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Fed und EZB : Die Macht der Geldpolitik schwindet

Der Fed-Chef Jerome Powell auf einer Konferenz in Washington. Bild: AFP

Die Notenbanken verlieren ihre Feuerkraft. Ist nun doch der Staat am Zug? Das Bankhaus Metzler rät zu investiven Ausgaben.

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          Für Emmerich Müller ist es allerhöchste Zeit, Geld- und Fiskalpolitik sowie Strukturreformen besser zu gewichten. Für den persönlich haftenden Gesellschafter des Bankhauses Metzler sind die Rezessionsrisiken in der Weltwirtschaft gestiegen. Auf dem Pressegespräch der Frankfurter Privatbank am Donnerstag sprach sich Müller dafür aus, fiskalpolitische Maßnahmen vor allem an dem hohen Investitionsbedarf auszurichten. Für ihn stellt sich die Frage, ob die Notenbanken noch über ausreichend Mittel verfügten, um im Krisenfall gegensteuern zu können.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Zumindest die amerikanische Notenbank Fed hat nach den Worten von Carolin Schulze Palstring, Leiterin Kapitalmarktanalyse im Metzler Private Banking, noch mehr Handlungsspielraum, als es auf den ersten Blick erscheint. Daran hält sie auch nach der Leitzinssenkung der Fed vom Mittwochabend fest. Nach der dritten Senkung im laufenden Jahr deutete Fed-Chef Jerome Powell eine Pause in der geldpolitischen Lockerung an. Er verwies auf die Entspannung im Handelskonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China sowie auf das geringere Risiko eines harten Brexits.

          EZB stößt zunehmend an ihre Grenzen

          Die Fed habe in einem Abschwung noch mehr Feuerkraft als die Europäischen Zentralbank (EZB). Zwar sei der Puffer bei den Leitzinsen deutlich kleiner als in früheren Zeiten, jedoch habe in den vergangenen Jahren das Potential für Anleihekäufe – nicht zuletzt wegen der steigenden Staatsverschuldung – zugenommen. Nach den Worten von Schulze Palstring hält die Fed derzeit 13 Prozent der amerikanischen Staatsanleihen, was weniger sei als vor der Finanzkrise. Danach erreichte der Bestand 2014 mit knapp 20 Prozent seinen Höchststand. Um auf dieses Niveau zu kommen, könne die Fed amerikanische Staatsanleihen in Höhe von 1,3 Billionen Dollar kaufen. Nach ihren Angaben sind Anleihekäufe im Volumen von 300 Milliarden Dollar mit einer Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte vergleichbar. Schulze Palstring schätzt den Puffer der Fed für eine Lockerung auf insgesamt vier Prozentpunkte.

          „In der Eurozone stößt die Zentralbank mit ihrer lockeren Geldpolitik hingegen zunehmend an Grenzen“, sagte Müller. Er kann sich nicht vorstellen, dass der Leitzins noch weiter gesenkt werde, da die Belastungen für das Bankensystem durch den negativen Einlagensatz immer größer würden und die Geldpolitik ab einem bestimmten Punkt restriktiv würde. Schulze Palstring hält neue Anleihekäufe der EZB für bedenklich, da die sinkenden Refinanzierungszinsen jeglichen Druck von den Regierungen hochverschuldeter Staaten nähmen, Strukturreformen einzuleiten und Haushaltsdisziplin zu zeigen. Handlungsbedarf sieht sie vor allem für die Bundesregierung. „Insbesondere in Deutschland ist der Investitionsbedarf hoch, und die Bundesregierung hat – unterstützt durch die niedrigen Zinsen – den nötigen finanziellen Spielraum.“

          Weniger Anreiz, Unternehmen effizient zu managen

          Wenig Renditemöglichkeiten sieht Metzler derzeit am Anleihemarkt, während der Aktienmarkt von einer lockeren Geldpolitik profitiert. Portfoliomanager Frank Endres rät aber zur Vorsicht bei der Titelauswahl. Mit fehlendem finanziellen Druck aufgrund der günstigen Finanzierungsbedingungen sinke der Anreiz, Unternehmen effizient zu managen. Er empfiehlt Anlegern, sich an den Fundamentaldaten zu orientieren. Langfristig hätten sich die Kriterien Bilanz- und Ertragsqualität sowie Bewertung als Erfolgsfaktoren erwiesen. Endres erwartet im kommenden Jahr eine bessere Entwicklung europäischer Aktien gegenüber amerikanischen. Europäische Titel dürften zwischen 8 und 10 Prozent zulegen, amerikanische um 5 Prozent.

          Auch aus Sicht der Kapitalmarktstrategin Alexis Gray von Vanguard gehen den Zentralbanken langsam die Alternativen aus. Anlässlich eines globalen Ausblicks auf die Märkte für die nächsten sechs Monate in Frankfurt fragte sie, was noch tiefere Zinsen denn bezwecken können. Von einer weiteren Zinssenkung der EZB geht sie daher nicht aus, auch wenn das Anleihekaufprogramm laut Gray noch bis in das nächste Jahr weiter fortgesetzt werde.

          In Amerika erwarte sie noch bis zu zwei weitere Zinssenkungen im kommenden Jahr. Den richtigen Zeitpunkt, um zur geldpolitischen Normalität zurückzukehren, hätten die Zentralbanken aber verpasst. Um die inverse Zinsstrukturkurve, also die Tatsache, dass die Zinssätze kurzfristiger Geldmarktpapiere über die langfristiger Kapitalmarktzinsen steigen, was dieses Jahr in Amerika der Fall war, macht sie sich jedoch keine großen Sorgen. In zehn von elf Fällen sei solch eine inverse Zinsstrukturkurve der Vorbote einer Rezession gewesen. Doch sei diese Annahme in der Vergangenheit sehr stark auf Amerika zentriert gewesen.

          Ein größeres Problem für die globale Wirtschaft sei dagegen nach wie vor der Handelskonflikt zwischen Amerika und China und die damit einhergehende Investitionsunsicherheit der Unternehmen. Bei einer Beilegung des Konflikts kann sich Gray durchaus wieder Zinserhöhungen vorstellen. Das Risiko einer Rezession ist zwar höher als in den vergangen Jahren. Einen direkten Abschwung sehe sie jedoch nicht. Eine technische Rezession sei daher in nächster Zeit noch nicht zu erwarten. Gleichwohl stellte sie klar, dass diese nicht durch die Zentralbanken verhindert werden könne. Dafür seien sie nicht konstruiert worden. Schließlich habe es auch schon in der Vergangenheit Rezessionen gegeben – und Notenbanken.

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