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Bezahlsysteme : Der Fluch des Bargeldes

Aus dem Film und Fernsehen weiß man es längst: Bargeld hat auch eine „dunkle Seite“. Szene aus „The Super SNooper“, einem Streifen aus den dreißiger Jahren. Bild: Masterfile

Von links bis rechts kämpfen jetzt alle in Deutschland fürs Bargeld. Starökonom Kenneth Rogoff hält scharf dagegen. So hätten einige Krisen verhindert werden können, hätte es das Bargeld nicht gegeben.

          6 Min.

          Der „War on Cash“, der Kampf ums Bargeld, geht in die zweite Runde. Nicht viele Themen hatten die Deutschen zuletzt so aufgeregt wie die Sorge, das Bargeld könnte ihnen genommen werden. Anlass gab es genug. Hatte nicht Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, im Mai das Ende des 500-Euro-Scheins angekündigt? Dazu passte der Plan von Finanzminister Wolfgang Schäuble, Bargeldzahlungen ab 5000 Euro gleich ganz zu verbieten.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Welch Aufschrei ging daraufhin durch Deutschland! Der Protest reichte von rechts bis links. Gerade hat noch der Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung ein eindringliches Bekenntnis zum Bargeld nachgereicht. Wer es wagte, für die Abschaffung einzutreten, wie der Würzburger Ökonom Peter Bofinger, der musste sich auf einen Shitstorm und wüste Drohungen gefasst machen.

          Jetzt legt der Mann nach, der zu jenen Vordenkern gehörte, die die ganze Diskussion ausgelöst haben: Kenneth Rogoff, Ökonom an Amerikas Eliteuniversität Havard. Bekannt geworden als Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und als Finanzkrisen-Deuter, hatte Rogoff 2014 mit einer ökonomisch begründeten Forderung, das Bargeld abzuschaffen, weltweit für Furore gesorgt – ähnlich wie sein Kollege Larry Summers, ehemals Finanzminister und Berater Barack Obamas.

          „Schafft es endlich ab, das Bargeld!“

          Ein früheres akademisches Arbeitspapier hat Rogoff jetzt unter dem Titel „Curse of Cash“ (Der Fluch des Bargeldes) zu einem 254-seitigen Buch bei Princeton University Press ausgebaut, das im Herbst erscheinen wird: Es handelt sich um nichts Geringeres als um die Antwort an Deutschland in der Bargelddebatte. Die Forderung des neuen Werks ist die alte, sie ist ebenso einfach wie aufrührerisch: Schafft es endlich ab, das Bargeld!

          Nach einer nüchternen Abwägung der Vorteile und Nachteile könne es auf die Frage, ob man dem Papiergeld ein Ende bereiten solle, nur eine Antwort geben, meint Rogoff: yes. Den zu erwartenden weltweiten Rückgang des Barzahlungsverkehrs durch Kreditkarten und Smartphone-Apps will der Ökonom gar nicht erst abwarten.

          Trotz dieser ganzen Technik sei das Bargeld auf der Welt bislang schließlich nicht weniger geworden, sondern sogar mehr. Nein, man solle das Bargeld aktiv auslaufen lassen, meint der Ökonom, und nicht auf sein allmähliches Verschwinden warten.

          Das Bedürfnis Freiheit und Anonymität

          Als einziges Zugeständnis an alle Bargeld-Fans hat er in sein Buch aufgenommen, dass man kleine Scheinchen (oder besser noch: Münzen) für unbedeutende Alltagsgeschäfte in Umlauf lassen könnte – um den Bedürfnissen der Menschen nach Freiheit und Anonymität entgegenzukommen.

          Seine radikale Forderung begründet Rogoff vor allem mit zwei Argumenten – die man nicht teilen muss, aber durchaus erst einmal nachvollziehen kann.

          Erstes Argument: Bargeld hat zumindest auch eine „dunkle Seite“. Das wisse jeder, der einmal einen Gangsterfilm im Kino gesehen habe. Kriminalität, Steuerhinterziehung und Bestechung laufen oft über Bargeld. Wenn jemand Lösegeld fordert, will er Bargeld haben.

          Wenn jemand einen Beamten schmiert, macht er das selten mit einer Überweisung. Und auch Drogen auf der Straße werden in den allerseltensten Fällen gegen eine Kreditkarten-Zahlung an den Mann gebracht. Rogoff gibt sich nicht der Illusion hin, dass man mit einem Verbot des Bargelds das Verbrechen abschaffen könnte.

          Bargeld ist bei Niedrigzinsphase im Weg

          Schließlich gibt es „Substitute“, Ersatz für Bargeld, wie Diamanten, Gold oder auch die Digitalwährung Bitcoin. Sie sind aber für die Verbrecher immer ein klein bisschen umständlicher als die großen Scheine der eigenen Währung. Rogoff meint, wenn man auch nur ein bisschen was von der weltweiten Kriminalität loswürde, müsste einem das doch diese kleine Umstellung der alltäglichen Zahlungsgewohnheiten wert sein.

          Zweites Argument: Bargeld ist im Wege, wenn die Welt aus einer Niedrigzinsphase wie derzeit in eine schwere Krise zu geraten droht – und die Notenbank die Zinsen eigentlich tief in den negativen Bereich senken müsste, um Schlimmeres zu verhindern. Das aber kann sie dann nicht, weil die Sparer sonst die Banken stürmen und ihr Geld bar abheben.

          Der dahinterstehende Mechanismus geht so: Bargeld ist für Rogoff nicht viel anderes als eine Anleihe ohne Kupon, also ein Schuldschein, für den es keine Zinsen gibt. Für den man aber auch, und das ist aus seiner Sicht gerade in Zeiten wie diesen ganz entscheidend, als Besitzer unter gar keinen Umständen Zinsen zahlen muss.

          Im Zweifel das Geld einfach abheben

          Solange solche Schuldscheine im Umlauf sind, so argumentiert er, wird es den Staaten nicht gelingen, Staatsanleihen mit sehr stark negativen Zinsen dauerhaft unters Volk zu bringen. So wie es Banken nicht schaffen würden, von Kunden für Spareinlagen dauerhaft stark negative Zinsen zu verlangen, wenn diese ihr Geld auch bar abheben können.

          Sofort heben die Leute ihr Geld zwar nicht ab, wenn die Zinsen negativ werden. Ein bisschen Spielraum ist da sicherlich. Schließlich ist auch die Bargeldhaltung nicht vollkommen kostenlos, man braucht für große Mengen von Scheinen am besten einen Tresor, man muss das Geld transportieren und es unter Umständen bewachen und versichern.

          Nur noch kleine Scheine und Münzen sollen im Umlauf sein.

          Aber es gibt immer das Damoklesschwert für die negativen Zinsen. Es gibt eine Untergrenze, „Zero Lower Bound“ genannt: Wenn’s den Leuten zu dumm wird mit dem Zahlen fürs Ersparte, dann heben sie das Geld ab.

          Was tun, wenn die Zinsen immer stärker ins Minus rutschen?

          Wenn die Zinsen immer stärker ins Minus rutschen, wollen alle irgendwann nur noch Bargeld halten und stürmen die Banken. Das ist gleichsam der ökonomische GAU: Wie sich das anfühlt, davon konnte man in der Finanzkrise eine kleine Vorahnung bekommen, als die Briten 2007 bei der Bank Northern Rock Schlange standen.

          Aber, so meint zumindest Rogoff, das sei damals nur die harmlose Variante des Bankrun gewesen: Wenn alle Besitzer von Staatsanleihen ihre Papiere in Bargeld umtauschen wollten, dann würde sich nämlich herausstellen, dass das vorhandene Bargeld dafür nicht ausreicht – in der Tat auch keine angenehme Vorstellung.

          Nun mag der geneigte Leser vielleicht einwenden: Es sei schon nachvollziehbar, dass es die Notenbanken möglicherweise in eine gewisse Bredouille bringt, wenn sie partout Negativzinsen von beachtlicher Höhe einführen wollen und die Menschen, wie sie nun einmal sind, ihr Geld dann bar von der Bank holen.

          Aber ist das dann nicht womöglich auch gut so? Negativzinsen kannte man früher schließlich auch nicht, sie schaden offenkundig den Sparern. Vielleicht gibt es also gute Gründe dafür, die Geldpolitik mit so etwas nicht durchkommen zu lassen?

          Negativzinsen hätten so manche Krise verhindern können

          Rogoff widmet dieser Frage einen beachtlichen Teil seines Buches. Und er verweist darauf, dass die Grenzen der Geldpolitik seit den Tagen des britischen Ökonomen John Maynard Keynes die Theoretiker intensiv beschäftigt haben.

          Im Augenblick aber stellt sich die Frage ganz praktisch: Was macht eine Notenbank, wenn sich die kurzfristigen Zinsen bereits dicht an der Nullgrenze befinden oder sogar leicht negativ sind – die Inflation aber hartnäckig weit unter dem von ihr angestrebten Ziel bleibt? Oder aber, schlimmer: Wie reagiert eine Notenbank, wenn es in so einer Gemengelage plötzlich Schocks von außen gibt und eine schwere Krise oder gar Depression droht – eine Situation, in der sie normalerweise die Zinsen senken würde?

          Den meisten Experten für Geldpolitik, so behauptet zumindest Rogoff, wäre in einer solchen Situation eine kurze Phase mit stärker negativen Zinsen lieber als ein Jahrzehnt der Handlungsunfähigkeit dicht an der Nullgrenze.

          Und womöglich, so spekuliert er, wäre die Welt aus mancher schweren Wirtschaftskrise der Vergangenheit schneller wieder herausgekommen, wenn die Notenbank negative Zinsen hätte einsetzen können.

          Wenn Bargeld an Wert verliert

          Dem stand aber immer das Bargeld entgegen. Auch wenn es schon in früheren Jahren Ideen gegeben hatte, wie man das Bargeld mit einer negativen Rendite versehen könnte, um es so den Leuten aus der Tasche zu locken. Ein unorthodoxer deutscher Ökonom vor 100 Jahren, Silvio Gesell, hatte den Gedanken vom Schwundgeld aufgebracht: Geldscheine, die mit der Zeit an Wert verlieren und beispielsweise durch Wertmarken, die man kaufen und aufkleben kann, regelmäßig erneuert werden müssen.

          Die Idee dahinter: Wenn Bargeld an Wert verliert, kann es nicht einfach gehortet werden. In Zeiten der Unsicherheit, in denen Menschen ihr Geld lieber bunkern, als es auszugeben, sollte die Einführung von Schwundgeld die Leute anregen, mehr zu konsumieren, um die Wirtschaft zu beleben. Im österreichischen Örtchen Wörgl hatten die Verantwortlichen das in der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre einmal ausprobiert.

          Wohl nicht ganz erfolglos, die Arbeitslosigkeit an dem schwer gebeutelten Industriestandort ging zurück. Beendet wurde das Experiment damals aber auf Druck der österreichischen Nationalbank, die Konkurrenz für ihr Geldmonopol fürchtete.

          Kostenlose oder vom Staat geförderte „Debitkarten“

          All diese Ideen aus der Vergangenheit, um den Menschen das Horten von Geld zu verleiden und eine Wirtschaft aus der Liquiditätsfalle zu holen, in der die Geldpolitik wirkungslos wird, brauche man heute nicht mehr, meint Rogoff. Der technische Fortschritt mache es möglich, man könne das Bargeld abschaffen.

          Den Vorwurf, dieser Schritt wäre sozial ungerecht, weil arme Leute schwerer an Kreditkarten und an Konten kommen, will der Ökonom sich nicht machen lassen. Immerhin haben etwa 25 Prozent der amerikanischen Haushalte keine Kreditkarte.

          Seine Idee: Kostenlose oder stark vom Staat geförderte „Debitkarten“, also Guthabenkarten, und womöglich einfache Smartphones für einkommensschwache Haushalte. Bei denen soll man, wie bei einem Prepaid-Handy, vorher Geld auf die Karten laden und dann nur die vorhandene Beträge aufbrauchen können.

          Das soll verhindern, dass die Leute sich mit den Karten übermäßig verschulden, wie das mit Kreditkarten in Amerika ja bisweilen vorkommen soll. Dieses Prinzip ließe sich auf Smartphones verwirklichen, meint Rogoff. Man müsse dabei allerdings den Schutz der Privatsphäre so gut wie irgendwie möglich technisch sicherstellen.

          Das organisatorische Verfahren zur Abschaffung des Bargeldes, das Rogoff vorschlägt, mag dem einen oder anderen irgendwoher bekannt vorkommen: Der einfachste Weg wäre es, so meint der Ökonom, wenn die Notenbank einfach aufhören würde, Geldscheine mit großen Nennbeträgen zu drucken.

          Das wäre dann ein erster Schritt zum angestrebten „aktiven Auslaufenlassen“ des Bargeldes. Kleine Scheine könnte man zunächst für Alltagszahlungen im Verkehr lassen – und später durch leichte Münzen ersetzen. Nur, damit der Schock bei der Umstellung nicht allzu heftig ausfällt.

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