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Karte statt Geld : Bar zahlen? Nein, Danke!

Auch für das Finanzamt wird es einfacher

Als zweiten Grund nennt Keshishian einen Hygienevorteil. Forscher der New York University fanden heraus, dass sich auf jedem Schein bis zu 3000 unterschiedliche Bakterien-Typen befinden. Hunderte davon werden übertragen, wenn ein Schein den Besitzer wechselt. Britische Forscher fanden heraus, dass auf sechs Prozent der Banknoten so viele Ecoli-Bakterien haften wie sonst an einer Toilettenbrille. Essener Forscher meinten allerdings, dass diese keine direkte Gefahr für den Menschen darstelle und auch erst vom Geld in den menschlichen Organismus gelangen müsste. Kupfergeld tötet Bakterien sogar ab.

Mit Kleingeld zahlen kostet vor allem Zeit. Deshalb müssen Geschäfte nicht mehr als 50 Münzen pro Einkauf annehmen.

Der dritte Grund ist für Keshishian dann eher ein moralisches Argument. „Gerade in der Gastronomie wird mit Schwarzgeld so viel Unfug getrieben. Wir wollen uns daran nicht beteiligen“, sagt der Cafébesitzer. Eng damit zusammen hängt dann auch der vierte Grund: „Wir ersparen uns viele Kopfschmerzen mit dem Finanzamt und unserem Steuerberater“, sagt Keshishian.

Rechtlich unproblematisch

Die Kunden nehmen das nach eigenen Angaben sehr positiv auf. Lediglich drei Gäste hätten dann bevorzugt, lieber zu gehen, als mit Karte zu zahlen. Keshishian glaubt übrigens, dass sich das bargeldlose Zahlen in Deutschland durchsetzen wird: „Wenn man einmal die Vorteile betrachtet und sich von der Datenschutzproblematik löst, dann ist das deutlich besser als die Barzahlung.“ Und wer dann immer noch sein Bargeld loswerden möchte, der kann das auch – allerdings nur für das Trinkgeld. Eine Prepaid-Karte, damit nicht jede einzelne Abbuchung einsehbar ist, ist übrigens schon in Arbeit.

Rechtlich ist das vollkommen unproblematisch: In Deutschland gilt das Prinzip der Vertragsfreiheit. Das ermöglicht es den Beteiligten, also auch dem Café und seinem Kunden, den Inhalt ihres Geschäftes frei zu bestimmen. Es ist daher auch möglich, eine bestimmte Art der Bezahlung zu vereinbaren oder auszuschließen. So akzeptieren einige Kioske oder Bäckereien keine Kredit- oder Girokarten. Tankstellen und andere Geschäfte weisen oft darauf hin, dass sie keine 500-Euro-Scheine annehmen. Der Deutsche Einzelhandelsverband betont jedoch, dass es nicht im Interesse der Händler ist, einen Geschäftsabschluss an der Art der Bezahlung scheitern zu lassen, und deshalb nur selten Einschränkungen vorgenommen werden.

Kritik an Diskussion über Beschränkung der Barzahlung

Bei den großen Scheinen können Einzelhändler oft nicht garantieren, genügend Wechselgeld vorrätig zu haben und schließen sie deshalb aus. Die Bezahlung mit allzu vielen Münzen verlangsamt den Geschäftsablauf deutlich. Dazu gibt es sogar eine EG-Verordnung, wonach kein Einzelhandelsunternehmen verpflichtet ist, mehr als 50 Münzen bei einer einzelnen Zahlung anzunehmen. Und die Gebühr für Kredit- und EC-Karten ist manchen Unternehmen schlicht zu hoch.

Barzahlungen generell gesetzlich zu beschränken, wie dies derzeit auf EU-Ebene diskutiert wird und was in manchen Ländern schon beschlossen wurde und wofür auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) anfänglich Sympathien zeigte, wird aus juristischer Sicht jedoch kritisch gesehen. Nicht zuletzt Hans-Jürgen Papier, von 2002 bis 2010 Präsident des Bundesverfassungsgerichts, hat unter anderem auf den Widerspruch zur Vertragsfreiheit hingewiesen, wonach es den Vertragspartnern eben freistehe, sich auf eine Zahlungsform zu einigen. Klagen auf ein Recht auf Bargeldzahlungen von GEZ-Gebühren wurden jedoch wiederholt zurückgewiesen.

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