Einlagen für einen recht niedrigen Zinssatz einsammelten und in deutlich höher verzinste langfristige Kredite umwandelten. Nun beklagen Banken und Sparkassen einhellig, dass ihre sogenannten Zinsüberschüsse schwinden. Das heißt, der Abstand zwischen ihren Zinseinnahmen, die sie für Kredite und eigene Geldanlagen erhalten, und jenen Zinsen, die sie ihren Kunden für Spareinlagen zahlen, wird immer geringer. Er beträgt derzeit nur noch 1,1 Prozentpunkte (siehe Grafik).

          Und die Situation für die Banken wird in den kommenden Jahren, wenn immer mehr hoch verzinste Altkredite auslaufen, immer prekärer. 2007 sind zehnjährige Hypotheken noch zu einem durchschnittlichen Zinssatz von 5 Prozent vergeben worden. Immobilienkredite, die heute vergeben werden, bringen den Finanzinstituten gerade noch 1,8 Prozent. Um die schlechteren Margen einigermaßen auszugleichen, müssten die Banken mehr Kredite vergeben. Dafür brauchen sie aber eine höhere Bilanzsumme, was wiederum durch die nach der Finanzkrise strengere Regulierung erschwert wird. Die Banken müssen seither mehr Eigenkapital vorhalten, um so gut wie möglich gegen Krisen gewappnet zu sein.

          Angesichts des schwindenden Zinsüberschusses steht vor allem das Geschäftsmodell kleiner bis mittelgroßer Banken sowie Sparkassen auf dem Prüfstand. „Die Niedrigzinsphase tötet Banken, die eng am Kunden sind“, sagt der Stuttgarter Finanzprofessor Hans-Peter Burghof: „Es ist eine Katastrophe.“ Große Banken sind eher in der Lage, Einbußen im Einlagengeschäft durch Erträge in anderen Bereichen auszugleichen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Müssen die Grünen bald einen Kanzlerkandidaten aufstellen? Jubel am Sonntag auf der Wahlparty in Berlin

          Nach dem Wahlwochenende : Altes Schema, neue Akteure

          Es scheint in Deutschland ein altes Rechts-Links-Muster zu geben. Doch wofür einst CDU und SPD ausreichten, werden jetzt Grüne und AfD gebraucht. Bleibt da dauerhaft Platz für die CDU? Eine Analyse.
          Innenminister und Lega-Chef Salvini bei einer Pressekonferenz nach der Europawahl

          Lega siegt in Italien : Und wieder küsst er das Kruzifix

          Matteo Salvinis Lega erzielt bei der Europawahl das beste Ergebnis ihrer Geschichte – und kann damit wohl auch ihren Koalitionspartner Fünf Sterne unter Druck setzen. Der Parteichef zelebriert den Erfolg am Montag mit einer umstrittenen Geste.
          EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber am späten Sonntagabend in Brüssel.

          Weber zu Europawahl-Ergebnis : „Ein großer Sieg für Europas Demokratie“

          Die EVP wird wieder stärkste Kraft im Europaparlament – trotz deutlicher Verluste. Als Gewinnerin sieht Spitzenkandidat Weber seine Fraktion nicht. Im Rennen um den Posten des Kommissionspräsidenten stellt er trotzdem klare Bedingungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.