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© Bettina Wolff

Dream Big: Frankfurt träumt von Fintech

Von BETTINA WOLFF

18. November 2016 · Sie sind jung, hip, digital und mutig: Frankfurter Gründer von Fintech-Unternehmen. Der hessische Wirtschaftsminister möchte sie unbedingt an den Standort binden. Aber was genau machen die neuen, kleinen, nerdigen Finanz-Start-ups, vor denen sogar die großen Banken Respekt haben? Ein Besuch in der Szene.

© Bettina Wolff Was ist ein Fintech-Start-up? Junge Gründer erklären.

Es ist bunt, laut, Leben im Frankfurter Ausgeh- und Künstlerviertel Bornheim. Viele junge Leute schlendern zur Mittagspause auf der Berger Straße. „Früher ging es mir mehr um Lifestyle, heute geht es mir vor allem um Selbstbestimmung“, sagt Yassin Hankir, der sich mit anderen Berufstätigen durch das Getümmel schiebt. Er eilt von einem der Restaurants mit exotischer Essensauswahl zurück ins Büro. Als Gründer eines jungen Finanztechnologie-Unternehmens, kurz Fintech, hat er keine Zeit zu verlieren. Hankir ist 35 Jahre alt, hat einen Doktortitel und zudem zwei Start-ups gegründet. Er trägt Brille, Vollbart, Jeans und ein kariertes Hemd ohne Krawatte. Nur zwei Straßen entfernt arbeitet er mit seinen Kollegen und drei weiteren jungen Unternehmen in den mietfreien Räumlichkeiten der Deutschen Börse. Auch Banken wie die Commerzbank betreiben in Frankfurt Inkubatoren als "Wegbegleiter" für Fintechs. So möchten sie von deren Innovationen für Finanzdienstleistungen profitieren. Vor Kurzem hat der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) das offizielle Frankfurter Gründerzentrum „Tech Quartier“ mit den Worten eröffnet: „Frankfurts Fintech-Traum wird wahr.“ Die Mainmetropole soll zum europäischen Fintech-Mittelpunkt werden. Schließlich ist „Mainhatten“ ein internationales Finanzzentrum. Zu den Hauptsponsoren des Tech Quartiers gehört auch die Deutsche Börse. Ihren eigenen Fintech Hub hatte sie im Mai eröffnet. Mittlerweile haben sich die vier Start-ups dort gut eingelebt: Savedroid, Cashlink, Fintura und Dwins.

© Etienne Lehnen Bei der Arbeit: Die Savedroid-Crew samt Hund in ihrem Büro im Fintech Hub.

Yassin Hankir möchte mit „Savedroid“ jungen Leuten beim Sparen helfen. Früher hat er als Berater bei McKinsey gearbeitet und sich, wie er selbst sagt, für einen aufregenden und kostspieligen „Lifestyle“ entschieden. Doch nach vier Jahren fragte er sich, wofür er das ganze Geld verdiente, wenn er weder Zeit hatte, es auszugeben, noch Leben und Beruf frei gestalten konnte. Also machte er sich trotz der Einwände seiner Eltern selbstständig. „ ‚Junge, willst du die Sicherheit einer Festanstellung wirklich aufgeben?‘ fragten sie und der Witz dabei ist ja, dass sie selbst Unternehmer waren!“ So veranschaulicht Hankir die Skepsis, die dem Unternehmertum hier entgegengebracht werde. „In Deutschland geht es bei Investorengesprächen vor allem um das Risiko, während es in den USA in erster Linie um das Potential eines Start-ups geht.“

© Bettina Wolff Unternehmer Yassin Hankir erklärt seine Handy-App „Savedroid“.

Ein Hindernis scheint das für den jungen Gründer aber nicht zu sein. Denn für sein Fintech-Unternehmen Savedroid erhielt er im Juni insgesamt eine Million Euro von der Landesförderbank Rheinland-Pfalz sowie von privaten „Business Angels“. Bis dahin hatte sich sein weniger als ein Jahr zuvor gegründetes Unternehmen komplett mit Eigenkapital in sechsstelliger Höhe über Wasser gehalten. Nun ist die Handy-Anwendung „Savedroid“ im Google Play Store erhältlich und bis Ende des Jahres auch im App Store von Apple. Mit „Savedroid“ erlegen sich die Nutzer selbst Sparregeln auf, sodass zum Beispiel bei jedem Spaziergang automatisch eine bestimmte Summe auf ein Sparkonto geschoben wird. Das Handy „denkt“ dann mit und bietet seinem Nutzer künftig auch direkt passende Deals von Partnerunternehmen an, um das gesparte Geld wieder auszugeben. Diese künstliche Intelligenz bis hin zur Geldanlage über das Handy zu trainieren, sei die Zukunft. Warum sich Sparen lohnt, geht aus der Jugendstudie des Bankenverbandes hervor. Demnach haben 31 Prozent der 14- bis 24-Jährigen schon einmal Schulden gemacht. Und im Kredit-Kompass der Schufa ist nachzulesen, dass Deutsche unter 40 Jahren ihre Kredite überdurchschnittlich häufig nicht bedienen können. Da verwundert es nicht, dass die größte Zielgruppe von Savedroid bei Sparern im Alter von 18 bis 26 Jahren liegt – dicht gefolgt von den Sechsundzwanzig- bis Sechsunddreißigjährigen.

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Der Fintech Hub der Deutschen Börse befindet sich in einer ehemaligen Arzneimittelfabrik in der Nähe der Bornheimer Ausgehmeile. Hier wurde im dritten Stock eine Loft-Atmosphäre mit lichtdurchfluteten Büro- und Konferenzräumen geschaffen. Im Mai sind die jungen Gründer des Start-ups „Cashlink“ gleich mit einem Umzugstransporter vorgefahren.

© Bettina Wolff Gründer Dominik Steuer und Lars Olsson erklären „Cashlink“.

Denn sie kamen frisch von der Technischen Universität Karlsruhe. Als Studenten hatten sie bei gemeinsamen Unternehmungen und Partys oft das Geld für ihre Freunde vorgestreckt und fanden es dann sehr mühsam, die Kleckerbeträge wieder einzeln einzusammeln. So entstand die Idee für einen Link, den man online erstellen und mit dem jeder ganz einfach Geld überweisen kann. Dafür ist es nicht einmal nötig, die Kontodaten des Empfängers zu kennen. Ende des Jahres wird der Service auf den Markt kommen. „In zehn Jahren bezahlen wir nur noch mit dem Handy“, sagt Gründer Michael Duttlinger. Da sind sich die zwischen zwanzig und vierzig Jahre alten Unternehmer im Fintech Hub meist einig. Wie man selbst Teil dieser Entwicklung sein kann, darüber tauschen sie sich in der Café-Bar mitten im Hub aus. Hier duzen sich alle, egal ob sie schon jahrelange Berufserfahrung haben oder noch studieren, ob sie Anzug- oder Jeansträger sind, die Haare kurz tragen oder im langhaarigen „Nerdstyle“ – der Ton ist ungekünstelt locker. Durch die Probleme und Herausforderungen, die sich allen Start-ups stellen, bildet sich eine Schicksalsgemeinschaft. Laut Eric Leupold, dem Fintech-Hub-Verantwortlichen der Deutschen Börse, sollen auch Start-ups von außerhalb die Möglichkeit haben, in den „Ko-Working Spaces“ zu arbeiten. Das an der Frankfurter Börse gelistete Fintech Start-up „Cashcloud“ nimmt dieses Angebot schon heute in Anspruch.

© Michael Kretzer Die Experten unterstützen die Gründer direkt vor Ort.

„Wenn natürlich die Deutsche Börse uns einen Termin vermittelt, dann wissen wir, wir reden jetzt mit jemandem, der Experte in diesem Gebiet ist und das verkürzt für uns natürlich extrem die Wege“, erklärt Cashlink-Mitgründer Steuer die Vorzüge des Fintech Hubs. „Bei Großbanken verhungerst du oft auf den Fluren“, ergänzt Kollege Duttlinger. Schon am zweiten Tag nach dem Einzug in den Frankfurter Fintech Hub wurden Investoren durch das Gebäude geführt. Denn auch Mitarbeiter des Deutsche Börse Venture Networks haben dort ihre Büros. Leiter Eric Leupold erläutert den Zusammenhang: „Die Investitionen in deutsche Start-ups im letzten Jahr haben schon gezeigt, dass gerade Deutschland ein super attraktiver Standort ist für Start-ups und da hat sich auch viel entwickelt.“ Es fließe viel Geld aus dem Ausland und natürlich verspreche sich die Deutsche Börse von ihrer Unterstützung der Start-ups langfristig auch Börsengänge in Frankfurt.

© Bettina Wolff Unternehmer Gernot Overbeck erklärt „Fintura“.

Ein Stockwerk höher liegt der Start-up-Gründer Gernot Overbeck auf einer Entspannungsliege vor seinem Büro und telefoniert. Über ihm hängt ein Schild mit der Aufforderung „Dream big“. Getreu diesem Motto fasst er die Vision seines Vergleichsportals „Fintura“ für Bankenkredite zusammen: „Wir helfen, den Banken Feuer unter dem Hintern zu machen.“ Auch er arbeitete früher als Berater und hat so seinen Mitgründer Thomas Becher kennengelernt, der siebzehn Jahre bei der Deutschen Bank gearbeitet hatte. Vor zwei Jahren machte er sich zusammen mit Overbeck selbstständig. „Für mich ist jetzt wichtig, tatsächlich auch einmal selbst auszuprobieren, was wir unseren Kunden immer geraten haben“, sagt er. Nämlich als Unternehmer seine Ideen in die Tat umzusetzen, etwas zu riskieren - und möglichst erfolgreich zu sein. Mit „Fintura“ wolle man „Wettbewerb durch Transparenz“ schaffen und dadurch das Finanzgeschäft „auf den Kopf stellen“. Große Träume also.

© Bettina Wolff

Nebenan haben die Zwilligsbrüder Alexander und Benjamin Michel ihr Büro. Vom Fenster aus sehen die Gründer des Start-ups „Dwins“ (das steht für „digital wins“) sowohl die Europäische Zentralbank als auch Bechers ehemaligen Arbeitgeber in der Skyline des Frankfurter Bankenviertels. Der Kontrast ist bildlich: Die Online-Finanzdienste der Fintechs werden gerade auch für die traditionellen Banken immer wichtiger, die hier allerdings massiven Nachholbedarf haben. Ein Fünftel aller Volljährigen hat nach Angaben eines Sprechers der Deutschen Börse schon im vergangenen Jahr keine Bankfiliale mehr besucht. „Wir glauben, dass es in zehn Jahren eine künstliche Intelligenz geben wird, die finanzielle Beratung automatisiert und unabhängig übernimmt“, erklärt der Dwins-Gründer Alexander Michel. Denn sein Start-up setzt auf Kundendatenanalyse, um einen noch individuelleren Service bieten zu können. Seinem Zwillingsbruder Benjamin Michel ist es wichtig zu betonen, dass Fintech-Dienstleistungen die gleichen Sicherheitsstandards wie Banken hätten. Er weiß auch mit Mitte Zwanzig, wovon er redet, denn wie später auch sein Bruder, arbeitete er vor der Unternehmensgründung im e-Finance-Bereich der Deutschen Postbank. Jetzt gehe es ihnen um die Unabhängigkeit ihrer Dienstleistung von den Eigeninteressen der Banken und um mehr Transparenz für den Kunden.

© Bettina Wolff Was machen Fintechs in Frankfurt?

Die Brüder fühlen sich in ihrer Heimat verwurzelt – und auch dem Team von Fintura, den Jungs von Cashlink und Hankir von Savedroid geht es so. Man habe zwar auch das Silicon Valley im Blick – wo die Teams von Fintura und Savedroid schon ihre Start-up-Ideen auf der Fintech-Konferenz „Finovate“ vorgestellt haben – aber momentan würden sich ihre Ziele erst einmal auf Deutschland und die Frankfurter Skyline beschränken. Als Start-up erlebe man grundsätzlich mehr Rückschläge und Frustration als Erfolge. „Das muss man abkönnen und braucht dafür vielleicht so etwas wie ein ‚Gründer-Gen‘“, lacht Hankir ganz ohne Bitterkeit. In einer Entrepreneurship-Vorlesung der Goethe-Universität hat sein Savedroid-Team auch gleich seine App bei den Studenten getestet. „Trial and Error“ sei dabei das A und O, um das Endprodukt möglichst nutzerfreundlich zu gestalten. „Es geht darum, nicht mehr die Finanzen zu managen, sondern das Leben“, fasst Alexander Michel die Fintech-Vision zusammen. Die Frage, ob diese Entwicklung eine neue Abhängigkeit von den Diensten der Technologie-Unternehmen mit sich bringt, beantwortet Hankir mit einer Gegenfrage: „Wie reagiert man als User darauf? Die gleichen Leute, die sagen ‚Datenschutz ist mir sehr wichtig‘, benutzen in der Regel Apps etwa von Facebook, Google, Whatsapp, Snapchat und so weiter. Das sind typischerweise Anwendungen, die sehr datenintensiv sind.“ Daten seien heute längst zur Währung geworden, aber die Fintech-Szene tummele sich an einem ganz anderen Platz: „Da ist momentan eher die Anstrengung, tatsächlich auch User zu finden und mal im ersten Schritt überhaupt eine kritische Marktgröße zu erreichen, dass man überlebensfähig wird.“

© Etienne Lehnen Immer dabei: Ohne Laptop läuft nichts.

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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 19.11.2016 14:31 Uhr