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Scherbaums Börse : Die Hoffnung auf die Rückkehr der Bullen

  • -Aktualisiert am

Seit dem Porsche-Börsengang Ende September haben die Bullen wieder Oberwasser. Bild: AP

Bald endet eines der turbulentesten Jahre der jüngeren Börsengeschichte. Die Hoffnung ist bei Marktexperten groß, dass die Bullen 2023 wieder nachhaltig Fuß fassen.

          3 Min.

          Das Börsenjahr 2022 neigt sich langsam dem Ende zu, und nicht wenige Anleger werden – mit Blick ins eigene Depot – froh sein, wenn es vorbei ist. Dabei hat es am deutschen Aktienmarkt eigentlich gleich zu Jahresbeginn gut angefangen. Der Dax kletterte am 5. Januar über die 16.000-Punkte-Marke, und die Stimmung war gut, trotz der schon da vorherrschenden Lieferkettenprobleme.

          Das änderte sich mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine schlagartig und der daraus resultierenden Energiekrise sowie der ansteigenden Inflation und den diversen Leitzinserhöhungen der internationalen Notenbanken.

          Die Aktienmärkte schalteten in der Folge in den Rückwärtsgang, gleichzeitig kam es dieses Jahr zum Comeback der Rentenpapiere. Der deutsche Bund Future verlor seit Januar rund 35 Punkte, was im Umkehrschluss steigende Renditen bedeutet. Anleger, die Deutschland auf Sicht von zehn Jahren Geld leihen, erhalten aktuell immerhin eine jährliche Rendite von rund 2,3 Prozent. Vor gut einem Jahr war daran nicht zu denken.

          Sichere Häfen Mangelware

          Anleger, die auch dieses Jahr auf ein klassisches 60/40-Portfolio bauten, kamen ebenfalls unter die Räder, denn ein solches Portfolio konnte seine traditionellen Vorteile nicht ausspielen. „2022 waren sichere Häfen Mangelware“, so Thomas Stucki von der St. Gallner Kantonalbank (SGKB). Was unterm Strich am letzten Handelstag 2022 bei Dax & Co herauskommt, ist am Ende zwar nicht egal, aber für viele Investoren nach dem herausfordernden Jahr eher zweitrangig. Der Blick richtet sich bereits auf 2023.

          Klar ist, wenn man die vielen Kapitalmarktausblicke der vergangenen Tage zusammenfasst: Im nächsten Jahr wird sich alles um die Inflationsentwicklung drehen. „Der Inflationstrend bestimmt Zins-, Aktien-, Währungs- und Immobilienmärkte“, sagt Thomas Stucki. „Die Kurse bestimmen ohnehin schon längst nicht mehr der Krieg in der Ukraine und die damit einhergehenden geopolitischen Spannungen, sondern die Angst um die Lage der Weltwirtschaft sowie die aktuell extrem hohen Inflationsraten“, berichtet auch Nermin Aliti von Laureus Privat Finanz.

          Christoph Scherbaum
          Christoph Scherbaum : Bild: Christoph Scherbaum

          Bei der SGKB glaubt man derweil an die Rückkehr der Aktie. Zwar seien die Konjunkturaussichten für das kommende Jahr unerfreulich, aber im Zuge einer Abschwächung können die Aktienmarktteilnehmer wieder positive Aussichten entwickeln. „Darüber hinaus gehen wir vom Zurückgleiten der Inflation aus. Hohe, aber sinkende Inflation ist in der Regel ein gutes Umfeld für Aktienmärkte. Deshalb rechnen wir kommendes Jahr mit einer positiven Entwicklung der Aktienmärkte“, heißt es im aktuellen SGKB-Marktausblick. „Besonders profitieren können Unternehmen, die höhere Kosten über die Preise weitergeben können.“

          Niedrige Bewertungen sprechen für Aktien

          Die Deutsche Bank blickt in ihrem Kapitalmarktausblick 2023, den sie in dieser Woche vorgestellt hat, derweil verhalten optimistisch auf das kommende Jahr. Hier geht man davon aus, dass die zu erwartende Rezession in den USA und Europa moderat ausfallen dürfte. „Die Inflation wird zwar unter anderem aufgrund der Energiepreise voraussichtlich zunächst hoch bleiben; die Leitzinsen sollten jedoch im Sommer ihren Höchststand erreichen.“

          Für den Aktienmarkt prognostiziert das größte deutsche Bankhaus mittlere einstellige Renditen. Die Prognose für den Dax liegt bei 15.000 Punkten zum Jahresende 2023. Den breiten amerikanischen S&P-500-Index sehen die Experten bei 4.100 Punkten. Obwohl das kommende Jahr wirtschaftlich etwas schwieriger werden könnte, spreche für die Anlageklasse, dass die Börse der Konjunktur vorauslaufe, heißt es. „Sobald sich eine wirtschaftliche Erholung abzeichnet, sollten die Kurse steigen“, so Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank. „Rücksetzer könnten gute Einstiegschancen bieten.“

          Vor allem die zurzeit niedrigen Bewertungen sprechen für Aktien. „Wir haben in den vergangenen Monaten eine deutliche Anpassung der Bewertungen gesehen“, sagt Stephan. Unternehmensgewinne sind in diesem Jahr teilweise deutlich gestiegen, Aktienkurse jedoch stark gefallen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für den amerikanischen S&P 500 ist von 22,7 auf aktuell 16,5 und für den Stoxx Europe 600 von 17,7 auf 11,3 gefallen, so der Chefanlagestratege weiter.

          In das gleiche Horn bläst auch J.P. Morgan. „Angesichts der nun deutlich niedrigeren Bewertungen und höheren Renditen bieten sich prospektiv die besten langfristigen Ertragschancen seit mehr als einem Jahrzehnt“, heißt es im aktuellen langfristigen Kapitalmarktausblick der amerikanischen Investmentbank. In der bereits 27. Ausgabe dieser jährlich veröffentlichten Analyse steigt die prognostizierte jährliche Rendite für ein Mischportfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen in Euro von 2,8 Prozent auf 5,1 Prozent jährlich – in Dollar ist der Anstieg sogar noch beeindruckender: von 4,3 auf 7,2 Prozent.

          Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, betont, dass sich die Turbulenzen des Jahres 2022 als kathartischer Moment einordnen lassen, und ist für Investoren mit einem langfristigen Anlagehorizont positiv gestimmt: „Während die Märkte kurzfristig herausfordernd bleiben, steht Investoren zum ersten Mal seit Jahren ein ‚komplettes Arsenal‘ zur Allokation zur Verfügung. Es zeigen sich über die nächsten zehn bis 15 Jahre positive Renditeprognosen für alle Anlageklassen über das gesamte Risikospektrum hinweg,“ so der Ökonom weiter. Das Horror-Anlagejahr 2022 scheint in der Tat schon bei vielen abgehakt zu sein.

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