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Bezahlverhalten nach Corona : Bargeld stirbt auch in Deutschland aus

Bar oder mit Karte zahlen? Bild: dpa

Die Corona-Krise hat auch das Bezahlverhalten der Deutschen deutlich geändert: Scheine und Münzen verlieren rasant an Bedeutung. Dafür gibt es viele Gründe.

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          Nur Bares ist Wahres – das schien in Deutschland jahrzehntelang ein Grundsatz zu sein. Doch die Corona-Krise hat diese einstige Gewissheit auch in Deutschland umgekrempelt. Denn auch hier verliert das Bargeld drastisch an Rückhalt. Das geht aus der EHI-Studie „Zahlungssysteme im Einzelhandel“ hervor. Das Einzelhandelsinstitut befragt für diese seine Mitgliedsunternehmen, sodass sie zu den genauesten Erhebungen ihrer Art gehört.

          Franz Nestler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Konkret ist die Zahl der Bezahlvorgänge mit Scheinen und Münzen von 14,58 Milliarden bezahlten Einkäufen innerhalb von zwölf Monaten auf nur noch 10,11 Milliarden bezahlten Einkäufen regelrecht eingebrochen. In Prozent ausgedrückt ist damit der Anteil der Barzahlungen im Einkauf von 46,5 Prozent auf 38,5 Prozent zurückgegangen. Schaut man noch weiter zurück, lag dieser etwa im Jahr 1994 noch bei 78,7 Prozent.

          Den absoluten Einbruch der Zahlen kann man noch sehr einfach damit erklären, dass während der Corona-Pandemie zahlreiche Geschäfte geschlossen waren. Auch der relative Bedeutungsverlust von immerhin acht Prozentpunkten kann zum Teil auf die Pandemie zurückgeführt werden. Denn der Handel baute damals die Bezahlmöglichkeiten mit Karte aus. Eine Studie kam seinerzeit zu dem Ergebnis, dass 97 Prozent aller Unternehmen Hinweise anbringen wollten oder dies taten, die auf die Möglichkeit der Kartenzahlung hinwiesen.

          Ein weiterer Grund für den stetigen Anstieg der Kartenzahlungen ist die Zunahme der Terminals. Selbst kleine Geschäfte, die sich dem vorher verweigerten, schafften diese an, vorwiegend aus hygienischen Gründen als Antwort auf die Corona-Krise. Mittlerweile gibt es mehr als 922 000 solcher Terminals. Vor der Pandemie waren es nur 857 000 Stationen.

          Kontaktlos wird immer wichtiger

          Die dritte große Entwicklung betrifft das kontaktlose Bezahlen. Immer mehr Karten wurden mit dieser Fähigkeit ausgerüstet, mittlerweile dürften es fast 100 Millionen Stück sein. Und was viele vergessen haben dürften: Der Betrag, mit dem ohne Geheimzahl (PIN) bezahlt werden kann, wurde im Frühjahr 2020 von 25 auf 50 Euro erhöht. Auch dadurch wird die Karte heute deutlich häufiger gezückt und aufgelegt. Konkret werden laut dem Verband Deutsche Kreditwirtschaft mittlerweile allein mit der Girocard 72,6 Prozent aller Bezahlvorgänge kontaktlos durchgeführt – im Vorjahr waren es noch 61,1 Prozent. Das EHI kommt nochmals zu anderen Zahlen. Laut seiner Studie werden je nach Einzelhandelssparte zwischen 78 Prozent (SB-Warenhäuser) und 87 Prozent (Drogeriemärkte) aller Transaktionen kontaktlos abgewickelt.

          Das alles hat dazu geführt, dass inzwischen 58,8 Prozent aller Umsätze mit Karte bezahlt werden. Davon vereint die Girocard als Marktführer 42,4 Prozent auf sich, 9 Prozent werden durch Kreditkarten beglichen und 6 Prozent durch Lastschrift. Sonstige Verfahren wie Maestro, V-Pay, die Debit Mastercard oder die Handelskarte vereinen nur 0,6 Prozent auf sich.

          Kleinbeträge mit Bargeld

          Anders sieht es noch bei der Anzahl der Transaktionen aus. Hier wurden 37,9 Prozent aller Bezahlvorgänge mit Karte durchgeführt. Das ist ein sehr starker Anstieg von fast zwölf Prozentpunkten und zeigt zweierlei: Wenn es um kleine Beträge geht, ist Bargeld immer noch König. Es zeigt sich aber auch, dass sich diese Rolle ebenfalls rasend schnell verschiebt – eben dank der Kontaktlos-Funktion, die es ermöglicht, auch kleine Beträge schnell zu zahlen.

          Ein andere Entwicklung vollzieht sich ebenfalls in raschem Tempo: Der Einzelhandel wird immer häufiger zum Geldautomaten. So bieten knapp 90 Prozent der Lebensmittelhändler und Drogeriemärkte, die im EHI-Panel „Zahlungssysteme“ vertreten sind, Bargeldauszahlung an. Der durchschnittliche Auszahlungsbetrag liegt stabil bei rund 95 Euro. Damit wurde im vergangenen Jahr jeder zehnte vereinnahmte Euro auf diese Weise wieder an die Kundschaft ausgegeben. Vor zwei Jahren waren es gerade einmal 2,8 Prozent.

          Geschäfte profitieren dadurch

          Für die Geschäfte ist dies eine Situation, die nur Gewinner kennt: Sie bieten Kunden einen zusätzlichen Service, gleichzeitig hat der Einzelhandel dadurch geringere Kosten. Denn Bargeld kostet immer auch Geld. Der Handel hält etwa große Mengen Wechselgeld in den Läden zurück. Dazu muss aufwendige Sicherheitstechnik installiert werden, die Unternehmen müssen sich gegen Diebstahl versichern und bezahlen Dienstleister, die in gepanzerten Fahrzeugen Bargeld anliefern und wieder abholen. Daneben gibt es auf das gelagerte Geld keine Zinsen, aber auch alltägliche Dinge wie falsches Wechselgeld verursachen Kosten. Die Arbeitszeit für die Verwaltung des Bargeldbestandes ist auch nicht zu verachten. Eine ältere Studie der Steinbeis-Hochschule kam vor zehn Jahren zu dem Ergebnis, dass der Handel dadurch 6,6 Milliarden Euro Verlust macht. Die Zahl dürfte allein inflationsbedingt seitdem gestiegen sein.

          Eine Veränderung, die das EHI auch direkt mitbekommt, ist das Einkaufsverhalten der Deutschen. So belief sich der durchschnittliche Kassenbon im Jahr 2021 auf 25,90 Euro – im Vorjahr waren es noch 2,06 Euro weniger. Das ist insofern besonders bemerkenswert, da der Umsatz im stationären Einzelhandel im Vorjahr von 435 Milliarden Euro auf 430 Milliarden Euro gesunken ist. Die Experten vom EHI erklären das auch mit den Kontaktbeschränkungen: Demnach sei der Handel deutlich seltener aufgesucht worden, dann aber sei mehr eingekauft worden. So wurden knapp 3,4 Milliarden Einkäufe weniger getätigt. Gleichzeitig stieg demnach der Brutto-Onlineumsatz von 60 Milliarden Euro in der Vor-Pandemie-Zeit auf nun 100 Milliarden Euro.

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