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Finanzbranche : Besessen von der Blockchain

Bankentürme in Frankfurt am Main: Hat die Blockchain-Technologie das Zeug dazu, ganze Branchen aufzulösen? Bild: dpa

In der Finanzbranche vergeht kaum ein Tag ohne eine Konferenz zum Thema Blockchain. Manche erwarten, die Technologie könnte ganze Wirtschaftszweige ersetzen – was hat es damit auf sich?

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          Wer derzeit Geld von Investoren haben möchte, sollte irgendwo in seinem Vortrag das Wort „Blockchain“ einbauen. Kaum ein Thema elektrisiert die Finanzbranche so stark wie die neue Technologie, der nachgesagt wird, die Unternehmenswelt revolutionieren zu können. Mehr als eine Milliarde Dollar wurde bereits von Risikokapitalgebern in Firmen investiert, die dazu forschen.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Die großen Investmentbanken wie JP Morgan, Goldman Sachs oder UBS haben sich zusammengeschlossen, um an gemeinsamen Standards zu arbeiten. Kaum ein Tag ohne Konferenz zu dem Thema vergeht, auf denen sich die Veranstalter gerne mit Superlativen überbieten, wie die Blockchain ganze Wirtschaftszweige „disrupted“, also ersetzt und überflüssig macht.

          Das Problem dabei sind allerdings drei Dinge: Erstens versteht kaum jemand das komplizierte Prinzip der Blockchain, zweitens ist die revolutionäre Wirkung der neuen Technologie alles andere als bewiesen, und daher bewegt sich drittens das meiste Gerede um die Blockchain auf sehr theoretischem Terrain: Der einzige richtige Anwendungsfall der Blockchain ist derzeit die digitale Währung namens Bitcoin.

          Ein wenig Skepsis ist also angebracht, wenngleich sich frühes Experimentieren lohnen könnte – sonst droht ein ähnliches Aufwachen mit Schrecken wie zu Zeiten des Internets, dessen Potential zu lange von Skeptikern heruntergeredet wurde. Doch während das Internet dabei geholfen hat, Information für die Menschheit leichter zugänglich zu machen, so wird die Wertschöpfung noch stark auf wenige Unternehmen verteilt: Technologieriesen wie Apple und Google teilen sich das meiste untereinander auf. Mit der Software-Architektur in Form von „Open Source“, also quelloffenen Daten, soll die Blockchain alles demokratisieren.

          Wie ein riesiges digitales Kassenbuch

          Die hinter Bitcoin liegende Technik, die sogenannte Blockchain, muss man sich zunächst vorstellen wie ein riesiges, digitales Kassenbuch, deren Kopien auf Tausenden Rechnern liegen. Die Blockkette wird durch jede Transaktion verlängert und dabei auf den verschiedenen Rechnern und den jeweiligen Kassenbüchern überprüft.

          Wer also eine Überweisung an nur einem Rechner manipuliert, schafft es nicht, dass die anderen Teilnehmer die Transaktion bestätigen, der Kette wird dadurch kein neuer Block hinzugefügt. Das soll Betrug praktisch unmöglich machen (siehe Grafik). Zusätzlich folgt die Blockchain dem Prinzip der Synonymität. Denn die Blockchain ist jederzeit von außen einsehbar, der Handel ist also vollständig transparent, aber nur die handelnden Parteien können sich gegenseitig zuordnen.

          Die größte Umwälzung könnte Blockchain schaffen, indem sie wirklich die Intermediäre überflüssig macht. Also Zwischenhändler wie Banken, Börsen oder Kreditkartenfirmen wie Visa, wenn man auf Geldgeschäfte blickt. Doch genauso gefährdet sind aber Spieler, die erst seit kurzem traditionellen Gewerben Kopfschmerzen bereiten.

          Trends erklären als Geschäftsmodell

          Wenn sich über die Blockchain Vermieter und Mieter treffen, würde ein aufstrebendes Unternehmen wie Airbnb schnell wieder überflüssig, in Israel arbeitet ein Start-up bereits daran, Fahrten zu vermitteln nur über die Blockchain-Technologie, das würde Uber treffen.

          Während die Finanzbranche inzwischen schon mit der Blockchain experimentiert, sind andere Wirtschaftszweige noch sehr zurückhaltend. Das nutzen nun Unternehmen wie die Reply AG aus, die vor allem Mittelständler zu digitalen Themen berät. Mit der Strategie, sich immer früh mit Trends auseinanderzusetzen und sie anderen dann zu erklären, hat Reply im vergangenen Jahr 705 Millionen Euro Umsatz gemacht. „Wir sind ein Netzwerk von Nischenunternehmen“, sagt Thomas Hartmann, Vorstand der Reply AG. Die jüngste Nische ist nun Blockchain.

          Damit passiert etwas Paradoxes: Während die Technologie Intermediäre eigentlich überflüssig machen will, erschafft sie so zuerst neue: Unternehmen wie Reply, die ihren Wissensvorsprung nutzen, um Service anzubieten. Die Kompetenz der eigenen Entwickler zur Blockchain nutzt dem Unternehmen dabei, nicht nur Beispielfälle zu zeigen, sondern sie auch gleich umsetzen zu können.

          Ein Risiko für die Branche?

          „Für alle Branchen ist eine Chance erst einmal ein Risiko, je nach Perspektive“, sagt Hartmann. Doch gebe es eben nicht nur für Banken eine gewisse Dringlichkeit, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen, damit man wettbewerbsfähig bleibe. Gerade die alten Intermediäre wie Banken und Börsen sind beim Experimentieren vorne mit dabei, um in einem veränderten Umfeld neue Positionen zu finden.

          Und doch gibt es Dutzende mögliche Anwendungsmöglichkeiten für fast alle Branchen: Viele Behördenaufgaben, die heute noch über eigene Programme oder sogar Papierdokumente abgewickelt werden, könnte man theoretisch auf einer Blockchain abbilden. Reply arbeitet mit einem Versicherer zusammen, der mit Black Boxes im Auto Unfalldaten sammelt. Diese Daten könnten auch in einer Blockchain übertragen werden, ohne Manipulationmöglichkeit.

          Viele private Blockchains

          Im Gesundheitswesen werden viele hochsensible Daten ausgetauscht, Akten liegen bei mehreren Ärzten. Über eine Blockchain hätten Patienten nicht nur die Möglichkeit, ihre eigenen Daten einzusehen, sondern sie auch verschiedenen Ärzten oder Krankenkassen für bestimmte Zeiträume freizugeben. Oder das Beispiel Industrie 4.0: Millionen von Sensoren sollen in Zukunft miteinander kommunizieren – dort könnten auch ständig Minimalbeträge für Strom, Nutzung oder Wartung direkt von den Sensoren über eine Blockchain versendet werden. Bei Preisen, die noch geringer sind als Centbeträge, ist Telekommunikation über SIM-Karten zu teuer. Transaktionen über die Blockchain könnten hingegen in Sekundenschnelle von Lieferanten und Händlern nachvollzogen werden.

          Allein: Diese Zukunftsszenarien sind noch weit entfernt und nicht an mögliche Regulatorien und den Datenschutz angepasst. Reply empfiehlt seinen Kunden daher, erst einmal ganz klein anzufangen: mit der Blockchain eine bestehende Struktur zu kopieren, etwa das Ticketing-System bei IT-Anfragen im Haus. Und sich so Stück für Stück vorzutasten. So könnten irgendwann viele private, auf Unternehmen zugeschnittene Blockchains entstehen. An eine einzige, weltumspannende Blockkette glaubt außer den Erfindern der Technik ohnehin niemand.

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