https://www.faz.net/-gv6-94ctf

Bitcoin-Szene : Internet-Alchemie

Alles nur fauler Zauber? Der Trend um die Kryptowährung Bitcoin lässt nicht nach. Bild: AFP

Ist Bitcoin das Versprechen auf eine Zukunft ohne mächtige Banken und gängelnde Staaten – oder das jüngste Spekulationsobjekt der Finanzmärkte? Einblicke in eine unbekannte Szene.

          6 Min.

          Der Weg in das neue Währungssystem führt unter einem Torbogen in der Offenbacher Innenstadt hindurch über einen düsteren Innenhof zu einem Gebäude, in dem früher eine Druckerei betrieben wurde. Jetzt steht hier ein improvisiertes Vereinsheim: Der Coinfriends e. V. im Rhein-Main-Gebiet, einer der ersten deutschen Vereine zu den Themen Blockchain und Kryptowährung, will aufklären, vernetzen und – Geld verdienen. Mit Bitcoin, den größten Hype, den die Finanzmärkte in den vergangenen Jahren gesehen haben. Warum auch nicht?

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Andi Redling und Robert Roppenecker stehen am Eingang und schauen nervös auf die Anmeldeliste. Es ist kurz vor sieben, zum ersten Mal erwarten sie nicht nur „Family & Friends“ zu einem Infoabend, sondern auch Nichteingeweihte. Sie haben Pizzahäppchen und Käsespieße vorbereitet, Bier und Softdrinks kaltgestellt. „Wir wollen Leuten helfen“, sagt Robert. „Von der Zeit, die wir in den Verein stecken, ist es definitiv ein Start-up“, sagt Andi.

          Bitcoin knackt die Marke von 10.000 Dollar

          Dann kommen die Gäste. Umarmungen hier, Handschlag da. Rund 40 werden es am Ende sein, fast alles Männer. Zweimal die Woche will der Verein von jetzt an solche Veranstaltungen anbieten. Denn der Informationsbedarf ist groß. Das Wort „Goldgräberstimmung“ fällt. Ist all das Ausdruck einer Hoffnung auf die sorgenfreie Geldanlage? Oder geht es um noch mehr – um ein Bezahlsystem ohne Bank und eine Demokratie ohne Staat?

          Das weiß hier noch niemand so genau. Sicher aber ist: Diese Woche war für Digitalwährungen und besonders Bitcoin außergewöhnlich. Es gibt ihn zwar seit rund neun Jahren, aber erstmals hat er die Marke von 10.000 Dollar übersprungen. Selbst in den Tagesthemen wurde darüber berichtet. Und tatsächlich, für den Preissprung des Jahres fehlen die Superlative. Eine Verzehnfachung des Preises seit Jahresanfang steht zu Buche. In den vergangenen zwei Wochen ging es um 50 Prozent nach oben. Mit herkömmlichen Bewertungen kommt man hier nicht mehr weiter.

          Keine Banken, keine Inflation, Anonymität

          In Offenbach setzt ein Mann, der sich als Basti vorstellt, zum ersten Vortrag an. Er bezeichnet sich als Trader und arbeitet als Kommunikationstrainer. Vor etwas mehr als einem Jahr hat er erstmals in Bitcoin investiert. Er listet die Vorteile der Kryptowährung auf: keine Banken, keine Inflation, weil die Menge begrenzt sei, Anonymität, gehört niemandem – so sieht er das. Er habe das vielen IT-Spezialisten gezeigt, sie alle hätten in die digitale Währung investiert. Viele etablierte Institutionen seien eingestiegen. „Blockchain hat also eine Zukunft“, sagt Basti. Es gebe 20 Millionen Bitcoin-Nutzer, aber 3,4 Milliarden Menschen mit Internetzugang. Heute liege der Marktanteil bei 0,27 Prozent, was wenn er einmal auf 50 Prozent steige?

          An Mahnern mangelt es dabei nicht: Die Liste reicht von Finanzaufsichten über Zentralbanken zu Bankern und Wirtschaftsnobelpreisträgern. Der bekannteste Kritiker ist wohl Jamie Dimon: Mit der Digitalwährung „wird es nicht gut ausgehen“, sagte der JP Morgan-Chef auf einer Konferenz im September. „Bitcoin ist ein einziger Betrug“, und es sei „schlimmer als die Tulpenblase“. Damit spielte er auf den Tulpenfieberwahn im 17. Jahrhundert in Holland an. Damals stiegen die Preise für die Knollen in astronomische Höhen, bevor die Blase platzte. Sollte ein JP Morgan-Händler mit Bitcoin handeln, würde er ihn „in einer Sekunde feuern“. Dafür nennt er zwei Gründe: „Zum einen ist es gegen unsere Regeln – und es ist dumm.“

          Amerikas größte Bank will in das Geschäft einsteigen

          In den kommenden Jahren könnte er da viel zu tun haben. Denn die größte amerikanische Bank denkt laut der Agentur Bloomberg darüber nach, ihren Kunden beim Kauf eines vom Bitcoin abgeleiteten Finanzprodukts unter die Arme zu greifen. Es geht um einen von der großen amerikanischen Terminbörse CME anvisierten Future-Kontrakt, mit dem auf steigende oder fallende Bitcoin-Kurse gesetzt werden könnte. Die Börse erwägt, einen solchen Kontrakt noch in diesem Jahr einzuführen. Dimon würde trotzdem nie raten, auf fallende Bitcoin-Preise zu setzen. Ein Widerspruch? Für Dimon nicht. Ein Bitcoin könnte 100.000 Dollar kosten, bevor die Blase platze, und er wisse nicht, wann es so weit sei. Auch Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein spricht von einer Bitcoin-Blase. Star-Investor Warren Buffet riet den Leuten, die Finger von Bitcoin zu lassen, da sie nur eine Illusion seien.

          Nun könnte man Bankern und Geschäftemachern wie Buffet, Blankfein und Dimon Geschäftsinteressen unterstellen. Doch selbst der linksliberale Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz forderte ein Verbot, da die Digitalwährung „keinerlei sinnvolle soziale Funktion erfüllt“. Die Bundesbank warnt vor dem spekulativen Charakter, die Finanzaufsicht Bafin vor einem Totalverlust, ähnlich wie die Europäische Zentralbank. Die chinesische Zentralbank hat den Handel in Yuan verboten. Und die amerikanische Zentralbank Fed mahnt: Bitcoin könne das Finanzsystem destabilisieren.

          Setzen auf die Kryptowährung

          Aaron Koenig scheint nicht in die Geschichte vom neuesten Finanz-Hype zu passen. Auf seine Internetseite hat er ein Musikvideo gestellt, in dem er die Vorzüge von Blockchain und Bitcoin besingt. „I bet my money on cryptography – No one will ever see my private key“, singt er. Er wette Geld auf die Verschlüsselung, niemand werde seinen persönlichen Schlüssel sehen. Und im Refrain: „Let our love shine like a blockchain – Open, free, permissionless“. Lass die Liebe glänzen wie eine Blockchain, offen, frei, ohne Erlaubnis. Dazu Gitarren wie bei der Glam-Rock-Band T.Rex. Ist das ernst zu nehmen? „Ich bin davon überzeugt, dass digitales Bargeld die Welt verbessern wird, und dazu möchte ich gern meinen Teil beitragen“, sagt er. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich damit, hat zwei Bücher über Bitcoin geschrieben, viele Filme gedreht, mit denen er Geld verdient, und sich vernetzt. „Ich habe den Eindruck, dass es nirgendwo so viele brillante und idealistische Menschen gibt wie in der Bitcoin-Szene.“ Nirgends sonst erlebe er so leidenschaftliche Debatten über technische Fragen. Viele Aktivisten träumten von einer Welt, in der Banken und der Staat kleinere Rollen einnehmen. Er sei von den freiheitlichen Ökonomen Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises geprägt.

          Der Enthusiasmus der Szene, die sich überall auf der Welt verabredet, ist vergleichbar mit dem der Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens. Wie dort fokussiert sich in einer zentralen Idee ein gesellschaftliches Heilsversprechen. Ein Instrument werde Fortschritt bringen, so der Glaube. Koenig aber findet, dass Bitcoin-Freunde sich mehr mit wirtschaftlichen Fragen beschäftigt haben. Digitales Geld bedeute „das Ende des staatlichen Geldmonopols, das schon so viel Schaden angerichtet hat“, sagt Koenig.

          Glaube an das System liegt in der Technik begründet

          Der Glaube an das Bitcoin-System liegt in der Technik begründet, die dahintersteckt: der Blockchain. Über sie habe niemand Kontrolle. Einzelne Daten werden in Blöcke geschrieben und wie in einer Kette miteinander verschränkt. Versucht man einen Block zu manipulieren, bricht die Kette – daher ist sie fälschungssicher, so heißt es. Sichergestellt werden soll das von gigantischen Rechenzentren, welche die Transaktionen überprüfen. Millionen Rechner werkeln im Hintergrund, ohne dass ein einzelner Einfluss nehmen könnte.

          Auf dem Infoabend der Coinfriends in Offenbach ist Optimismus zu spüren. Robert aus Österreich ist zu Besuch. Sein Arbeitgeber bietet Unterstützung in der Geldanlage mit Bitcoin. „Lukrativ mit einer Fixverzinsung von 1,5 oder 2 Prozent pro Woche“, lautet das Versprechen. Das Mittel dazu sind Trades, die drei Letten in Riga durchführten. Anleger müssen Einlagen in Bitcoin für sechs oder zwölf Monate einschießen. „Das ist ein neuer Markt wie das Internet 1994/95. Schaut mal, was heute die mächtigsten Firmen sind“, sagt Robert. „Wie funktioniert Trading: Kaufen, wenn es billig ist, verkaufen, wenn es teuer ist.“ Als er vom „Renditerenditeeffekt“ spricht, fühlt man sich an die Zeit des überhitzten Neuen Marktes erinnert. Ob das gutgeht?

          Es droht eine Finanz-Blase zu platzen

          Das Wesen von Blasen ist leider, dass man sie erst erkennt, wenn sie geplatzt sind. Eine Tulpe war im 17. Jahrhundert zeitweise so viel wert wie 200 Monatsgehälter. Und die Menschen kauften trotzdem weiter. Droht jetzt der große Bitcoin-Knall?

          Die ersten Pioniere haben sich jedenfalls abgewendet. Rick Falkvinge, der Gründer der schwedischen Piratenpartei und Vordenker der Szene, hat in dieser Woche einen Text auf seine Internetseite gestellt, in dem er sich von Bitcoin lossagt. „Niemand, den ich kenne, benutzt Bitcoin noch für irgendetwas, weil es Stunden dauert, eine Transaktion zu beenden, und sie mehr als 20 Dollar kostet“, schreibt er. Ihn habe im Jahr 2011 an Bitcoin fasziniert, dass Transaktionen frei, verlässlich und unmittelbar waren. Heute sei er ein Spekulationsobjekt, das noch dazu sehr viel Strom verbraucht.

          In Offenbach träumen die Vereinsgründer Robert Roppenecker und Andi Redling dagegen von einer größeren Gemeinschaft, die sich entwickelt. Anfragen aus anderen deutschen Städten, einen Verein zu gründen, gebe es schon. 2010 habe er sich erstmals mit dem Thema beschäftigt, ohne sich dafür zu begeistern, sagt Roppenecker. Als sein Freund Andi ihn im Sommer angesprochen hat, fragte sich der Motorradmechanikermeister, ob er sich ein zweites Mal ärgern will, nicht eingestiegen zu sein. „Wir wollen Bitcoin in die Gesellschaft tragen, damit sie die Kontrolle über das Geld wiedererlangt“, sagt er. Das Vertrauen in Banken bröckle. „Ist es da nicht besser, man vertraut einem mathematischen Algorithmus, der sich selbst verwaltet und nicht manipuliert werden kann?“ Für Ende kommenden Jahres erwartet er einen Wert von 100.000 Euro je Bitcoin, ein Jahr später von 1.000.000 Euro – aktuell sind es rund 8500 Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mehr Zukunft wagen: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans am Freitag nach ihren Bewerbungsreden beim SPD-Parteitag

          Parteitag in Berlin : Esken und Walter-Borjans zu SPD-Vorsitzenden gewählt

          Sie hätten keine Angst, betonen Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans in ihren Bewerbungsreden als SPD-Vorsitzende – und attackieren die Union scharf. Nun wurden sie als Führungsduo bestätigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.