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Naturkatastrophen : Die ungeliebte Elementarschadenpolice

Kein Rekordniederschlag, aber ein Rekordschaden: An der Ahr wurden viele Häuser zerstört, die so lange dort stehen, dass niemand an Starkregen dachte. Bild: dpa

Nach jeder großen Naturkatastrophe wird neu über Elementardeckungen geredet. Eine Pflicht aber will niemand durchsetzen. Die Politik aber hat andere Gründe als die Versicherungswirtschaft.

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          Wann das große Unglück geschah, kann Yvonne Hageleit-Schreckenberg noch wochengenau angeben. 21 Wochen, in denen das gesamte Inventar der Küchenstudio-Betreiberin überschwemmt wurde, die Fluten 2 Millionen Euro Schaden anrichteten, sie Hilfe von anderen Menschen in Leverkusen-Opladen empfing und an andere abgab. Versichert war zwar das Gebäude, nicht aber der Inhalt.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Der Makler hatte das Risiko nicht benannt. Dann wurde ein 50 Zentimeter hohes Bächlein zum reißenden Fluss, und ihr Stadtteil zum Veedel, in dem jeder jedem half. Schreckenberg spricht sich für eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden aus.

          Nach jeder großen Flutkatastrophe wird die Debatte über eine Versicherungspflicht neu geführt. Doch in der Sache ist die Politik nicht weitergekommen. 46 Prozent der Haushalte haben eine Elementardeckung, der Rest nicht. Ganz bindend hätte es die Versicherungswirtschaft nicht so gern. Aber: „Im Neugeschäft regen wir an, dass es eine Pflichtversicherung gibt mit Opt-out“, sagte Werner Görg, Aufsichtsratsvorsitzender der Gothaer , am Montagabend auf einer digital übertragenen Veranstaltung der IHK Köln.

          Die Überschwemmungen an Ahr, Erft und Wupper seien zwar bemerkenswert gewesen, aber keineswegs eine Ausnahme. Im Jahr 1920 habe es im rheinländischen Füssen so stark geregnet, dass das bis heute ein Vergleichsmaß sei.

          150 Liter Regen in 24 Stunden sind kein Rekord

          Tief Bernd hatte zur Folge, dass an manchen Orten 150 Liter Regen an einem Tag niedergingen. „Damals waren es in acht Minuten 126 Liter Wasser. Eine unvorstellbare Wassermenge“, sagte Görg. Damit drückte er auch aus, dass sich solche Schadenereignisse insbesondere im fortschreitenden Klimawandel jederzeit wiederholen können. Um das Risiko zu minimieren, müsse es klare Grenzen für die Bautätigkeit geben. „Nicht bauen, wo es nicht zulässig ist“, verlangte Görg.

          Damit konnte sich Peter Biesenbach, CDU-Justizminister von Nordrhein-Westfalen durchaus anfreunden. Der Forderung nach einer Pflichtversicherung widersprach er aber auch aus anderen Gründen. Schon nach dem Elbe-Hochwasser hatten die Landesjustizminister prüfen lassen, ob eine Pflicht verfassungsgemäß wäre. Schon damals hatten sie Bedenken.

          Denn anders als in der Autoversicherung, wo es einen Versicherungszwang gibt, schütze eine Naturgefahrenpolice nicht Dritte, sondern Eigentümer selbst. Eine Kfz-Police ist nötig, um nach einem schweren Unfall Geschädigte finanziell zu schützen, die vielleicht ihr Leben lang medizinisch betreut werden müssen. Mit einer Elementarschadenversicherung dagegen schütze man sich selbst.

          Autoversicherungen sind Pflicht, aber wegen des Schutzes Dritter

          „Bei der Kfz-Police ist der Schutz des Versicherungsnehmers nachrangig, der Schutz der Dritten steht im Mittelpunkt. Hier aber steht Existenzschutz des Versicherten im Vordergrund“, sagte Biesenbach. Die Versicherer betonen, dass ein großer Teil aller Gebäude versicherbar sei. „Warum sollte jemand verpflichtet werden, für ein Schadenereignis zu zahlen, das ihn nicht trifft, aber jemand anderen?“, fragte der Landespolitiker aus Düsseldorf. Mit Blick auf die Elementardeckungen gebe es ein Nachfrageproblem, kein Anbieterproblem.

          Vor dem 300. Jubiläum der Provinzial im kommenden Jahr war die Starkregenkatastrophe durch Tief Bernd das schadenträchtigste Ereignis in der Geschichte des deutschen Marktführers in der Wohngebäudeversicherung. „Wir sind noch in der Regulierung, eine halbe Milliarde Euro ist ausgezahlt. Wir werden weit über eine Milliarde Schadenlast sehen“, sagte Michael Hein, Generalbevollmächtigter Firmenkunden der Provinzial. Zu Unternehmerin Schreckenberg sagte er, der Verzicht auf eine Elementardeckung fürs Inventar in ihrem Küchengeschäft sei als Beratungsfehler zu werten – auch wenn der Fluss üblicherweise nur einen halben Meter hoch sei.

          Eine automatisch angebotene Police mit der Möglichkeit, sich dagegen zu entscheiden, ist auch aus seiner Sicht die beste Option. „Wir wollen jedes Risiko versicherbar machen, dafür muss man Prävention beim Kunden durchsetzen“, sagte er. Dagegen bestünde durch eine Pflicht weniger Anreiz zur Prävention – zum Beispiel zu Investitionen in einen besseren Schutz vor Fluten. Das wiederum dürfte die Preise für eine Pflichtversicherung in die Höhe treiben. „Warum soll ich Prävention betreiben, ich bin doch eh versichert?“ Für CDU-Politiker Biesenbach war das kein überzeugendes Argument. Jeder Versicherte wolle trotz des Deckungsschutzes den Schadensfall vermeiden. „Wenn ich eine Pflegeversicherung habe, esse ich ja auch nicht absichtlich jeden Tag fett“, erwiderte er.

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