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Einkaufen mit dem Smartphone : Warum überhaupt noch bar bezahlen?

Das Handy sucht Funkkontakt zum Lesegerät - so wird die Rechnung beglichen. Bild: Getty

Bargeldloses Zahlen wird immer einfacher. Es reicht, mit dem Handy an der Kasse vorbeizugehen.

          Die Deutschen wollen aufs geliebte Bargeld nicht verzichten. Und was tun sie? Sie verzichten drauf. Natürlich nicht immer, aber immer öfter freiwillig. Für Waren und Dienstleistungen, die sie im Internet bestellen, greifen die Käufer der Einfachheit halber schon länger auf Kreditkarten oder Bezahldienste wie Paypal zurück. Nun entdecken sie langsam, aber sicher, dass auch in Supermärkten und anderen Geschäften bequemere Bezahlmöglichkeiten angeboten werden als Bargeld.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Statt an der Kasse in der Geldbörse nach den passenden Geldscheinen und Münzen zu kramen, bezahlen Kunden selbst kleinere Beträge zunehmend „kontaktlos“, wo immer es möglich ist. Das heißt, sie halten ihre mit einem Funkchip versehene Kreditkarte oder ihr Smartphone an ein Lesegerät und begleichen quasi im Vorübergehen ihren Einkauf.

          „Tap & Go“ nennt sich dieser nächste große Schritt in die Zukunft des Bezahlens. Und der Tag wird kommen, an dem an der Ladenkasse gar kein Bargeld mehr hin und her gereicht wird, sondern der Bezahlvorgang sich automatisch fast im Verborgenen vollzieht. „Es wäre absurd, das Handy nicht als Zahlungsmittel zu nutzen“, sagt Björn Hoffmeyer, Deutschland-Chef des Kreditkartenunternehmens American Express: „Global gibt es 3,8 Milliarden Zahnbürsten, aber vier Milliarden Smartphones.“

          Möglich ist der Einkauf ohne Eingabe einer Pin und ohne Unterschrift schon heute durch die Nahfunktechnik NFC (Near Field Communication), die sich hierzulande immer weiter verbreitet. „Sollten sich kontaktlose Bezahlverfahren durchsetzen, könnten vor allem Kleinbetragszahlungen einfacher unbar durchgeführt werden“, sagt sogar die Bundesbank in ihrer jüngsten Studie zum Zahlungsverhalten in Deutschland. Was bedeutet: Selbst Beträge unter 20 Euro, die an der Ladenkasse bisher am häufigsten bar beglichen werden, werden fortan weniger mit kleinen Scheinen und Münzen bezahlt, sondern mit der Karte oder dem Handy, auf das nur ein NFC-Chip in Form eines Stickers geklebt werden muss.

          Zahlungen werden schneller, einfacher, bequemer

          In anderen Ländern wie Schweden und Dänemark ist mobiles Bezahlen längst Normalität, während die Deutschen in europaweiten Studien zu diesem Thema stets das Schlusslicht bilden. „Meiner Meinung nach stehen die Deutschen gar nicht so sehr auf Bargeld, wie das immer kolportiert wird“, behauptet Steffen von Blumröder, der beim Branchenverband Bitkom den Bereich Finanzdienstleistungen leitet. „Ihnen bleibt nur oft gar nichts anderes übrig, als darauf zurückzugreifen.“

          Bisher waren es vor allem die Kreditkartenfirmen Visa (mit dem System Paywave) und Mastercard (Paypass), die das kontaktlose Bezahlen mit Feuereifer propagierten, jede neue Karte mit NFC-Chip ausstatteten und die Kunden darauf hinwiesen, dass es hierzulande schon nahezu 60.000 Lesegeräte gibt. Das Jahr 2016 könnte nun eine Zeitenwende markieren. Zwar haben deutsche Händler und Finanzinstitute keine gemeinsame Kampagne gestartet wie in Schweden 2010, als die Bevölkerung zu einem Leben mit bargeldlosem Bezahlen gewissermaßen gedrängt wurde. Doch sie sind eifrig dabei, das kontaktlose Bezahlen attraktiver zu machen. Auf der einen Seite installieren immer mehr Tankstellen, Restaurants, Supermärkte und Discounter NFC-Lesegeräte an ihren Kassen. Deren Einführung begründet beispielsweise Aldi auf Nachfrage mit „veränderten Verbraucherbedürfnissen“ und damit, den Bekanntheitsgrad der Bezahlmethode mit NFC-tauglicher Kreditkarte oder Smartphone erhöhen zu wollen.

          Die Einzelhändler versprechen sich durch ihre Investitionen künftig mehr Einnahmen, weil mehr Kunden in kurzer Zeit konsumieren können, und deutliche Einsparungen. Denn Bargeld kostet. Die Läden müssen große Mengen an Wechselgeld vorhalten, sie benötigen eine aufwendige Sicherheitstechnik und externe Dienstleister für den Transport der Einnahmen. Ganz zu schweigen von der Arbeitszeit, die darauf verwendet werden muss, am Ende jeden Tages das Geld zu zählen. Laut einer Studie der Berliner Steinbeis-Hochschule belaufen sich die Kosten des Bargeldsystems auf 13 Milliarden Euro im Jahr.

          In der Breite durchsetzen könnte sich das kontaktlose Bezahlen recht schnell, weil auf der anderen Seite Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken nun die Girocard (vormals EC-Karte) mit NFC-Chip einführen. Rund zehn Millionen Kunden - das bedeutet jeder zehnte Bankkartenbesitzer - werden zunächst mit der „girocard kontaktlos“ ausgestattet. Eine Pin-Eingabe ist damit erst ab einer Zahlung von mehr als 25 Euro vonnöten. Der Bezahlvorgang in den Geschäften dürfte sich also beschleunigen, entfallen von den jährlich rund 20 Milliarden Transaktionen im Einzelhandel doch drei Viertel auf Beträge bis 25 Euro. Die privaten Banken wollen im Herbst mit einem eigenen Pilotprojekt nachziehen.

          Zahlungen werden also schneller, einfacher, bequemer. Zudem sind die Geldbewegungen unmittelbar auf dem Smartphone nachvollziehbar, der Nutzer führt also sozusagen ein digitales Haushaltsbuch in Echtzeit.

          Zahlen im Vorbeigehen

          Klingt alles schön und gut - aber ist das kontaktlose Bezahlen auch sicher? Schließlich ist es theoretisch denkbar, dass ein Dritter sensible Daten klaut, während sie an der Ladenkasse per Funk vom Smartphone aufs Lesegerät übermittelt werden. Das sei nahezu unmöglich, behauptet Bitkom-Experte von Blumröder. Das Handy muss schließlich fünf, sechs Zentimeter vors Lesegerät gehalten werden. „In der Schlange an der Kasse müsste also schon jemand eine sehr lange Antenne bei sich haben, um aus zwei, drei Metern die Daten abzuziehen.“ Abgesehen davon würde ein Bösewicht nur verschlüsselte Daten abgreifen, mit denen er wenig anfangen kann. Und wenn einem ein Schurke mit einem versteckten Lesegerät dicht zu Leibe rückt, beispielsweise in der U-Bahn? Dagegen hilft eine Schutzhülle überm Smartphone. Oder ein paar Münzen, die das Funksignal abschirmen, so dass eine Karte in der Geldbörse nicht gelesen werden kann.

          Braucht man in der schönen neuen Geld-Welt also nur noch Kleingeld, um die Karte zu schützen? Mit dem Smartphone bezahlen oder Geld per SMS oder E-Mail in Echtzeit verschicken, das ist in vielen Teilen der Welt längst üblich und wird auch vor Deutschland kaum haltmachen. Zumal nicht nur junge Unternehmen der Finanztechnologie an immer neuen Techniken tüfteln, sondern auch Konzerne wie Apple, Google und Samsung viel Geld investieren, um eine Kreditkarte bestmöglich auf dem Smartphone hinterlegen zu können.

          Alle Firmen sind bestrebt, das Bezahlen als Nebensache erscheinen zu lassen. „Die Zahlung selbst rückt in den Hintergrund und wird unscheinbar“, sagt Ralf Ohlhausen, beim Zahlungsdienstleister PPRO Direktor für Business Development. So könnte ein NFC-Chip auch in einen Manschettenknopf oder einen Ohrring integriert werden, so dass man sogar ohne Griff zum Handy oder zur Karte bezahlen kann. In Zukunft müssen wir uns wohl nicht einmal mehr mit Pin oder Unterschrift authentifizieren. Die Autorisierung erfolgt dann über biometrische Merkmale: Fingerabdruck, Stimmerkennung, Herzfrequenz oder Iris-Scan.

          Noch gibt es viele Skeptiker. Sie behaupten: Mobiles Bezahlen sei Zukunftsmusik, die vielleicht andernorts, aber nicht in unserem deutschen Bargeldland spielen wird. Doch man sollte den Deutschen nicht unterschätzten: Bis vor 15 Jahren bezahlte er gern mit Schecks, dann entdeckte er die EC-Karte für sich. Sie wurde ein durchschlagender Erfolg.

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