https://www.faz.net/-gv6-acy74

Digitaler Euro : Angriff auf die Kryptowährungen

Das digitale Zentralbankgeld könnte die Kryptowährungen attackieren. Bild: Reuters

Fabio Panetta von der EZB kündigt den digitalen Euro als Schutz für die monetäre Souveränität der Eurozone an. Wird das digitale Zentralbankgeld den Kryptos den Stecker ziehen?

          3 Min.

          Europas Notenbank wird direkter. Noch vor der Sommerpause steht die wichtige Entscheidung des EZB-Rates über den digitalen Euro an. Und Fabio Panetta, das verantwortliche Mitglied im Direktorium der Notenbank, wirbt mit Nachdruck dafür: Nicht nur als nützliche digitale Zahlungsmöglichkeit für Bürger – sondern vor allem auch als Schritt zur Abwehr der Kryptowährungen. Die Einführung eines digitalen Euros schütze die Eurozone vor der Bedrohung durch konkurrierende Kryptowährungen, die die geldpolitische Souveränität des Blocks untergraben würden, sagte Panetta der Zeitung „Financial Times“. „Wenn die Leute digital bezahlen wollen und wir ihnen kein digitales Zahlungsmittel anbieten, macht das jemand anderes.“ Dieser Abwehrkampf sei sogar eines der Hauptziele des Projekts.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die EZB bläst zum Angriff auf die Kryptowährungen: Das passt zu diversen Schritten der Regulierung rund um die Welt, mit denen Digitalwährungen, Krypto-Assets und unterschiedliche Typen neuen Geldes durch Staaten und Notenbanken stärker beaufsichtigt werden sollen. Oftmals geht es dabei um beides: Den Schutz der Verbraucher vor Risiken - aber auch den Schutz der Notenbanken vor ungeordneter Konkurrenz.

          „Furcht vor Kryptos schüren“

          Karsten Junius, Chefökonom der Bank Sarasin, sieht im Vorstoß des EZB-Digitalbeauftragten Panetta vor allem zwei Botschaften: Zum einen presche das EZB-Direktorium zugunsten des digitalen Euros vor, bevor der EZB-Rat seine Entscheidung getroffen habe. Das erinnere ihn an den früheren EZB-Präsidenten Mario Draghi, der oftmals zeitig mit Plänen an die Öffentlichkeit ging, so dass der EZB-Rat nachher nur noch zustimmen konnte, wenn er keine Verwerfungen an den Finanzmärkten in Kauf nehmen wollte. Zum anderen müsse die EZB wohl auch etwas „die Furcht vor den Kryptos schüren“, um ihr eigenes Handel klar zu begründen, meint Junius.

          Formal ist ganz vieles beim digitalen Euro noch nicht entschieden, aber so einiges zeichnet sich schon ab. Die Verbraucher sollen den „digital Euro“ – diesen Namen lässt die EZB sich schützen _ auf „Wallets“ auf dem Smartphone benutzen können. Es wird aber wohl kein reines Offline-System sein, das nur auf den Smartphones existiert. Es dürfte Obergrenzen je Wallet geben, von denen an das Geld auf die Konten fließt. Die Banken sollen die Wallets vertreiben. Es sieht so aus, dass die EZB dafür nicht die Blockchain-Technologie bevorzugt, sondern auf ein bestehendes italienisches Zahlungsverkehrssystem für Sofortüberweisungen zurückgreifen könnte. In jeden Fall sollen die Bürger „digitales Zentralbankgeld“ bekommen – das wie Bargeld direkt eine Forderung gegen die Notenbank darstellt. Geht die Hausbank pleite, ist das digitale Zentralbankgeld sicher und vor dem Zugriff der Bank-Gläubiger geschützt. Die Wallet kann dann einfach an eine andere Bank übertragen werden.

          Jörg Krämer jedenfalls, der Chefvolkswirt der Commerzbank, meint, Kryptowährungen oder andere Formen privaten Geldes stellten für staatliche Notenbanken grundsätzlich eine Konkurrenz dar. „Dieser Konkurrenz zu begegnen, dürfte für die EZB eines von mehreren Motiven sein, einen digitalen Euro einzuführen - letztlich hilft der digitale Euro einer staatlichen Zentralbank, ihren Einfluss zu wahren oder zu mehren.“

          Der Aufruf zur Abwehr der Kryptowährungen könnte auch dazu dienen, Zweifel an den praktischen Vorteilen von digitalem Zentralbankgeld zu zerstreuen und die Reihen vor der Entscheidung zu schließen. Zwar hat Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hervorgehoben, mit dem digitalen Euro würden etwa kleine Zahlungen billiger, so dass es sich lohnen könnte, einzelne Zeitungsartikel im Netz zu kaufen und digital zu bezahlen. Hingegen hatte es Augustin Carstens, der Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, gewagt, das Konzept in Frage zu stellen: Womöglich mache digitales Zentralbankgeld zwar für Banken und Unternehmen Sinn – aber nicht für Privathaushalte. EZB-Präsidentin Christine Lagarde jedenfalls macht Druck für das Projekt und hat einen Zeitrahmen von fünf Jahren vorgegeben.

          Was meint der Bundesbank-Vorstand?

          Zieht das digitale Zentralbankgeld also bald den Kryptowährungen den Stecker? Bernd Richter, Fachmann für den Zahlungsverkehr beim Softwareanbieter FIS, ist da skeptisch. „Das digitale Zentralbankgeld wird die Kryptos attackieren – aber diese werden ihre Daseinsberechtigung behalten.“ Die Konzeptionen seien zu unterschiedlich: Auch nach der Einführung von digitalem Zentralbankgeld werde es seitens des Marktes Interesse an Bitcoin & Co geben. Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz meint: „Für den digitalen Euro wäre entscheidend, dass er den Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen einen echten Mehrwert bringt.“ Aus seiner Sicht seien Kryptowährungen bislang keine Konkurrenz für die großen Währungen, eher „Spekulationsobjekte“. Balz räumt aber ein: „Die eigene Währung ist selbstverständlich ein wesentlicher Teil unserer Souveränität – auch deshalb könnte es wichtig sein, dass der Euro den Anforderungen des digitalen Zeitalters genügt.“ Beim digitalen Euro gehe es um gemeinsame Regeln und einheitliche europäische Standards: „Damit würde er auch unsere Souveränität im Zahlungsverkehr stärken.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán (links) und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nehmen am 24. September 2020 in Brüssel an einem Treffen der Visegrad-Gruppe teil.

          Streit mit Polen und Ungarn : Kulturkrieg in der EU

          Der Streit zwischen Brüssel und den Regierungen in Polen und Ungarn geht ans Eingemachte. Die EU muss einen politischen Konflikt als Frage des Rechts verhandeln. Das ist unbefriedigend, aber unvermeidlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.