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FTX-Pleite : Durch die Hintertür ans Kundengeld

FTX-Gründer Bankman-Fried: Erboste Twitter-Nutzer wünschen, ihn hinter Gittern zu sehen. Bild: AFP

Das Rätselraten um die Hintergründe der FTX-Pleite geht weiter. Der frühere Chef der Handelsplattform, Sam Bankman-Fried, rückt immer mehr in ein schlechtes Licht.

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          Er schien kurze Zeit eine Krypto-Lichtgestalt zu sein: der ehemalige FTX-Chef Sam Bankman-Fried. Nun hat er eine Menge zu erklären, namentlich wie sein Imperium so rasch, so spektakulär scheitern konnte. Ja, räumt er ein, er habe sich geirrt: Die Schulden der Kryptobörse hätten bei 13 Milliarden Dollar gelegen und nicht bei „nur“ fünf. FTX sei „übermütig und nachlässig“ geworden, heißt es in seinen Tweets - wohl gemerkt nicht er selbst. Eigene Fehler zugeben fällt eben schwer.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Vermögenswerte von rund 20 Milliarden Dollar seien mit Risiken verbunden gewesen, und diese seien mit den Risiken anderer Sicherheiten und der Plattform selbst verbunden, schreibt Bankman-Fried. Und dann sei der Ansturm auf die Anlagen gekommen. Täglich sei rund ein Viertel der Kundengelder abgezogen worden.

          Milliarden-Dollar-Klinkenputzen

          Nichtsdestoweniger soll „SBF“ am vergangenen Wochenende mit Unterstützung seines Vaters durch hektische Anrufe bei Konkurrenten und Finanzinvestoren versucht haben, sieben Milliarden Dollar einzusammeln, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Insider. Sequoia, neben dem weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock und dem Technologie-Investor Softbank an FTX beteiligt, sei über die erbetene Summe geschockt gewesen. Apollo habe zunächst mehr Informationen erbeten, um anschließend abzusagen. Keines der drei Unternehmen habe sich zu diesem Thema äußern wollen.

          Die Halle von Miamis Basketballteam dürfte wohl bald anders heißen.
          Die Halle von Miamis Basketballteam dürfte wohl bald anders heißen. : Bild: AP

          Macht dies noch den Eindruck von Verzweiflung und schlimmstenfalls Inkompetenz, erwecken andere Details einen anderen Eindruck. Kundengelder von FTX seien verwendet worden, um Finanzlöcher des separaten Traders Alameda Research zu stopfen, sagt Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank, im F.A.Z.-Podcast Finanzen und Immobilien - insgesamt etwa zehn Milliarden Dollar, heißt es. In Präsentationen für Investoren tauchten dieselben Vermögenswerte in beiden Bilanzen auf. Ein Teil des Geldes sei verwendet worden, um Verluste im Zusammenhang mit dem Kurskollaps der Kryptowährung TerraUSD und der Pleite der Kryptobank Voyager Digital auszugleichen. Mindestens eine Milliarde sei so verschwunden.

          Hintertür in der Buchhaltung

          Als Bankman-Fried seinem Management das Bilanzloch enthüllt habe, sei dieses geschockt gewesen, berichtet wiederum Reuters. Was nicht verwundert, denn der ehemalige Google-Softwareentwickler Gary Wang, ein enger Vertrauter des FTX-Chefs, soll eine Hintertür in das Buchhaltungsprogramm von FTX eingebaut haben. Mittels dieser hätten unbemerkt Gelder zu Alameda transferiert werden können, ohne dass dies für andere Mitarbeiter erkennbar gewesen sei. Wang sei für einen Kommentar zunächst nicht zu erreichen gewesen.

          In jüngsten kryptischen Tweets um Erklärungen ringend, schloss „SBF“ mit Bemerkungen wie, dass es darauf ankomme, was man tue, also Gutes oder Schlechtes, und nicht dass man darüber rede, es zu tun. „Aber das ist jetzt unwichtig. Was wichtig ist, ist, dass ich das Beste tue, was ich kann. Und alles für die Kunden von FTX zu tun, was ich kann.“

          Allerdings hat bei der Handelsplattform längst der Insolvenzverwalter das Sagen. Das machte Nachfolger John J. Ray auch per Twitter deutlich: Bankman-Fried spreche nicht mehr im Namen der Unternehmen.

          „Du gehörst ins Gefängnis“

          Andere sind zornig, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. „Du wirst viel Zeit haben, das alles im Knast zu sortieren“ oder „Du bist skrupellos mit Kundengeldern umgegangen“, heißt es auf Twitter. „Du gehörst ins Gefängnis.“ Zornig dürfte ebenfalls eine Reihe von Mitarbeitern sein. Denn von diesen hätten sich einige ihr Gehalt in FTT, dem Token der Kryptobörse, auszahlen lassen. Doch deren Preis ist seit Monatsbeginn um 94 Prozent gefallen, und es scheint aussichtslos, auf eine Erholung zu hoffen. Ein Manager habe seine gesamten Ersparnisse in FTT angelegt, sagte ein Mitarbeiter zu Reuters. „Aus Loyalität zu Sam.“

          Wie in den USA üblich, ließ die Sammelklage gegen Bankman-Fried nicht lange auf sich warten. Die von FTX angebotenen verzinsten Kryptowährungskonten hätten wegen einer fehlenden Lizenz in den USA nicht verkauft werden dürfen, zitiert Bloomberg aus einer in Miami eingereichten Klageschrift. Verklagt wird aber nicht nur Bankman-Fried, sondern auch Football-Superstar Tom Brady und Tennisspielerin Naomi Osaka, die beide Werbeträger für FTX waren. Kommentare von den Betroffenen habe es nicht gegeben.

          Mitgehangen, mitgefangen? FTX-Werbeträger Naomi Osaka wird verklagt.
          Mitgehangen, mitgefangen? FTX-Werbeträger Naomi Osaka wird verklagt. : Bild: AP

          Unterdessen werden die Sorgen mit Blick auf die Folgen nicht kleiner. Nachdem der Krypto-Broker Genesis die Auszahlungen im Verleihgeschäft ausgesetzt hat, richten sich die Blicke auf das Krypto-Konglomerat Digital Currency Group, zu der neben Genesis auch der international größte Kryptofonds Grayscale und die Krypto-Nachrichtenseite Coindesk gehören. Genesis’ Verleihgeschäft war schon im Vorfeld der FTX-Pleite im dritten Quartal um 80 Prozent geschrumpft. Genesis war auch der größte Gläubiger des gescheiterten Krypto-Hedgefonds Three Arrows gewesen. Die Digital Currency Group fordert 1,2 Milliarden Dollar aus der Insolvenzmasse.

          Mittlerweile zeichnet sich auch immer stärker ab, dass der Kryptoverleiher BlockFi Insolvenz anmelden wird, auch wenn dieser im Zuge der Ankündigung, Abhebungen auszusetzen, betonte, über ausreichend Liquidität zu verfügen. BlockFi erhielt im Juli von FTX US eine revolvierende Kreditlinie in Höhe von 400 Millionen Dollar, die mit einer Kaufoption für das Unternehmen verbunden war. BlockFi hat Alameda Research Kredite gewährt, berichtet Bloomberg.

          Auch die Kryptobörse Gemini der Brüder Winklevoss steht vor Problemen und hat Auszahlungen aus dem Produkt „Gemini Earn“ gestoppt. Genesis war als einziger akkreditierter Kreditnehmer von Gemini Earn aufgeführt. Es geht dabei laut Bloomberg um Kundengelder in Höhe von 700 Millionen Dollar. Ob die Anleger ihr Geld zurückbekommen, hänge davon ab, wie es mit Genesis weitergehe. Derzeit würden Optionen geprüft.

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