https://www.faz.net/-gv6-930kz

Anleihenhandel : Lower for longer

Unter Mario Draghis Führung hat die EZB bislang Anleihen im Wert von mehr als zwei Billionen Euro gekauft. Bild: CLODAGH KILCOYNE

Die Europäische Zentralbank will in Zukunft weniger Anleihen kaufen – allerdings für länger. Für Sparer heißt das: Höhere Zinsen lassen noch Jahre auf sich warten.

          5 Min.

          Wenn der Chefvolkswirt einer Notenbank spricht, hören alle genau hin. So war das auch vor zehn Tagen bei Peter Praet, der diesen Posten für die Europäische Zentralbank (EZB) innehat. In New York sprach er Worte, die als Vorentscheidung aufgefasst wurden – für die wichtigste geldpolitische Zusammenkunft des Jahres am kommenden Donnerstag.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dann trifft sich die EZB in Frankfurt zu ihrer Sitzung. Sie will Wichtiges verkünden, die Finanzmärkte spekulieren schon das ganze Jahr darüber, was genau die Notenbanker dann sagen werden. Es geht um nichts weniger als den Einstieg in den Ausstieg aus der jahrelangen ultralockeren Geldpolitik der EZB, die unter anderem zu Negativzinsen geführt hat, die die Sparer um Milliarden an Zinsgewinnen gebracht haben.

          Was kommende Woche passieren wird, sieht nach der Erwartung so gut wie aller EZB-Beobachter so aus: Die Zentralbank wird beschließen, dass die milliardenschweren Käufe von Staatsanleihen, die die Zinsen niedrig halten und damit die Wirtschaft ankurbeln sollen, nicht wie bisher geplant zum Jahresende enden, sondern dass sie fortgeführt werden. Aber mit einem kleineren Volumen. Die englischsprechende Finanzwelt hat dafür die Formel „lower for longer“ („weniger für länger“) erfunden. Praet hat das in seiner New Yorker Rede etwas verklausuliert angedeutet: In einem ruhigen Marktumfeld wie derzeit seien Anleger geduldiger und könnten den Stimulus besser einschätzen, der von Anleihekäufen über eine längere Zeitstrecke ausgehe.

          Kaum mehr genug Anleihen auf dem Markt

          Seitdem wird diskutiert, wie weit der Zeitraum ausgedehnt wird. Die Notenbanker selbst haben offenbar über weitere sechs bis neun Monate diskutiert, sickerte nach außen. Klar ist auch: Wenn sie länger Anleihen kaufen, müssen sie das mit geringerem Volumen tun. Denn es gibt bald nicht mehr genug Anleihen auf dem Markt, die die EZB noch erwerben kann. Schließlich hat sie sich verpflichtet, nicht mehr als ein Drittel der Anleihen eines Landes zu besitzen, um damit dem Vorwurf der Staatsfinanzierung zu entgehen, die ihr verboten ist.

          Dieser Vorwurf wird der Notenbank von Beginn des umstrittenen Kaufprogramms im März 2015 an gemacht, nicht zuletzt aus Deutschland. Bei einigen Anleihen, zum Beispiel deutschen Bundesanleihen, würde sie spätestens im Sommer kommenden Jahres die Maximalschwelle erreichen, wenn sie das Kaufvolumen nicht reduziert. Die Schwelle anzuheben wird die EZB kaum wagen, da der Europäische Gerichtshof und das Bundesverfassungsgericht die Käufe nur genehmigt haben, weil es diese Begrenzung gibt.

          Derzeit erwirbt die Zentralbank Anleihen im Wert von 60 Milliarden Euro im Monat. Mehr als zwei Billionen Euro hat sie damit jetzt schon in ihrem Bestand, das entspricht rund zwei Dritteln der jährlichen deutschen Wirtschaftsleistung. Das sind zum größten Teil Staatsanleihen, aber auch etwa 20 Prozent Unternehmensanleihen, Pfandbriefe und Kreditverbriefungen. „Die EZB wird von Januar bis September 2018 noch Anleihen im Wert von 30 Milliarden Euro im Monat erwerben und dann das Programm bis Jahresende 2018 auslaufen lassen“, erwartet Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Er spricht damit die Mehrheitsmeinung der Notenbank-Beobachter aus. Eine Minderheit erwartet sogar einen Rückgang der Käufe auf nur noch 20 Milliarden Euro.

          Weitere Themen

          Wie stark wirken die EZB-Anleihekäufe?

          EZB-Streit : Wie stark wirken die EZB-Anleihekäufe?

          Die Bundesbank und die Commerzbank befassen sich in zwei Studien mit den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank – mitten im Streit um das kritische Urteil des Bundesverfassungsgerichts.

          Topmeldungen

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Trump will G7 zu G11 erweitern : Eine neue Allianz gegen China?

          Russland reagiert zurückhaltend auf Trumps Vorstoß, die G7 zu erweitern. Australien, Indien und Südkorea zeigen sich offener – ohne Amerika wären sie Vasallenstaaten Chinas, warnt ein früherer Außenminister.
          Kerzen und Stofftiere vor der Kita „Am Steinkreis“ in Viersen: Hier starb am 21. April eine Dreijährige.

          Totes Kita-Kind in Viersen : Reihenweise Alarmsignale

          In einer Kita in Viersen soll eine Erzieherin die kleine Greta ermordet haben. Ihr Lebenslauf enthält zahlreiche Alarmsignale. Es war offenbar nicht der erster Übergriff der 25-Jährigen auf ein Kita-Kind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.