https://www.faz.net/aktuell/finanzen/dispozinsen-steigen-auf-mehr-als-10-prozent-18367260.html

Zinswende : Dispozinsen fürs Girokonto steigen auf mehr als 10 Prozent

Finanzplatz Frankfurt: Viele Banken haben in den vergangenen Wochen die Dispozinsen angehoben. Bild: dpa

Die Zinswende macht auch vor den Kosten fürs Überziehen des Girokontos nicht halt. Dabei könnten in diesem Winter mehr Verbraucher als bisher mit dem Konto ins Minus rutschen. Greift die Politik ein?

          3 Min.

          Es gibt nicht viele Zinssätze, die in diesen Tagen die Höhe der Inflation erreichen: Sparer werden von den Banken für ihr Erspartes trotz allem weiterhin mit kleinen Anerkennungen abgespeist, die nach Abzug der Inflation immer noch tief im Negativen liegen. Aber einen Zinssatz lässt die Zinswende jetzt über die Inflationsrate von 10 Prozent klettern: Die Dispozinsen, die Inhaber von Girokonten für eine Kontoüberziehung im vereinbarten Dispositionsrahmen zu zahlen haben, sind nach Zahlen der Verbraucherplattform Biallo im Durchschnitt auf 10,052 Prozent gestiegen. Commerzbank, Hypovereinsbank, DKB: Viele Institute haben diese Dispozinsen in den vergangenen Wochen erhöht, wie die Internetplattform Konto.org zusammengestellt hat. Bei einzelnen Banken betrug der prozentuale Anstieg demnach sogar bis zu 41 Prozent.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das könnte auch deshalb nicht unwichtig sein, weil hohe Energierechnungen den einen oder anderen Verbraucher im Laufe des Winters in den Dispo treiben könnten. Zum Jahresanfang sollen rund 6,6 Millionen Deutsche ihr Konto überzogen gehabt haben, wie die Internetplattform Smava hat ausrechnen lassen. Das sollen 17 Prozent mehr gewesen sein als vor Jahresfrist. Wenn nun nach und nach die höheren Nebenkostenabrechnungen für Mieter eintrudeln, weil der Gaspreis stark gestiegen ist, könnte die Zahl überzogener Konten weiter zulegen.

          Politische Debatte nimmt wieder Fahrt auf

          Kein Wunder, dass auch die politische Debatte um eine Deckelung der Dispozinsen wieder an Fahrt aufnimmt. Die SPD-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein hat den jüngsten Vorschlag dazu vorgelegt. Die Idee ist: Die Dispozinsen sollen an einen Referenzzins gekoppelt werden und diesen nicht um mehr als 6 Prozentpunkte übersteigen dürfen. Noch höhere Zinsen für eine Überziehung des Girokontos über den vereinbarten Rahmen hinaus sollen nicht mehr zulässig sein. Zumindest im Grundsatz ließ sich auch Schwarz-Grün in Kiel überzeugen, sodass daraus nun eine Bundesratsinitiative wird. Die finanzpolitische Sprecherin der Kieler SPD-Fraktion, Beate Raudies, begründete den Vorstoß damit, dass Dispokredite zwar dazu dienen könnten, unvorhergesehene Engpässe zu überbrücken – sie könnten aber auch zur Schuldenfalle werden, wenn eine Rückzahlung aufgrund der wirtschaftlichen Situation nicht mehr möglich sei: „Die teils erheblichen Zinssätze verstärken die Lage für die Betroffenen zusätzlich.“ Schon durch die Folgen der Corona-Pandemie sei für viele Verbraucher die Gefahr einer Überschuldung gewachsen: „Angesichts der Energiekrise steigen nun die Lebenshaltungskosten in nie gekannter Weise.“

          Julian Merzbacher, der Sprecher der vom früheren grünen Bundestagsabgeordneten Gerhard Schick gegründeten Bürgerbewegung Finanzwende, meint: „Gerade in einer unverschuldeten Krise sollten Kreditinstitute Mäßigung zeigen und keine überzogenen Kreditzinsen aufrufen.“ Grundsätzlich wäre es zwar verständlich, wenn angesichts der Leitzinserhöhungen auch die Dispozinsen stiegen: „Doch diese waren schon vor der Zinswende bei vielen Banken und Sparkassen im zweistelligen Bereich und damit viel zu hoch.“

          Die Banken begründen die hohen Dispozinsen oft damit, dass der Dispokredit nur zur Überbrückung kurzfristiger Liquiditätsengpässe gedacht sei – insbesondere finde keine Prüfung der Bonität des Bankkunden statt. Die Politik hatte gleichwohl vor sechs Jahren strengere Regeln für Dispokredite eingeführt. Unter anderem müssen die Banken ihre Kunden jetzt anschreiben, wenn diese ihren Dispokredit längere Zeit zu großen Teilen ausgeschöpft haben – und ihnen einen günstigeren Kredit zum Ablösen des Dispokredits anbieten. Auf eine Deckelung aber hatte man verzichtet.

          Niedrigere Zinsen während der Pandemie

          In der Corona-Krise hatte eine Reihe von Banken und Sparkassen die Dispozinsen deutlich gesenkt. Angeführt von der Frankfurter Sparkasse hatten manche diese im Frühjahr 2020 halbiert, um ihren Bestandskunden in der Krise eine gewisse Erleichterung zu verschaffen. Im Saarland fand diese Initiative mit dem früheren Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine einen prominenten Fürsprecher. Nach und nach kehrten die meisten Institute aber dann ungefähr zu ihren alten Zinssätzen zurück. Eine Ausnahme scheint die Taunussparkasse in Bad Homburg zu sein, die ihre Dispozinsen in der Krise von 9,93 Prozent auf knapp 5 Prozent gesenkt hatte – und laut Internetseite aktuell 5,99 Prozent verlangt.

          Die Parteien der Ampelkoalition hatten vor der Bundestagswahl teilweise auch politische Eingriffe bei den Dispozinsen in Aussicht gestellt – diese Pläne wurden aber zumindest bislang nicht umgesetzt. Insbesondere die Grünen hatten angekündigt, sich im Falle einer möglichen Regierungsbeteiligung dafür einzusetzen, dass die Dispozinsen gedeckelt würden. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Stefan Schmidt hatte die Einschätzung vertreten, ein angemessener Zinssatz könnte bei rund 6 Prozent liegen. Die Bundes-SPD hatte, ähnlich wie jetzt im Vorschlag aus Schleswig-Holstein vorgesehen, eine Obergrenze von sechs Prozentpunkten oberhalb eines schwankenden Referenzzinssatzes ins Spiel gebracht. Dafür könne man den von der Bundesbank festgestellten Basiszinssatz nehmen, hieß es – oder den jeweils niedrigsten Zinssatz für Ratenkredite.

          In einer Zeit mit hoher Inflation wie aktuell nun profitieren Schuldner zwar tendenziell von der Entwertung aller nominal festgelegten Beträge – so wie Sparer mit Geldvermögen zu den Leidtragenden gehören. Auch die Disposchulden verlieren durch die Inflation im Zeitablauf an Wert. Nur: In der Praxis nützt das einem Disposchuldner eigentlich nur dann, wenn auch sein Einkommen mit der Inflation steigt und er den Dispokredit auf diese Weise anschließend leichter zurückzahlen kann – was im Augenblick oftmals nicht der Fall ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Polizisten führen Heinrich XIII P. R, der verdächtigt wird, dem „Rat“ vorgestanden zu haben, nach einer Razzia am Mittwoch zu einem Polizeifahrzeug.

          Umsturzpläne vereitelt : Eine erschreckende Erkenntnis

          Den Sicherheitsbehörden ist ein bedeutender Schlag gegen abenteuerliche Umsturzpläne gelungen. Es ist erschreckend, wie weit diese Pläne gediehen waren.

          Überraschung bei Fußball-WM : Bonos Geschenk der Freude

          Marokko zeigt Außenseiterfußball in Perfektion und verkörpert das arabische Element bei dieser WM auf arabischem Boden. Gegen Spanien gelingt dem Team ein Coup. Ein besonderes Juwel ist der Torwart.
          Streitlustig: Der Extremismusforscher Ahmad Mansour

          Debatte um Islamkonferenz : Setzt auch zu Hause ein Zeichen!

          Heute beginnt wieder einmal die Deutsche Islam­konferenz in Berlin. Sie offenbart die gefährliche Doppelmoral und Streitangst der deutschen Innenpolitik. Ein Debattenbeitrag von Ahmad Mansour.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.