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Finanzbranche : Besessen von der Blockchain

Während die Finanzbranche inzwischen schon mit der Blockchain experimentiert, sind andere Wirtschaftszweige noch sehr zurückhaltend. Das nutzen nun Unternehmen wie die Reply AG aus, die vor allem Mittelständler zu digitalen Themen berät. Mit der Strategie, sich immer früh mit Trends auseinanderzusetzen und sie anderen dann zu erklären, hat Reply im vergangenen Jahr 705 Millionen Euro Umsatz gemacht. „Wir sind ein Netzwerk von Nischenunternehmen“, sagt Thomas Hartmann, Vorstand der Reply AG. Die jüngste Nische ist nun Blockchain.

Damit passiert etwas Paradoxes: Während die Technologie Intermediäre eigentlich überflüssig machen will, erschafft sie so zuerst neue: Unternehmen wie Reply, die ihren Wissensvorsprung nutzen, um Service anzubieten. Die Kompetenz der eigenen Entwickler zur Blockchain nutzt dem Unternehmen dabei, nicht nur Beispielfälle zu zeigen, sondern sie auch gleich umsetzen zu können.

Ein Risiko für die Branche?

„Für alle Branchen ist eine Chance erst einmal ein Risiko, je nach Perspektive“, sagt Hartmann. Doch gebe es eben nicht nur für Banken eine gewisse Dringlichkeit, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen, damit man wettbewerbsfähig bleibe. Gerade die alten Intermediäre wie Banken und Börsen sind beim Experimentieren vorne mit dabei, um in einem veränderten Umfeld neue Positionen zu finden.

Und doch gibt es Dutzende mögliche Anwendungsmöglichkeiten für fast alle Branchen: Viele Behördenaufgaben, die heute noch über eigene Programme oder sogar Papierdokumente abgewickelt werden, könnte man theoretisch auf einer Blockchain abbilden. Reply arbeitet mit einem Versicherer zusammen, der mit Black Boxes im Auto Unfalldaten sammelt. Diese Daten könnten auch in einer Blockchain übertragen werden, ohne Manipulationmöglichkeit.

Viele private Blockchains

Im Gesundheitswesen werden viele hochsensible Daten ausgetauscht, Akten liegen bei mehreren Ärzten. Über eine Blockchain hätten Patienten nicht nur die Möglichkeit, ihre eigenen Daten einzusehen, sondern sie auch verschiedenen Ärzten oder Krankenkassen für bestimmte Zeiträume freizugeben. Oder das Beispiel Industrie 4.0: Millionen von Sensoren sollen in Zukunft miteinander kommunizieren – dort könnten auch ständig Minimalbeträge für Strom, Nutzung oder Wartung direkt von den Sensoren über eine Blockchain versendet werden. Bei Preisen, die noch geringer sind als Centbeträge, ist Telekommunikation über SIM-Karten zu teuer. Transaktionen über die Blockchain könnten hingegen in Sekundenschnelle von Lieferanten und Händlern nachvollzogen werden.

Allein: Diese Zukunftsszenarien sind noch weit entfernt und nicht an mögliche Regulatorien und den Datenschutz angepasst. Reply empfiehlt seinen Kunden daher, erst einmal ganz klein anzufangen: mit der Blockchain eine bestehende Struktur zu kopieren, etwa das Ticketing-System bei IT-Anfragen im Haus. Und sich so Stück für Stück vorzutasten. So könnten irgendwann viele private, auf Unternehmen zugeschnittene Blockchains entstehen. An eine einzige, weltumspannende Blockkette glaubt außer den Erfindern der Technik ohnehin niemand.

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