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Bares ist Wahres : Warum hängen wir so am Bargeld?

Ein zweiter Aspekt dieser Freiheit ist die Möglichkeit, Geld zu horten – gleichfalls vollkommen unkontrolliert von Banken und Staat. Und es erst später auszugeben, wann auch immer es einem beliebt. Die „Wertaufbewahrungsfunktion“ des Bargeldes nennt das die Bundesbank. Auch sie scheint den Deutschen wichtig zu sein. „Nur Bares ist Wahres“, weiß schon der Volksmund, und „Bargeld lacht“. Laut Bundesbank werden immerhin 20 bis 30 Prozent des in Deutschland ausgegebenen Bargeldes nicht zum Kaufen und Bezahlen genutzt, sondern im Inland gehortet.

Aber: Das Horten von Bargeld ist auch in anderen Ländern möglich – und auch Internet-Datenkraken sind nun wirklich keine deutsche Besonderheit. Es muss andere Gründe geben, warum gerade die Deutschen so ganz besonders am Bargeld hängen.

In Analysen ist bisweilen von der „wechselvollen deutschen Geld-Geschichte“ als einer Ursache für nationale Besonderheiten die Rede. Dabei könnte man an die Hyperinflation in den 20er Jahren denken. Aber müsste nicht eigentlich die Erfahrung von Inflation, wie sie die Deutschen gemacht haben, eher die Skepsis gegenüber dem Bargeld erhöhen? Die großen Verlierer jener Zeit waren schließlich alle, die viel Bargeld hatten oder ähnliche Vermögensanlagen, die auf nominale Geldbeträge lauteten. In solchen Zeiten konnte eher Gold helfen, jedenfalls kein Bargeld.

Die Entscheidung sollte jeder Bürger für sich treffen

Denkbar wäre auch, dass die Deutschen besonders skeptisch gegenüber der Kartenzahlung sind, weil sie bei jeder neuen Technik zunächst über die Gefahren nachdenken. Zumindest im Ausland wird ihnen gern eine generell pessimistische Zukunftssicht unterstellt, die „German Angst“. Geht es also um einen konservativ-technischkritischen Vorbehalt, den die Bargeld-Verteidiger artikulieren? Dagegen spricht allerdings, dass diese selbst die Sicherheitsbedenken gegen Kreditkarten und EC-Karten gar nicht in den Vordergrund stellen. Es scheint eher so zu sein, dass sie sich die Möglichkeit nicht nehmen lassen wollen, auch bar zu zahlen.

Eine interessante Vermutung, warum gerade die Deutschen so am Bargeld hängen, hat der britische Historiker Harold James. Er meint: Womöglich hätten die Deutschen deshalb so viel Angst vor der Abschaffung des Bargeldes, weil es ihnen so gut gehe. „Deutschland ist sehr sicher, deshalb können Leute mit viel Bargeld herumlaufen, ohne Angst haben zu müssen, dass sie ausgeraubt werden.“ Auf der anderen Seite gebe es in Deutschland eine besondere Sorge um den Schutz der Privatsphäre und den Datenschutz – das habe möglicherweise mit der deutschen Geschichte und der Erfahrung totalitärer Regime zu tun. „Es gab ganz ähnliche Reaktionen in Deutschland auf Google Street View.“

Die Bundesregierung zumindest hat sich zu dem ganzen Thema bislang nur relativ zurückhaltend geäußert. Finanzminister Wolfgang Schäuble sagte vergangene Woche in einem Interview mit der Zeitung „Die Zeit“ auf die Frage, ob man das Bargeld abschaffen sollte, zumindest nicht klar „nein“: „Ich finde, diese Entscheidung sollte jeder Bürger selbst treffen. Ich kenne die Argumente, aber es gibt eben auch eine Reihe von Argumenten, die für die Beibehaltung des Bargeldes sprechen.“ Nun gut.

Selbst Peter Bofinger, der in Deutschland für die ganze Aufregung gesorgt hat, meint inzwischen: Wenn die Deutschen so an ihrem Bargeld hingen – dann müsse man das wohl respektieren.

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