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Digitale Währungen : Die Idee hinter Libra ist wichtig für Deutschland

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Eine zuverlässige, durch Smart Contracts automatisierte Abrechnung, die auch für den Normalbürger konfigurierbar ist, eröffnet gleichzeitig neue Sharing- oder Bezahlmodelle für Energie in einem Nachbarschafts-Netzwerk oder auch für Mobilitäts-, Betreuungs- oder Pflegedienstleistungen. Der Bankenverband nennt diesen Ansatz in seinem Positionspapier treffend den programmierbaren Euro und stuft „programmierbares Digitalgeld als eine Innovation mit bedeutendem Potential ein, die ein wesentlicher Baustein für die nächste Evolutionsstufe der Digitalisierung sein kann“. Die oben genannten Beispiele für die Ausführung von Vertragsvereinbarungen, deren automatische Ausführung mit Bezahlvorgängen eng verbunden ist, zeigen, dass diese Position durchaus berechtigt ist.

China geht voran

Diese Betrachtungen zeigen: Obwohl Libra durch die Vorreiterrolle von Facebook einerseits Imageprobleme hat und durch die Konstruktion des Netzwerks unabhängig von staatlichen Organisationen Gefahren für einen ungeregelten Währungsmarkt birgt, stecken im Grundprinzip eines Stablecoins kombiniert mit dem Automatisierungspotential durch Smart Contracts und der Organisation in einem dezentralen Netzwerk viele Möglichkeiten.

Facebook seinerseits, das sein bisheriges Geschäftsmodell in der Bereitstellung zentral organisierter Plattformen sah, macht damit den Schritt in Richtung dezentral organisierter Ökosysteme auf Basis der Distributed Ledger Technologie. Politisches Ziel sollte es daher sein, einen vergleichbaren Ansatz in Deutschland oder auch gleichzeitig in Europa – wenn dies die Sache nicht zu stark verzögert – umzusetzen, der allen regulatorischen Anforderungen (Finanzaufsicht, Datenschutz, Rechtskonformität) genügt.

Während auf dem jüngsten Digital-Gipfel in Dortmund das Thema Plattform häufig noch als zentrale organisations-fokussierte Sammlung von Daten und Diensten verstanden wurde, schafft die Distributed Ledger Technologie mit ihren Eigenschaften zur sicheren, nachvollziehbaren und auch automatisierbaren Verwaltung von Daten-, Prozess- und Finanztransaktion die Grundlage dafür, Unternehmen aus einer Insel-Digitalisierung heraus in Richtung einer kollaborativen Digitalisierung zu transformieren. In dieser steht nicht nur die Digitalisierung des eigenen Unternehmens im Vordergrund, sondern kooperative Daten-, Dienste- und Marktstrukturen.

Im wissenschaftlichen Umfeld gibt es dazu mit Bloxberg zum Aufbau von Forschungsinfrastruktur oder mit Digicerts zum Aufbau eines Netzwerks zur sicheren Verwaltung von Bildungsnachweisen schon erste Initiativen. Gleiches gilt für die Verwaltung mit dem Aufbau einer Govchain in Nordrhein-Westfalen. Der von der Bundesregierung im Rahmen des Strategiepapiers vorgeschlagene Aufbau sogenannter Reallabore ist dazu der richtige Schritt und wird im Rahmen des Blockchain Reallabors NRW im Rheinischen Revier bereits umgesetzt.

Vor dem Hintergrund, dass China für den 1. Januar ein Gesetz zur Genehmigung einer Digitalwährung angekündigt hat, die schon seit dem Jahr 2014 entwickelt wird, ist auch in Deutschland eine offene und mutige Herangehensweise an das Thema erforderlich. Das Wissen dafür ist in den Universitäten und Forschungseinrichtungen, aber auch in Organisationen wie der Bafin und in den Banken vorhanden. Der erklärte politische Wille zur Umsetzung, kombiniert mit der notwendigen Öffnung von Regularien und der Förderung von Entwicklungen, kann daher viel Potential freisetzen.

Der Informatiker Wolfgang Prinz ist Professor an der RWTH Aachen und stellvertretender Leiter des Fraunhofer Institutes for Applied Information Technology.

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