https://www.faz.net/-gv6-8mu3e

Bezahlsystem : Die funkende Bankkarte

Ohne Unterschrift und Geheimnummer: Kontaktlos bezahlen Bild: dapd

Immer mehr Banken statten die Karten ihrer Kunden mit einem Funkchip aus. Damit können diese bequem kontaktlos bezahlen. Wie funktioniert das – und ist es sicher?

          Für manch einen ist es ein Traum, für andere das genaue Gegenteil: das kontaktlose Bezahlen mit der Giro- oder Kreditkarte im Laden um die Ecke. Im Idealfall funktioniert das Auslesen der Karte und des darauf befindlichen Chips sogar durch das Portemonnaie hindurch, wenn man dieses nur nah genug an das Lesegerät der Kasse hält. Kostet der Einkauf bis zu 25 Euro, dann ist damit der Bezahlvorgang für den Kunden erledigt – ganz ohne Unterschrift oder die Eingabe der Geheimnummer (Pin). Doch genau das erschreckt viele Menschen und weckt Sicherheitsbedenken. Denn nicht nur die Kassenterminals können Daten auf dem Chip auslesen, sondern offenbar auch Kriminelle. Und wer weiß schon, ob der Einkauf auch tatsächlich der richtigen Karte belastet wird?

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Möglich ist das alles durch einen NFC-Chip und die sogenannte Near Field Communication – eine Technologie zur Übertragung kleiner Datenmengen per Funk. Sie funktioniert gleichwohl nur auf kurze Distanz. Das bargeldlose Bezahlen mit der Karte oder dem Smartphone gilt derzeit als eines der wichtigsten Einsatzgebiete dieser Technik. Sie wird aber auch für digitale Zutrittskarten in Unternehmen oder zu Werbezwecken genutzt. Dabei sendet der Chip der Karte nicht automatisch Funksignale aus, sondern nur, wenn er durch ein anderes Gerät wie das Kassenterminal aktiviert wird.

          Und wie weit reichen die Funkwellen? Unter Laborbedingungen betrage die Reichweite der neuen Technik bis zu einem Meter, sagt ein Sprecher des privaten Bankenverbandes. Hinderlich sind zum Beispiel Münzen im Portemonnaie oder andere Karten. An der Kasse funktioniere die Chipkarte nur, wenn sie bis auf drei oder vier Zentimeter an das Lesegerät herangehalten werde, sagt Ingo Limburg von Euro-Kartensysteme, ein Gemeinschaftsunternehmen der Deutschen Kreditwirtschaft. Der Abstand sei so gewählt, um die Karte eindeutig zu identifizieren – denn an einer Kasse im Supermarkt steht in der Regel nicht nur ein Kunde. Andere Fachleute weisen darauf hin, dass der Strom, der ausgesendet werde, und das dadurch entstehende Magnetfeld auch nicht zu stark sein dürfe, um zum Beispiel Kunden mit einem Herzschrittmacher nicht zu schaden.

          Missbrauchsgefahren nicht nur auf der Rolltreppe

          Doch mit einer einfachen App auf dem Smartphone ist es offenbar möglich, zum Beispiel die Nummer und das Ablaufdatum einer Kreditkarte auszulesen, wenn man ihrem Besitzer so nahe kommt wie auf einer Rolltreppe. Die Berichte hierüber nehmen zu. Mit diesen Daten könnten Kriminelle im Internet Waren auf fremde Kosten bestellen. Bei einer Online-Zahlung mit der Kreditkarte sollte zwar aus Sicherheitsgründen zusätzlich ein Zahlencode erfragt werden, der sich nur physisch auf der Rückseite der Karte befindet. Doch manch ein Händler verzichtet darauf – vermutlich, um den Vorgang des Bezahlens so einfach wie möglich zu gestalten. Im Schadensfalls haftet dann das Unternehmen. Doch der Kunde hat den Ärger.

          Bei Girokarten bestehe diese Gefahr nicht, sagt Limburg. Denn hier erfolge das Bezahlen auf andere Art und Weise. Im Internet zum Beispiel könne man damit gar nicht bezahlen. Auslesbar seien zudem nur wenige Daten, wie die Kontonummer und die Bankleitzahl. Die befänden sich zudem auch auf dem Magnetstreifen; der Name dagegen nicht. Insofern sei die Gefahr eines Missbrauchs gering. Die Kreditwirtschaft würde eine solche Technologie nicht einführen, wenn es Sicherheitsbedenken gebe, ist Limburg überzeugt.

          Jedes Institut entscheidet selbst

          Derzeit sind vor allem viele Kreditkarten mit der neuen Technik ausgestattet. Denn Anbieter wie Mastercard oder Visa erhoffen sich nach Ansicht von Fachleuten, dass diese bequeme Art des Bezahlens den Einsatz ihrer Karten fördert. Sie setzen dem Handel zudem Fristen für die Ausstattung mit kontaktlosen Terminals. Doch letztlich entscheide das ausgebende Kreditinstitut, ob die neuen Karten mit der neuen Technik ausgestattet sein sollen, sagt eine Sprecherin von Mastercard. In Sachen Girokarte treiben Limburg zufolge vor allem Volksbanken und Sparkassen das kontaktlose Zahlen voran. Die privaten Banken sind aktuell noch nicht dabei. Sukzessive soll dies auf absehbare Zeit aber mit allen Karten möglich sein. Bis zum Ende dieses Jahres solle es 14 Millionen Girokarten mit NFC-Chip geben, von den insgesamt in Deutschland mehr als 100 Millionen.

          Wie erkennt man Karten mit der neuen Technik? Markenzeichen ist ein Symbol aus vier nebeneinanderliegenden Wellen, das dem W-Lan-Zeichen ähnelt. So erkenne man im Übrigen auch an der Kasse, ob der Händler das kontaktlose Bezahlen anbiete, sagt Limburg. Auch „Girocard kontaktlos“ ist ein Logo dieser Karten.

          Und wie kann sich der Kunde schützen? Nicht nur Verbraucherschützer raten, Kontoumsätze und Kreditkartenabrechnungen regelmäßig zu prüfen. Unberechtigte Verfügungen sollten schnellstmöglich dem Kreditinstitut gemeldet werden. Denn grundsätzlich haftet in einem solchen Fall nicht der Kunde, sondern die Bank. Wer ganz auf Nummer Sicher gehen will, kann die Karte in einer speziell beschichteten Hülle verwahren, die jegliche Funkverbindung verhindert. „Diese Hüllen funktionieren wie ein Faradayscher Käfig“, sagt Limburg. Zum Teil werden sie von den Banken selbst angeboten. In Online-Shops gibt es sie für rund 5 Euro zu kaufen. Im Internet finden sich in Foren Tipps, wonach eine einfache Aluminiumfolie als Schutz ausreichend sei.

          Neue Terminals bald schon Standard

          Wer eine Karte ohne Kontaktlosfunktion haben möchte, sollte mit seiner Bank sprechen. Zum Teil müsse diese ohnehin erst aktiviert werden, sagen Fachleute. Bei anderen lässt sich die Funktionalität möglicherweise deaktivieren. Bei Girokarten könnten Kunden dies von Dezember an am Geldautomaten selbst tun, sagt Limburg.

          Damit die Karten kontaktlos eingesetzt werden können, muss der Handel über geeignete Lesegeräte verfügen. Nach Schätzungen des Handelsinstituts EHI werden bis zum Jahresende rund 60 Prozent der großen und gut 20 Prozent der mittelständischen Händler mit NFC-fähigen Kassenterminals ausgestattet sein. Ulrich Binnebößel vom Handelsverband HDE nennt Discounter wie Aldi und Lidl oder Drogerieketten wie dm und Rossmann als aktuelle Beispiele. In zwei bis drei Jahren dürften die neuen Terminals allein schon durch den regelmäßigen Austausch Standard sein. Vorteile für den Handel seien das schnellere Bezahlen kleinerer Beträge und die robustere Technik.

          Nur für kleine Beträge vorteilhaft

          Dabei bringt der NFC-Chip zeitliche Vorteile und mehr Bequemlichkeit nur bei Einkäufen bis zu 25 Euro. Liegen die Beträge darüber, dann ähnelt das neue Bezahlen dem bisherigen Verfahren. Es muss also weiterhin eine Unterschrift geleistet oder die Pin am Kassenterminal eingegeben werden. Nur muss man die Karte eben nicht mehr irgendwo einstecken oder durchziehen. Laut EHI ist der durchschnittliche Einkauf im Einzelhandel vor Ort in Deutschland rund 21 Euro wert.

          Die Deutschen bezahlen immer noch bevorzugt mit Bargeld.

          Letztlich entscheidet der Kunde über Erfolg oder Misserfolg der neuen Technik. Und auch wenn der Handel über steigendes Interesse berichtet, zahlen bisher nur wenige Kunden kontaktlos. Laut Deutscher Bundesbank bevorzugen die Bundesbürger nach wie vor Bargeld – vor allem, wenn die Beträge geringer sind. Im Jahr 2014 traf das für 53 Prozent aller Umsätze im Einzelhandel zu, 30 Prozent wurden mit der Girokarte bezahlt und nur 4 Prozent mit der Kreditkarte. Beträgt die Summe weniger als 5 Euro, floss Bargeld sogar in 96 Prozent aller Fälle.

          Weitere Themen

          Barzahlen ist doch schneller

          Bundesbank-Studie : Barzahlen ist doch schneller

          Bargeldloses Bezahlen ist einfach und geht schnell: Stimmt nicht, sagt die Deutsche Bundesbank. Wer bar zahlt, braucht demnach im Schnitt nur 22 Sekunden – und ist schneller als mit der Karte. Einen Haken hat die Studie aber.

          Topmeldungen

          Streit um Notstandserklärung : Donald Trumps taktischer Fehler

          Donald Trump missbraucht mit dem Notstand seine Macht – sagen seine Kritiker. In Wahrheit gehe es Amerikas Präsidenten um andere Dinge. Ob ihm die Verordnung wirklich nützt, ist zweifelhaft. Auch aufgrund einer bestimmten Aussage.
          Populärer Sport: Klettern in Hallen wird immer beliebter

          Alpenverein in der Grauzone : Das große Geschäft mit den Kletterhallen

          Klettern in Hallen wird in Deutschland immer beliebter. Doch der Deutsche Alpenverein nutzt die Gemeinnützigkeit aus und bringt Privatinvestoren gegen sich auf. Die finden: „Der DAV ist wie eine Krake.“ Was steckt dahinter?
          Keine Nachfrage: Airbus stellt den A380 ein.

          Zukunft der Luftfahrt : Warum der Airbus A380 scheiterte

          Das größte Passagierflugzeug der Welt wird eingestellt. Im FAZ.NET-Digitec-Podcast diskutieren wir, wie es dazu kam – und welche Fehleinschätzungen sich die Führung von Airbus leistete.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.