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Mobiles Bezahlen : Jeder dritte Deutsche ist zum Bargeldverzicht bereit

Bei Aldi Nord ist es jetzt möglich, in allen 2400 Filialen des Discounters kontaktlos zu bezahlen. Bild: obs

Aldi Nord bietet nun das Bezahlen per Handy an der Kasse an. Viele junge Deutsche können sich das vorstellen.

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          Nahezu jeder kennt die Szene an einer x-beliebigen Supermarktkasse: Man möchte nur schnell etwas in der Mittagspause einkaufen. Doch das Portemonnaie ist voller Kleingeld, man kramt und kramt – die Kunden hinter einem werden schon nervös – und man stellt am Ende entnervt fest: Es reicht doch nicht. Bezahlt wird am Ende mit dem 50-Euro-Schein, danach gibt es noch mehr Wechselgeld. Doch geht es nach vielen Finanzinstituten und auch einigen Einzelhandelsunternehmen, soll der Bargeldanteil beim Einkauf stark verringert werden. Ein Puzzlestein dafür ist das Bezahlen mit dem Handy.

          Franz Nestler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gerade prescht Aldi Nord voran. Seit diesen Tagen soll es in allen 2400 Filialen des Discounters möglich sein, kontaktlos zu bezahlen. Dazu wurden sämtliche Bezahlterminals mit der Nahfunk-Technologie NFC aufgerüstet. Nun soll es möglich sein, drahtlos mit Maestro- oder V-Pay-Debitkarte zu bezahlen, gar mit einem Handy ist es möglich – insofern es NFC-fähig ist, was aber bei den meisten Smartphones der Mittel- und Oberklasse mittlerweile der Fall ist. Vorher muss der Kunde allerdings noch eine Portemonnaie-App installieren, die virtuell mit einer Kredit- oder Maestrokarte verknüpft ist. per Nahfunk kommuniziert das Handy dann mit dem Terminal, der Besitzer muss lediglich die Zahlung noch freigeben: Per Fingerabdruck oder Code. Bei einer Kaufsumme bis 25 Euro kann sogar die Pin-Eingabe entfallen. Da die Kommunikation nur wenige Zentimeter weit reicht, ist das Bezahlen auch relativ sicher: Das Ausspähen von Daten dürfte schwerfallen, da das Lesegerät dann zentimeternah am Handy sein müsste – unbemerkt ist das zumindest an der Supermarktkasse sehr schwierig. Aldi stelle sich damit auf die veränderten Kundenbedürfnisse ein, heißt es von Seiten des Discounters. Außerdem werde der Bezahlvorgang noch weiter beschleunigt. Die Unternehmen haben ein großes Interesse daran, den Bargeld-Anteil zu verringern. Denn für sie entstehen durch Bargeld hohe Kosten. Wie hoch, das zeigt eine Untersuchung der Steinbeis Hochschule.

          Der Handel hält zum Beispiel große Mengen an Wechselgeld in den Läden zurück. Dazu muss aufwendige Sicherheitstechnik installiert werden, die Firmen versichern sich gegen Diebstahl und bezahlen Dienstleister, die in gepanzerten Fahrzeugen das Bargeld anliefern und wieder abholen. Daneben gibt es keine Zinsen auf das gelagerte Geld, aber auch alltägliche Dinge wie falsches Wechselgeld verursachen den Firmen Kosten. Die Arbeitszeit für die Verwaltung des Bargeldbestandes ist daneben auch nicht zu verachten. Insgesamt summieren sich die Verluste für den Handel auf etwa 6,6 Milliarden Euro. Doch die Deutschen mögen Bargeld: Fast 80 Prozent aller Einkäufe hierzulande werden bar bezahlt, das entspricht rund der Hälfte der getätigten Umsätze. Deshalb laufen Diskussionen um die Abschaffung des Bargelds in Deutschland immer ins Leere: Zuletzt gab es einen Sturm der Entrüstung, den der Wirtschaftsweise Peter Bofinger zu spüren bekam. Er forderte die Bundesregierung auf, sich für die Abschaffung des Bargelds starkzumachen. Nach eigener Angabe hat er nie zuvor so viele negative Reaktionen bekommen wie auf diesen Vorschlag.

          Die Gründe für die Verwendung von Bargeld sind sehr unterschiedlich. Als der Digitalverband Bitkom nach ihnen fragte, gaben zwei Drittel der Befragten eine bessere Kontrolle über die eigenen Finanzen an und etwa die Hälfte Komfortgründe. Lediglich 18 Prozent gaben Sicherheitsgründe an, und 37 Prozent beklagten, dass der Händler keine anderen Zahlungsmittel akzeptiere.

          Internetfähige Handys treiben den Trend voran

          Aber besonders jüngere Deutschen könnten auf Bargeld auch verzichten. Insgesamt kann sich laut Bitkom ein Drittel der Deutschen vorstellen, in nahezu allen Alltagssituationen bargeldlos zu zahlen. In der Gruppe der 14- bis 49-Jährigen ist es mit 46 Prozent sogar fast jeder Zweite.

          Internetfähige Handys spielen dabei eine immer größere Rolle. Jeder Zehnte soll schon einmal mit dem Handy mobil bezahlt haben, bei der jungen Gruppe zwischen 14 und 29 Jahren soll es sogar jeder Fünfte sein. Und noch mehr Deutsche sind dem gegenüber sehr aufgeschlossen: Fast ein Drittel der Deutschen steht dem kontaktlosen Bezahlen aufgeschlossen gegenüber – also etwa 20 Millionen Bundesbürger. 22 Prozent können sich vorstellen, künftig auf diese Art und Weise zu zahlen.

          Doch bevor es so weit ist, muss die Infrastruktur für kontaktloses Bezahlen noch stark ausgebaut werden. Bisher sind lediglich 50.000 bis 60.000 Terminals von rund einer Million Kassen umgerüstet. Die Umrüstung der Kassenterminals von Aldi Nord könnte da ein erster Schritt sein. Auch der Branchenverband Bitkom rechnet damit, dass die Anzahl der Terminals in den nächsten Jahren schnell steigen wird. Auch müsste das Bezahlen mit dem Handy einen substantiellen Vorteil haben – etwa in punkto Geschwindigkeit –, um sich endgültig durchzusetzen.

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