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Zahlungsdienstleister : Das Ringen um das Kassenterminal

Um das Kassenterminal wird seit jeher heftig gerungen Bild: dpa

Der Zahlungsdienstleister Wirecard steckt in einer tiefen Krise. Das könnte sich auch auf das Geschäft der Aschheimer auswirken. Können die Konkurrenten profitieren?

          3 Min.

          Im Jahr 2018 war noch alles gut. Damals wurden Zahlungsabwicklungen auf einmal sexy, als der niederländische Konzern Adyen ein fulminantes Börsendebüt hinlegte und sein deutscher Konkurrent Wirecard in die Beletage des Aktienhandels aufstieg und im Dax notierte. Doch im Jahr 2019 zogen dunkle Wolken auf, als die „Financial Times“ unsaubere Abrechnungspraktiken dokumentierte und den Aktienkurs bis heute in Turbulenzen stürzte. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Anzeige der deutschen Finanzaufsicht Bafin gegen den Vorstand wegen möglicher Marktmanipulation. Zwangsweise taucht die Frage auf, ob der ruinierte Ruf von Wirecard dem Unternehmen schaden wird.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Um sich einer Antwort zu nähern, muss man zuerst einmal das Geschäft verstehen, in dem sich Wirecard bewegt. Der Konzern hat sich zwischen Händler und Kunden geschaltet und nimmt dabei die Funktion eines Mittlers ein. Wirecard garantiert, dass nach dem Bezahlen mit der Karte das Geld auch tatsächlich fließen wird. Für die Übernahme dieser Garantie berechnet es den Händlern eine Risikoprämie. Die ist zwar relativ gering, doch mit dem rasant wachsenden Online-Handel steigen auch die elektronischen Zahlungen, so dass schnell eine erquickliche Summe zusammenkommt.

          Doch es zeigt auch die Gefahren des Geschäftsmodells: Es ist austauschbar. Der Markt ist hart umkämpft. Ein Mittler ist im Prinzip so gut wie der andere. Die Produkte sind vergleichbar, konkurriert wird häufig über den Preis. Schon lange wird gemunkelt, dass Wirecard den dicken Fisch mit der Zahlungsabwicklung von Aldi nur an Land ziehen konnte, weil man sich mit Kampfpreisen beworben hat. 

          Wirecard-Ruf ist ruiniert

          Doch nun ist der Ruf von Wirecard ruiniert. Auch langjährige Branchenbeobachter schütteln den Kopf: „Ich würde in die Aktie keinen Cent mehr investieren“, sagt einer, der die Payment-Szene schon lange beobachtet, aber nicht namentlich genannt werden will. Und er schränkt ein: Wenn Wirecard dem Händler ein gutes Angebot macht, sieht er wenig Gründe, dass dieses abgelehnt werden könnte. Andere sehen das kritischer und sehen einen gesichtswahrenden Abschluss 2019 als entscheidendes Kriterium. Zwar gebe es wenig Auswirkungen auf Bestandskunden. Aber bei neuen Ausschreibungen könnte das durchaus in die Überlegungen der Unternehmen mit einfließen: Wenn beide dasselbe Produkt zu ähnlichen Konditionen anbieten, entscheidet man sich dann eher für ein Unternehmen wie Wirecard, das mehr mit sich selbst beschäftigt ist, oder für einen gänzlich unverdächtigen Mittler? Wirecard trägt nun einen weiteren Malus mit sich herum, der noch unterschätzt wird. Nun könnte es schwieriger werden, gute Leute im Unternehmen zu halten oder Talente für sich zu begeistern, wenn das eigene Unternehmen so sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Doch wer sind die Wettbewerber, die davon profitieren könnten?

          Als Hauptkonkurrenten sieht ein Analyst einer britischen Großbank dabei vor allem den niederländischen Zahlungsdienstleister Adyen. Kunden können künftig auf Wirecard verzichten und auf andere Zahlungsdienstleister ausweichen, so der Analyst. Nicht etwa wegen schlechter Leistungen, sondern einzig und allein aufgrund der Reputation. Adyen wird immer wieder in einem Atemzug mit dem Dax-Konzern genannt. Obwohl erst seit rund zwei Jahren an der Börse, ist der Kurs des holländischen Konkurrenten durch die Decke gegangen. Seit dem Börsendebüt haben die Papiere um mehr als 370 Prozent zugelegt. Das Unternehmen legt laut Bloomberg ein Börsengewicht von 34,4 Milliarden Euro auf die Waagschale – Wirecard derzeit nur noch 11,9 Milliarden Euro. Und während Wirecard mit der Aldi-Gruppe einen Coup landete, die Kunden des niederländischen Unternehmens lesen sich wie das „Who’s who“ des Silicon Valleys mit Namen wie Ebay, Uber oder Facebook.

          Adyen geht offensiv vor

          Auf die Frage, ob die Kunden von Wirecard nun zukünftig zu Adyen wechseln könnten, antwortet der Finanzchef des holländischen Zahlungsdienstleisters, Ingo Uytdehaage, dieser Zeitung recht eindeutig: „Absolut.“ Doch hebt er auch hervor, dass die Wirecard-Anschuldigungen die gesamte Branche der Zahlungsdienstleister negativ beeinflussen. Adyen selbst nutze so gut wie nie Drittpartner, sagt er – Wirecard schon. „Damit können wir sicherstellen, dass das Geld der Transaktionen nur über unsere eigene Plattform fließt.“ Der Dax-Konzern nutzt die sogenannten „Third Party Acquirer“ (TPA), die quasi als Vermittler zwischen Wirecard und den Händlern im Ausland stehen, wo der Konzern einen Großteil seiner Geschäfte macht und keine eigene Lizenz als Zahlungsdienstleister besitzt. Die Umsätze und ihre Höhe aus den TPA-Geschäften von Wirecard konnten durch die Sonderprüfung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG im April nicht nachgewiesen werden.

          Neben Adyen gibt es aber auch noch eine Vielzahl anderer Konkurrenten mit einem ähnlichen Geschäftsmodell wie Wirecard. Auf dem europäischen Markt tummelt sich etwa der französische Zahlungsdienstleister Worldline. Erst im Februar hat der Technologiekonzern bekanntgegeben, den französischen Rivalen Ingenico übernehmen zu wollen. Derzeit werden Worldline und Ingenico mit jeweils 12,4 und 8 Milliarden Euro bewertet. Das Ziel des Zusammenschlusses war ambitioniert, sollte so die weltweite Nummer vier der Zahlungsdienstleister entstehen. Auch in Italien gibt es mit dem seit vergangenem Jahr an der Börse gelisteten Nexi einen vielversprechenden Zahlungsdienstleister. Worldline, Ingenico oder Nexi seien jedoch nicht mit Wirecard oder Adyen vergleichbar, so der Analyst. Während Erstere veraltete Plattformen nutzten, böten Adyen und Wirecard reine „Tech-Plattformen“ an, ein Vorteil.

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