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Euro am Devisenmarkt : Die Aufwertung

Jüngst wertete der Euro gegenüber dem Dollar auf. Der Kurs des Euros stieg seit Jahresbeginn von 1,04 auf zuletzt 1,17 Dollar. Bild: dpa

Der Euro hat in jüngster Zeit deutlich an Wert gewonnen. Dafür gab es gute Gründe. Doch nun ist das Potential erst einmal ausgeschöpft. Ein Kommentar.

          Im vergangenen Jahr überboten sich Großbanken mit Prognosen einer langfristigen Schwäche des Euros am Devisenmarkt. Ein Fall des Kurses unter die „Parität“ von einem Euro für einen Dollar galt als nahezu sicher, und kein Argument schien abwegig genug, eine solche Prognose zu begründen.

          So erklärte eine Großbank allen Ernstes, der Leistungsbilanzüberschuss der Eurozone – nach dem Lehrbuch eher ein Argument für eine Aufwertung – werde die Abwertung herbeiführen. In den vergangenen Wochen wurden diese Prognosen einkassiert. Denn der entgegengesetzte Fall ist eingetreten: Der Kurs des Euros ist seit dem Jahresbeginn von 1,04 auf zuletzt 1,17 Dollar gestiegen.

          Die Prognose von Wechselkursen ist ein sehr schwieriges, sich Gewissheiten entziehendes Geschäft. Aber es ist seit Jahrzehnten bekannt, dass die vom Markt erwartete Entwicklung der Differenzen zwischen den kurzfristigen Zinsen eine wichtige Rolle für die Wechselkursbildung spielt, auch wenn sie nicht allein erklärend ist.

          Hieraus lässt sich erkennen, wie die Aufwertung des Euro gegenüber dem Dollar auf Entwicklungen in den Vereinigten Staaten und im Euroraum zugleich zurückzuführen ist. In den Vereinigten Staaten befindet sich der Konjunkturaufschwung in seinem neunten Jahr, aber trotz einer hohen Beschäftigung bleibt die Inflationsrate unter den Erwartungen. Zudem sind am Devisenmarkt die Hoffnungen geschwunden, Präsident Trump werde die im Wahlkampf versprochene, die wirtschaftliche Dynamik stärkende Wirtschafts- und Finanzpolitik umsetzen.

          Sowohl das Weiße Haus als auch die Fed haben verdeutlicht, dass sie an einem zu starken Dollar am Devisenmarkt nicht interessiert sind. Das nimmt Einfluss auf die Erwartungen an die Geldpolitik. Ging der Markt vor einigen Monaten noch von drei Erhöhungen des kurzfristigen Leitzinses im kommenden Jahr aus, gilt nun nur noch eine Zinserhöhung als wahrscheinlich. Dies schwächt den Dollar.

          Auf der anderen Seite des Atlantiks befindet sich die Wirtschaft der Eurozone in einem kräftigeren Konjunkturaufschwung als erwartet. Mittlerweile gehen manche Finanzhäuser von einem Wirtschaftswachstum von mehr als 2 Prozent in diesem Jahr aus, und auch für das kommende Jahr wurden viele Prognosen heraufgesetzt.

          Zwar gilt eine Erhöhung des Leitzinses durch die Europäische Zentralbank in naher Zukunft unverändert als wenig wahrscheinlich, aber dafür sind alle Debatten über einen Fall in eine tiefe Deflation und den Einsatz von Instrumenten wie Helikoptergeld, die vor allem das vergangene Jahr prägten, verschwunden. Das stärkt den Euro.

          Politische Verunsicherung zum Teil verschwunden

          Erwartete Zinsdifferenzen sind nicht alles. Zugunsten der Gemeinschaftswährung spricht auch der deutliche Rückgang der politischen Unsicherheit. In den vergangenen Jahren haben viele internationale Großanleger, darunter auch Notenbanken und Staatsfonds, ihre Bestände an auf Euro lautenden Wertpapieren entweder reduziert oder ganz abgebaut. Ihre Ursache fanden diese Verkäufe nicht nur in den sehr niedrigen Renditen von Euroanleihen, sondern auch in der Sorge vor politischem Ungemach, das den Fortbestand der Währungsunion ernsthaft bedrohen könnte.

          Mit den Wahlen in den Niederlanden und – vor allem – in Frankreich ist ein guter Teil dieser politischen Verunsicherung an den Kapitalmärkten verschwunden. Nicht zufällig fand der größte Teil der jüngsten Euroaufwertung nach der Wahl Emmanuel Macrons zum Staatspräsidenten statt.

          EUR/USD

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          Das dritte Argument für den Euro neben den erwarteten Zinsdifferenzen und der rückläufigen politischen Unsicherheit ist in einem wirtschaftlichen Nachholpotential als Folge der Euro-Krise zu sehen. In der Vergangenheit hatten die Bewertungen von Aktien und die Entwicklung der Unternehmensgewinne in den Vereinigten Staaten und in Europa lange Zeit Parallelitäten aufgewiesen.

          Dieser Zusammenhang existiert seit dem Ausbruch der Euro-Krise nicht mehr; seitdem sind die europäischen Unternehmensgewinne deutlich langsamer gewachsen als die amerikanischen. Immer mehr Anleger aus der englischsprachigen Finanzwelt legen nunmehr Geld in Europa an, weil sie auf eine überdurchschnittliche Zunahme der Unternehmensgewinne bauen.

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          Die jüngste Aufwertung des Euro gegenüber dem Dollar ist somit wohl begründet, und sie hat als Nebeneffekt auch zu einer Aufwertung des Euros gegenüber weiteren Währungen wie dem Schweizer Franken beigetragen. Aber auch am Devisenmarkt wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Die EZB hat schon anklingen lassen, dass sie ebenso wenig wie die Fed in Washington Interesse an einer zu weit reichenden Aufwertung ihrer Währung besitzt.

          Das wird eine weitere Aufwertung des Euros ebenso bremsen wie die Tatsache, dass die positiven Nachrichten aus der Eurozone nunmehr in den aktuellen Kursen enthalten sind. Zudem entspricht der aktuelle Kurs in etwa dem von Ökonomen errechneten theoretisch angemessenen Kurs, auch wenn solche theoretischen Bewertungen mit Vorsicht betrachtet werden sollten. Alles in allem kann das aktuelle Kursniveau durchaus für einige Zeit Bestand haben.

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