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Spaßwährung Dogecoin : Der Milliarden-Dollar-Spaß

Die Hunderasse Shiba Inu steht für Dogecoin. Tesla-Gründer Elon Musk twittert darüber gerne lustige Bildchen. Bild: Fotos @elonmusk/twitter, @dogecoin_empire/twitter, @OGDogeLord/twitter, @dogecoin_rise/twitter

Nach Gamestop nun Dogecoin: Junge Anleger machen eine Witzwährung wertvoller als Adidas.

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          Wo in Herrgotts Namen steckte Elon Musk? Als seine Anhängerschaft ihn am vergangenen Dienstag dringend brauchte, als sie sehnsüchtig auf ein Zeichen ihres Twitter-Meisters wartete, gab Musk keinen Mucks von sich. Monatelang hatte der Chef des Elektroautoherstellers Tesla für die Digitalwährung Dogecoin getrommelt, hatte sie als „die Kryptowährung des Volkes“ bezeichnet und junge Anleger dazu verleitet, immer mehr davon zu kaufen. Doch als sich Hunderttausende in Internetforen wie Reddit am Dienstag zum „Dogeday“ verabredet hatten, um den Dogecoin-Kurs in noch viel luftigere Höhen zu treiben wie vor einigen Wochen die Gamestop-Aktie, hielt Elon Musk still. Hatte er es womöglich gar nicht so ernst gemeint, sondern seine Fans die ganze Zeit verhohnepipelt?

          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ja, es war nur Spaß. Und jeder hätte es wissen können. Schon Ende Januar hatte der Tesla-Chef bei seinem ersten Auftritt in der Plauder-App Clubhouse bekannt, dass er über Dogecoin bei jeder Gelegenheit Witzchen mache, die auch als solche zu verstehen seien. Irrtümer nahm Musk dabei in Kauf: „Das unterhaltsamste und ironischste Ergebnis wäre, wenn Dogecoin zur künftigen Weltwährung würde.“

          So weit wird es zwar nie kommen. Aber es ist irrwitzig genug, dass der Dogecoin (ausgesprochen „Doschkeun“) wertvoller ist als alle deutschen Banken, die an der Börse notiert sind. Und zwar vor allem deshalb, weil ein Riesenschwarm von Kleinanlegern darauf wettet. So, wie die Masse sich vor Wochen der Aktie des Computerspielhändlers Gamestop verschrieben, den Kurs nach oben getrieben und damit die Wetten von Hedgefonds auf fallende Kurse mit geballter Macht zunichtegemacht hatte, so zockt sie jetzt eben mit der Kryptowährung. Doch diesmal geht es nicht darum, den vermeintlich bösen Hedgefonds eins auszuwischen und dabei Geld zu verdienen. Bei dem neuen Hype hat sich von Beginn an alles nur um Spaß und Spekulation auf schnellen Gewinn gedreht. Dies sei „auch ein Effekt des billigen Geldes“, sagt Martin Schmidt, Geschäftsführer der auf Krypto-Anlagen spezialisierten Beratungs- und Beteiligungsgesellschaft Postera Capital, mit Blick auf die Notenbanken.

          Bilderstrecke
          Hype : Elon Musk und der Dogecoin

          Bis vor wenigen Tagen hatte es noch so ausgesehen, als ob die Rechnung der Jungzocker aufginge. War die Kryptowährung zu Beginn des Jahres gerade mal einen halben Dollarcent wert, stieg sie seit Jahresbeginn um mehr als 8000 Prozent auf ein Rekordhoch von fast 44 Cent (siehe Grafik). Weil auf einmal viele Anleger die Kryptowährung kaufen wollten, fiel bei der beliebten Handelsplattform Robinhood sogar vorübergehend das System aus. Plötzlich hatte Dogecoin eine sagenhafte Marktkapitalisierung von mehr als 50 Milliarden Dollar erreicht und lag damit nicht nur auf einer Höhe mit Twitter, wo viele Leute mit Spaßbildchen eifrig für die Digitalwährung Stimmung machen (siehe Bildercollage oben). Sondern Dogecoin war sogar mehr wert als gestandene Dax-Unternehmen wie Adidas und Bayer.

          Für den vergangenen Dienstag hatten die Junganleger einen neuen Höchstkurs von mindestens 69 Dollarcent angepeilt. Doch dem Motto „Dogecoin to the Moon“ folgte eine eher unsanfte Landung auf dem Boden der Tatsachen. Fürsprecher wie Elon Musk, der Rapper Snoop Dogg und Gene Simmons, der Sänger der Rockgruppe Kiss, rührten sich nicht, und die Masse der Kleinanleger war nicht mächtig genug, so dass der Kurs wieder abstürzte. Eine Marktkapitalisierung von aktuell mehr als 30 Milliarden Dollar – ungefähr so viel, wie Gamestop zum Höhepunkt des Hypes wert war – halten Währungsanalysten deutscher Banken gleichwohl für einen schlechten Witz. Und für einen Witz mit Ansage.

          Bitcoin-Parodie

          Erfunden wurde Dogecoin 2013 von den Software-Entwicklern Billy Markus und Jackson Palmer lediglich als Parodie auf die damals in der Tech-Szene bekannte Kryptowährung Bitcoin. Einen Spaß machten sich die beiden damaligen Mitarbeiter von IBM und Adobe auch aus dem Münzzeichen – einem Hundegesicht der japanischen Rasse Shiba Inu. Anders als Bitcoin, dessen Gesamtzahl durch den Algorithmus auf 21 Millionen begrenzt ist, kann Dogecoin in unendlicher Menge digital produziert werden. Das heißt, die Währung verliert tendenziell an Wert. Ach ja: Nutzlos ist sie auch.

          Als Elon Musk die Schnapsidee der beiden Software-Entwickler vor Monaten mit neuem Leben füllte und ein Dogecoin-Bildchen nach dem anderen twitterte, sprang ein Teil seiner 55 Millionen Follower darauf an. Wer frisches Geld übrig hat, zum Beispiel Amerikaner dank ihrer Corona-Hilfsschecks, der kauft seither Kryptowährungen und hofft, dass es ihm viele gleichtun. Reich wird am Ende, wer sich zum richtigen Zeitpunkt von seinen Beständen trennt und sie zu Geld macht. Die anderen sind dann die Dummen.

          Für das, was sich um Dogecoin abspielt, gibt es in der Finanzanalyse eine Erklärung namens „Greater fool theory“. Im Kern geht es bei dieser „Theorie des größeren Trottels“ darum, dass der Preis eines Produkts ausschließlich dadurch bestimmt wird, dass es später einmal zu einem höheren Preis verkauft werden kann. Die Anleger, die sich seit Wochen mit Dogecoin eingedeckt haben und dafür trommeln, spekulieren nun darauf, dass sich Trottel finden, die für das nutzlose Ding einen noch höheren Preis bezahlen. Wie aus der Kryptoszene verlautet, besitzt eine Gruppe von gerade mal zwanzig Adressen mehr als die Hälfte aller Dogecoin. Wenn einer dieser sogenannten „Wale“ die Lust verliert, droht erst recht der Crash.

          „Das ist für mich eine Art Tulpenmanie, die in sich zusammenfallen wird“, sagt Hartmut Giesen. Der Krypto-Experte der Sutor Bank spielt damit auf die erste Finanzblase der Geschichte an, die 1637 platzte. Damals wetteten viele Niederländer auf die Wertentwicklung von Tulpen, liehen sich sogar Geld, um Blumenzwiebeln zu kaufen oder sich das Recht daran zu sichern. Nach dem Crash standen die meisten mit leeren Händen da.

          Trotz aller Risiken scheuen sich Unternehmen nicht, um die Dogecoin-Besitzer zu buhlen. Für manche wie den Nahrungsmittelkonzern Mars ist es reines Marketing, andere akzeptieren die Spaßwährung sogar als Zahlungsmittel. Bei Wework können Kunden ihre Büromiete in Dogecoin begleichen, Anhänger der Profibasketballteams Houston Rockets und Dallas Mavericks können Tickets oder Fanartikel damit bezahlen. Auch Online-Shops akzeptieren die Spaßwährung, die damit in der Realwirtschaft ankommt. Auf der Plattform Change.org setzen sich rund 150 000 Menschen dafür ein, dass der Online-Händler Amazon Dogecoin-Zahlungen ermöglicht. Ob Firmen gut beraten sind, den Hype mitzumachen? „Dogecoin schwankt sehr im Wert und hat keinen realen Nutzen, der Preisanstieg ist darum mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nachhaltig“, sagt Postera-Geschäftsführer Schmidt. Sobald die Blase platzt, ist Schluss mit lustig.

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