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Bares ist Wahres : Warum hängen wir so am Bargeld?

Die geprägte Freiheit: Mit Bargeld lassen sich Waren kaufen, ohne dass es digital registriert wird Bild: Rüchel, Dieter

Banken und Staaten würden das Bargeld am liebsten abschaffen. Das empört die Deutschen. Aus gutem Grund.

          Wie sehr die Deutschen an ihrem Bargeld hängen, das hat der Würzburger Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger gerade auf eindrucksvolle Weise zu spüren bekommen. Der Ökonom, immerhin Mitglied im renommierten Wirtschafts-Sachverständigenrat, hatte in einem Interview die Abschaffung des Bargeldes ins Gespräch gebracht. „Bargeld ist Anachronismus“, meinte er lapidar. Der Ökonom griff damit eine Idee auf, die einige Kollegen in Amerika seit längerem propagieren: Larry Summers beispielsweise oder Kenneth Rogoff – zwei Stars der Zunft, die vergangene Woche sogar als Berater beim G-7–Treffen der Finanzminister in Dresden zu Gast waren.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Abschaffung des Bargeldes und sein Ersatz durch Plastikkarten: Das ist offenbar ein Vorschlag gewesen, von dem viele Deutsche, gelinde gesagt, nicht eben begeistert waren. Bofinger jedenfalls berichtet von „sehr emotionalen“ Reaktionen, und zwar in einer Heftigkeit, wie er sie in seiner gesamten Laufbahn als Wissenschaftler noch nicht erlebt habe. „Es gab einen regelrechten Shitstorm.“ Überall, wo er hinkomme, sprächen die Leute ihn darauf an.

          Die Debatte erhitzt die Gemüter. Zwar gibt es hierzulande überhaupt keinen aktuellen Gesetzesentwurf, der die Abschaffung des Bargeldes vorsieht – es gibt nicht mal eine Partei, die das fordert. Gleichwohl bewegt das Thema viele. Es geht um eine Grundsatzfrage: Wie wollen wir in Zukunft bezahlen und sparen? Es gibt Bücher dazu („Die neue bargeldfreie Welt“) und Berichte im Fernsehen („Bargeld in Gefahr?“). Auch auf Facebook und Twitter wird darüber wild debattiert. Selbst Leute, die nach eigenem Bekunden den Euro nicht lieben, wollen auf Euroscheine dann doch nicht verzichten.

          Immerhin gibt es viele Länder, in denen das Bargeld bereits stark zurückgedrängt worden ist. Und es ist nicht abwegig, dass das auch bei uns so kommen könnte. Skandinavien gilt als Vorreiter: In Dänemark etwa müssen Tankstellen, Restaurants und auch kleine Läden voraussichtlich vom kommenden Jahr an kein Bargeld mehr annehmen. Einen ähnlichen Trend zur bargeldlosen Gesellschaft gibt es in Schweden. „Bargeld brauchen nur noch alte Leute“, sagte die schwedische Finanzministerin Magdalena Andersson vergangene Woche am Rande einer Konferenz.

          „Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität“

          In Deutschland gibt es zwar auch eine Entwicklung hin zu mehr Kartenzahlungen. Allerdings geht die Entwicklung langsamer vor sich als anderswo. So wird in Deutschland in Geschäften noch zu mehr als 80 Prozent bar statt mit Karte gezahlt (gemessen an der Zahl der Bezahlvorgänge, nicht an den Summen). Hingegen sind es in Frankreich nur noch 56 Prozent, in den Niederlanden nur noch 52 Prozent – und in Amerika sogar weniger als die Hälfte (siehe Grafik).

          Diese Entwicklung ist alles andere als zufällig. Die Anhänger von Kartengeld haben nämlich mächtige Unterstützer: die Finanzbranche, die an der Kartenzahlung einfach mehr verdient. Und die Staaten, die elektronische Geldströme besser kontrollieren können. Sie haben sich zum „Krieg gegen das Bargeld“ verbündet – zum „War on Cash“, wie es in Amerika heißt.

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