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Einkaufen mit dem Smartphone : Warum überhaupt noch bar bezahlen?

Die Einzelhändler versprechen sich durch ihre Investitionen künftig mehr Einnahmen, weil mehr Kunden in kurzer Zeit konsumieren können, und deutliche Einsparungen. Denn Bargeld kostet. Die Läden müssen große Mengen an Wechselgeld vorhalten, sie benötigen eine aufwendige Sicherheitstechnik und externe Dienstleister für den Transport der Einnahmen. Ganz zu schweigen von der Arbeitszeit, die darauf verwendet werden muss, am Ende jeden Tages das Geld zu zählen. Laut einer Studie der Berliner Steinbeis-Hochschule belaufen sich die Kosten des Bargeldsystems auf 13 Milliarden Euro im Jahr.

In der Breite durchsetzen könnte sich das kontaktlose Bezahlen recht schnell, weil auf der anderen Seite Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken nun die Girocard (vormals EC-Karte) mit NFC-Chip einführen. Rund zehn Millionen Kunden - das bedeutet jeder zehnte Bankkartenbesitzer - werden zunächst mit der „girocard kontaktlos“ ausgestattet. Eine Pin-Eingabe ist damit erst ab einer Zahlung von mehr als 25 Euro vonnöten. Der Bezahlvorgang in den Geschäften dürfte sich also beschleunigen, entfallen von den jährlich rund 20 Milliarden Transaktionen im Einzelhandel doch drei Viertel auf Beträge bis 25 Euro. Die privaten Banken wollen im Herbst mit einem eigenen Pilotprojekt nachziehen.

Zahlungen werden also schneller, einfacher, bequemer. Zudem sind die Geldbewegungen unmittelbar auf dem Smartphone nachvollziehbar, der Nutzer führt also sozusagen ein digitales Haushaltsbuch in Echtzeit.

Zahlen im Vorbeigehen

Klingt alles schön und gut - aber ist das kontaktlose Bezahlen auch sicher? Schließlich ist es theoretisch denkbar, dass ein Dritter sensible Daten klaut, während sie an der Ladenkasse per Funk vom Smartphone aufs Lesegerät übermittelt werden. Das sei nahezu unmöglich, behauptet Bitkom-Experte von Blumröder. Das Handy muss schließlich fünf, sechs Zentimeter vors Lesegerät gehalten werden. „In der Schlange an der Kasse müsste also schon jemand eine sehr lange Antenne bei sich haben, um aus zwei, drei Metern die Daten abzuziehen.“ Abgesehen davon würde ein Bösewicht nur verschlüsselte Daten abgreifen, mit denen er wenig anfangen kann. Und wenn einem ein Schurke mit einem versteckten Lesegerät dicht zu Leibe rückt, beispielsweise in der U-Bahn? Dagegen hilft eine Schutzhülle überm Smartphone. Oder ein paar Münzen, die das Funksignal abschirmen, so dass eine Karte in der Geldbörse nicht gelesen werden kann.

Braucht man in der schönen neuen Geld-Welt also nur noch Kleingeld, um die Karte zu schützen? Mit dem Smartphone bezahlen oder Geld per SMS oder E-Mail in Echtzeit verschicken, das ist in vielen Teilen der Welt längst üblich und wird auch vor Deutschland kaum haltmachen. Zumal nicht nur junge Unternehmen der Finanztechnologie an immer neuen Techniken tüfteln, sondern auch Konzerne wie Apple, Google und Samsung viel Geld investieren, um eine Kreditkarte bestmöglich auf dem Smartphone hinterlegen zu können.

Alle Firmen sind bestrebt, das Bezahlen als Nebensache erscheinen zu lassen. „Die Zahlung selbst rückt in den Hintergrund und wird unscheinbar“, sagt Ralf Ohlhausen, beim Zahlungsdienstleister PPRO Direktor für Business Development. So könnte ein NFC-Chip auch in einen Manschettenknopf oder einen Ohrring integriert werden, so dass man sogar ohne Griff zum Handy oder zur Karte bezahlen kann. In Zukunft müssen wir uns wohl nicht einmal mehr mit Pin oder Unterschrift authentifizieren. Die Autorisierung erfolgt dann über biometrische Merkmale: Fingerabdruck, Stimmerkennung, Herzfrequenz oder Iris-Scan.

Noch gibt es viele Skeptiker. Sie behaupten: Mobiles Bezahlen sei Zukunftsmusik, die vielleicht andernorts, aber nicht in unserem deutschen Bargeldland spielen wird. Doch man sollte den Deutschen nicht unterschätzten: Bis vor 15 Jahren bezahlte er gern mit Schecks, dann entdeckte er die EC-Karte für sich. Sie wurde ein durchschlagender Erfolg.

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