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Schweden : Land ohne Bargeld

Schön bunt, aber unbeliebt: Schwedens Bürger zahlen lieber bargeldlos. Bild: AFP

Wer in Schweden mit Münzen und Scheinen bezahlt, ist ein Außenseiter. Sogar die Kirche sammelt die Kollekte lieber bargeldos ein. Sieht so unsere Zukunft aus?

          7 Min.

          Uppsala kennen viele Deutsche vor allem aus dem bald fünfzig Jahre alten Schlager: Ein blutjunges Mädchen verliebt sich für eine Nacht in einen flotten Studenten, der sie erwartungsgemäß professionell um den Finger wickelt. Ein Lied zum Mitträllern, vor allem bei den zeitlos reimenden Zeilen: „Und wir hatten kein Geld, aber schön war die Welt, denn der Himmel war nah und mein Student aus Uppsala.“

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es gibt, außer den Studenten, aber noch andere gute Gründe für einen Besuch in der schwedischen Universitätsstadt. Für alle, die einfach nicht daran glauben wollen, dass ein Leben ohne Bargeld möglich ist, sollte beispielsweise der Dom zum Pflichtprogramm gehören. Eine Minute der Besinnung unter dem imposanten Backsteingewölbe, dann ein Gang zu dem am Ausgang aufgestellten Gerät. Es sieht wie ein notdürftig mit Holz verkleideter Geldautomat aus. Aber das wäre nicht nur geschmacklos, sondern in Schweden auch ein Anachronismus. Schließlich ist Bargeld in keinem anderen Land der Welt so aus der Mode gekommen wie hier. Wer wollte da in einer Kirche Geld abheben? Umgekehrt wird ein Schuh draus: Es ist, für alle Wohltäter ohne Münzen und Scheine in der Brieftasche, ein sogenannter Kollektomat – zur Spendenabgabe mit der Kreditkarte.

          Acht Jahre ist es schon her, dass das Gerät in Uppsala aufgestellt wurde, ein kleines Familienunternehmen hatte das Modell entwickelt, es wurde zu einem durchschlagenden Erfolg. Inzwischen stehen Kollektomaten überall im Land in Hunderten von Kirchen aller Konfessionen, die Gemeinden berichten von deutlich gestiegenen Einnahmen. In den Klingelbeutel legt kaum jemand mehr als einen Zwanzig-Kronen-Schein, heißt es, das sind umgerechnet nicht viel mehr als zwei Euro. Am Automaten dagegen, der über ein Multiple-Choice-Menü sogar eine Zweckbindung der Spende etwa für die Aidshilfe, die neue Orgel oder den nächsten Kirchenkaffee erlaubt, liegt der Betrag selten unter dem Fünffachen.

          Bezahlen ohne Bargeld

          Sosehr die Deutschen am Bargeld hängen, sosehr lieben die Schweden – auch wenn sie ihre eigene Währung, die Krone, in einer Volksabstimmung gegen den Euro gerettet haben – das Bezahlen ohne Bargeld. Die Kollektomaten im Dom von Uppsala sind dafür nur besonders prägnante Beispiele. Genauso wie die mobilen Kartenlesegeräte, die sich die Verkäufer einer Stockholmer Obdachlosenzeitung vor ein paar Jahren angeschafft haben, um ihre Kunden nicht zu verlieren, die nur noch selten bereit waren, mit Bargeld zu zahlen.

          Im Alltag spielt es eine größere Rolle, dass die Schweden in der Bäckerei die Tüte Brötchen genauso selbstverständlich mit der Karte zahlen wie die Zeitung am Kiosk und das Bier in der Bar, dass im Café für alles, was weniger als zwanzig Euro kostet, dank Funk-Chip nicht einmal eine Unterschrift oder Pin-Nummer mehr nötig ist; kaum hält der Kunde seine Karte in die Nähe des Lesegeräts, ist der Betrag schon abgebucht. Dass kleine Rechnungen unter Freunden immer öfter über eine Smartphone-App beglichen werden, die Überweisungen so einfach macht wie Whatsapp-Tippen. Und dass vielerorts nicht einmal die Banken mehr Bargeld annehmen, was für deutsche Ohren wie ein schlechter Witz klingt. Knapp 1800 Filialen führt der schwedische Bankenverband in seiner Statistik, 900 sind schon bargeldlos, Tendenz steigend. Nicht einmal der Verweis, dass Geldautomaten die Funktion der Kassenschalter übernehmen, zieht richtig. Auch deren Zahl sinkt seit 2011 stetig.

          In 30 Jahren ist auch Deutschland dran

          Ist Schweden tatsächlich auf dem Weg, eine bargeldlose Gesellschaft zu werden? Ein Wirtschaftswissenschaftler von der angesehenen Königlichen Technischen Hochschule in Stockholm hat sich mit genau dieser Frage ausgiebig beschäftigt und ist zu der unsentimentalen Antwort gekommen: Gut möglich, aber wahrscheinlich ist es erst irgendwann zwischen 2030 und 2045 so weit.

          Erst kürzlich hat die Schwedische Reichsbank neue Scheine und Münzen eingeführt.
          Erst kürzlich hat die Schwedische Reichsbank neue Scheine und Münzen eingeführt. : Bild: dpa

          Wenn es so läuft wie in vielen anderen Dingen, ist Deutschland zwanzig Jahre später dran. Schließlich war Schweden schon für allerlei Reformen unser Vorbild. Elterngeld, Vätermonate, Ausbau der Kinderbetreuung – das alles haben wir den Schweden mit etwas Verzögerung nachgemacht. Zurzeit allerdings könnten beim Bargeld die Unterschiede größer nicht sein als zwischen Deutschland und Schweden. Dabei hat sich im Erbgut der Skandinavier bisher noch kein Anti-Bargeld-Gen nachweisen lassen.

          Es hat im Norden zurzeit auch niemand die Idee, den großen 1000-Kronen-Schein aus dem Verkehr zu ziehen, im Gegenteil: Gerade führt die Reichsbank in Stockholm eine nagelneue Serie von Banknoten und Münzen ein. Die Schweden werden sie aller Voraussicht nach schlicht sehr selten benutzen – obwohl sie Bargeld früher gar nicht so schlecht fanden. Banknoten moderner Art wurden im 17. Jahrhundert ausgerechnet von einer schwedischen Bank erfunden. Noch 1950 war die im Umlauf befindliche Bargeldsumme, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, in Schweden höher als in Deutschland. Seitdem ist die Quote in beiden Ländern gesunken, aber in Schweden viel stärker. Zuletzt war sie in Deutschland fast dreimal so hoch wie dort. Wird in Deutschland noch etwa jeder zweite Einkauf bar bezahlt, ist es in Schweden nur noch jeder fünfte.

          Und während in Deutschland die Bundesbank verlässlich für das Bargeld in die Bresche springt, wenn Politiker und EZB-Strategen ihm den Garaus machen wollen, hat die Schwedische Reichsbank dazu ganz eigene Gedanken. Die Evolution schreite auch auf dem Feld der Zahlungssysteme unweigerlich voran, sagte ihr Vizepräsident vor einiger Zeit, neue Arten lösten die alten ab. Von diesen wiederum stürben manche aus, etwa der Neandertaler. Andere Urviecher wie das Krokodil überlebten dagegen die Zeitläufte, seien aber für jeden schnell als Zeugen längst vergangener Epochen zu erkennen. Und eine solche Krokodil-Existenz sei das Höchste, was sich das Bargeld für die Zukunft erhoffen könne.

          Verschwörungstheorien

          Für die erstaunliche Abkehr der Schweden vom Bargeld gibt es drei einleuchtende Erklärungen – und, wie es sich gehört, auch eine Verschwörungstheorie. Zuerst die drei Faktoren, die es dem bargeldlosen Bezahlen in Schweden besonders leicht machen. Erstens die Geographie. Schweden hat zwar nur knapp 10 Millionen Einwohner, ist aber größer als Deutschland und Österreich zusammen. Die Entfernungen zwischen den Siedlungen sind vor allem im Norden des Königreichs so groß, dass eine eigene Maßeinheit sinnvoll ist: Die schwedische Meile entspricht zehn Kilometern. Die geringe Bevölkerungsdichte gefällt dem Sommerurlauber, der sich an Natur und Stille labt. Bequem ist das Leben in den abgelegeneren Teilen des Landes aber nicht unbedingt.

          Schon jetzt müssen nach Angaben des Kommunalverbands rund 140.000 Schweden mehr als zwanzig Kilometer fahren, um zum nächsten Geldautomaten zu kommen, von der nächsten Bankfiliale ganz zu schweigen. Den Rekord halten die 350 Einwohner des Dörfchens Karesuando an der Grenze zu Finnland: Der nächste Geldautomat steht fast 180 Kilometer weiter südlich.

          Isoliert: Rund 140.000 Schweden müssen mehr als zwanzig Kilometer fahren, um zum nächsten Geldautomaten zu kommen.
          Isoliert: Rund 140.000 Schweden müssen mehr als zwanzig Kilometer fahren, um zum nächsten Geldautomaten zu kommen. : Bild: AFP

          Zweitens der Glaube an den technischen Fortschritt. Wer in Karesuando lebt, empfindet moderne Kommunikationstechnik samt Internetbanking kaum als übertriebenen Schnickschnack, sondern als einen Segen. Auch sonst sind die Schweden von neuen technischen Möglichkeiten mehrheitlich angetan. Diese „Liebesbeziehung zum Fortschritt“ sei Schweden schon im 19. Jahrhundert eingegangen, diagnostizieren Historiker wie der Stockholmer Professor Lars Trägårdh. Damals habe sich das Königreich von seinen nordeuropäischen Großmachtträumen verabschieden müssen und diesen Verlust mit einer naturwissenschaftlich-technischen Modernisierungsoffensive kompensiert. Staudämme und Atomkraftwerke zeugen davon genauso wie die großen Industriemarken Volvo, Scania und Ericsson. „Vor uns liegen wunderbare Tage“, prophezeite der legendäre schwedische Ministerpräsident Olof Palme in den Siebzigern. „Die Zukunft ist wunderbar“, sagt auch der Ikea-Gründer Ivar Kamprad.

          „New Economy“

          Das Prinzip wirkt auch noch in der „New Economy“. Aus Stockholm kommen überraschend viele Firmen mit international erfolgreichen digitalen Geschäftsmodellen. Der Musik-Streamingdienst Spotify, der Internettelefonanbieter Skype, der mit „Candy Crush“ berühmt gewordene Spielehersteller King –die Schweden haben’s erfunden. Dazu passt, dass die schwedischen Banken eine App namens Swish entwickelt haben, die Bargeld auch im Privatleben verzichtbar macht. Jeder zweite Schwede über 16 ist inzwischen angemeldet. Am häufigsten wird der Dienst benutzt, um unter Freunden oder Kollegen für gemeinsame Geschenke Geld einzusammeln oder eine gemeinsame Restaurantrechnung aufzuteilen. Die Telefonnummer des Empfängers und die eigene Pin genügen, schon fließt der gewünschte Betrag vom einen auf das andere Konto.

          Die dritte Erklärung ist das ungebrochene Vertrauen in den Staat. Seit mehr als 200 Jahren hat Schweden keinen Krieg mehr geführt, es gab auch keine Gewaltherrscher und verschwendungssüchtigen Potentaten auf dem Thron. Das ist erfreulich, macht aber auch sorglos. Die Vorstellung, dass eines Tages alle Geschäfte für den Staat und die Banken nachvollziehbar sind, wenn es kein Bargeld mehr gibt, raubt den Schweden beispielsweise nicht den Schlaf. Sie sind längst gläserne Bürger.

          Was jedem deutschen Datenschutzbeauftragten nervös machen würde, ist in Schweden der Normalfall: Personenbezogene Daten – ob sie vom Finanz-, Sozial- oder Einwohnermeldeamt, der Gesundheitsbehörde oder der Justiz erhoben wurden – sind nicht etwa fein säuberlich voneinander getrennt, sondern unter ein und derselben Identifikationsnummer abgespeichert. Diese zehnstellige Nummer kann fast jeder Schwede auswendig, und weil sie von der Geburt bis zum Tod gilt, ist sie aussagekräftiger als der eigene Name, den man in Schweden folgerichtig unbürokratisch und ganz nach eigenem Geschmack ändern darf.

          Tolle Kontrollmöglichkeit und Spielwiese für Voyeuristen

          Für viele Deutsche, die nach Schweden ziehen, ist dieser Umgang mit den eigenen Daten die größte Überraschung. Denn in Schweden hat jeder Bürger das in der Verfassung verbriefte Recht, Einsicht in das Tun und Lassen der Behörden zu nehmen. Eine tolle Kontrollmöglichkeit, aber auch eine Spielwiese für Voyeuristen. Jeder Schwede darf nachschauen, wie hoch der Steuerbescheid, wie groß das Grundstück des Kollegen ist. Und wie das Gerichtsverfahren gegen den Nachbarn lief. Die Mühe, dafür aufs Amt zu gehen, nehmen inzwischen Internetdienstleister ihren Kunden ab – und es ist gar nicht so einfach, sich selbst von diesem Datenaustausch ausnehmen zu lassen.

          Verpönnte Scheine und Münzen:  Seitdem sein Sohn ausgeraubt wurde, ist Björn Ulvaeus, der frühere Abba-Sänger, entschiedener Gegner von Bargeld.
          Verpönnte Scheine und Münzen: Seitdem sein Sohn ausgeraubt wurde, ist Björn Ulvaeus, der frühere Abba-Sänger, entschiedener Gegner von Bargeld. : Bild: dpa

          Fehlt noch die Verschwörungstheorie. Dass es in Schweden eine große Koalition gegen das Bargeld gibt, die Plastik- und Online-Geld als sauberer, sicherer und umweltfreundlicher anpreist, ist kein Geheimnis. Björn Ulvaeus, der frühere Abba-Sänger, ist das Aushängeschild dieser Bewegung. Seit sein Sohn ausgeraubt worden sei, träume er von einer bargeldlosen Gesellschaft, sagt er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Unter der Devise „Bargeldlos – jetzt!“ haben sich außerdem die Gewerkschaft der Finanzangestellten und der Einzelhandelsverband vor fünf Jahren für eine Medienkampagne zusammengeschlossen. Die Botschaft war eindeutig: „Bargeld braucht nur noch deine Oma – und der Einbrecher.“

          „Bargeldaufstand“

          Eine Verschwörung wird daraus aber erst, wenn auch die Politik an Bord ist. Genau das, behauptet der frühere schwedische Polizeichef Björn Eriksson, mit dessen Initiative „Bargeldaufstand“ unter anderem der größte Rentnerverband des Landes sympathisiert, ist seit 2005 der Fall. Damals wurde die Bargeldversorgung in Schweden privatisiert. Die Banken gründeten ein Gemeinschaftsunternehmen dafür. Die Notenbank schloss im Gegenzug ihre Zweigstellen.

          Nun könnten die Banken die Gebühren, die sie vom Handel für die Entgegennahme von Bargeld erheben, nach Belieben erhöhen, argumentiert Eriksson. Außerdem kümmerten sie sich nicht mehr genug um die umlaufenden Geldscheine, deren Zustand oft erbärmlich sei. Und was sollen die Banken davon haben? Sie müssen sich selbst weniger Bargeld gegen Zinsen von der Notenbank leihen, sagt Eriksson. Und ihre Einlagensumme nimmt zu, wenn ihre Kunden sich ihr Gehalt nicht bar auszahlen lassen, sondern Kreditkarten einsetzen.

          Der Bankenverband hält erwartungsgemäß dagegen, Bargeld sei volkswirtschaftlich weniger effizient als elektronisches Bezahlen, nur darum gehe es. Und am Ende entscheide der Verbraucher. Aber vielerorts wird ihm in Schweden dabei nachgeholfen. Im Abba-Museum in Stockholm kostet der Eintritt zwanzig Kronen mehr, wenn man nicht vorab online zahlt, sondern erst mit der Karte an der Kasse. Bargeld nimmt das Museum überhaupt nicht an.

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