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Anleger in Angst : Der Commerzbank-Aktienkurs fällt auf Rekordtief

An der Börse so wenig wert wie noch nie: die Commerzbank Bild: dpa

Analysten rechnen mit einem Verlust im Jahr 2020. Die Aktionäre verpassen dem Vorstand auf der Hauptversammlung einen Denkzettel. Der steht unter Handlungsdruck und kündigt neue Einschnitte für August an.

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          Nie war sie tiefer: Die Commerzbank-Aktie ist am Donnerstag auf ein Rekordtief gefallen. Anleger mussten am Nachmittag nur noch 2,86 Euro für die Aktie zahlen, ein Tagesminus von 4 Prozent. Schon am Vortag war der Kurs um 7 Prozent abgesackt, nachdem die Bank einen höheren Quartalverlust als befürchtet gemeldet hatte.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf der Hauptversammlung bekamen Vorstand und Aufsichtsrat anschließend den Unmut der Aktionäre zu spüren: Nach vier Stunden Reden und Fragen im Internet entlasteten die Aktionäre Vorstand und Aufsichtsrat mit weniger als 90 Prozent der abgegebenen Stimmen.

          Kommentatoren werteten dies als Denkzettel: Im Vorjahr, unmittelbar nach den erfolglos abgebrochen Fusionsgesprächen mit der Deutschen Bank, waren beide Gremien schließlich noch mit 99 Prozent der Stimmen entlastet worden.

          Analysten pessimistischer als der Vorstand

          Am Donnerstag äußerten sich nun einige Aktienanalysten. Mit ihren Studien lieferten sie teilweise Argumente für die Talfahrt der Commerzbank an der Börse und erhöhten den Handlungsdruck auf das Management. Kian Abouhossein von JP Morgan erwartet, dass die Commerzbank in diesem Jahr für ausfallgefährdete Kredite 2,5 Milliarden Euro zurück legen muss. Das ist ein deutliches Misstrauen in die Prognose des Vorstandes, der erst am Mittwoch seine Erwartung für den Risikovorsorgebedarf auf 1 bis 1,4 Milliarden Euro – immerhin grob eine Verdoppelung gegenüber Vorjahr – taxiert hatte.

          Abouhossein erwartet nun von der Commerzbank auch einen Verlust im Gesamtjahr 2020 von mehr als 1 Milliarde Euro. Der Vorstand dagegen hat das Gewinnziel noch nicht ganz aufgegeben.  „Wir halten das Erreichen eines positiven Ergebnisses für deutlich ambitionierter als noch vor ein paar Monaten“, sagte Finanzchefin Bettina Orlopp am Mittwoch in einer Telefonkonferenz mit Journalisten.

          Doch auch andere Analysten trauen der Commerzbank für die nächsten Jahre wenige gute Nachrichten zu. Ingo Frommen von der Landesbank Baden-Württemberg rechnet für 2020 ebenfalls mit einem Verlust. Neben den hohen Kreditausfällen durch die Corona-Krise nennt er die angekündigten Restrukturierungskosten von 750 Millionen Euro. Diese fallen in diesem oder im nächsten Jahr an. Die Sanierungskosten sind eine Folge des Strategieschwenks aus dem September 2019.

          Damit kündigte der Commerzbank-Vorstand an: 200 von 1000 Filialen werden geschlossen, der Online-Wertpapierbroker Comdirect wird aufgekauft, von der Börse genommen und in den Konzern eingegliedert. Die Beteiligung an der polnischen M-Bank muss verkauft werden. Und  2300 von 40.400 Arbeitsplätzen werden gestrichen. Orlopp sagte dazu am Mittwoch zum letzten Punkt, im September sollten die Gespräche mit dem Betriebsrat beginnen. Vermutlich geht es um Abfindungen und weitere Vorruhestandsregelungen, mit denen der Arbeitsplatzabbau möglichst sozialverträglich vollzogen werden soll.

          Strategie braucht ein Update

          Allerdings ist inzwischen klar: Die Pläne von September gehen nicht auf. Denn die fast vollzogene Übernahme der Comdirect wird teurer als erwartet, die polnische M-Bank kann mangels Kaufinteressenten nicht verkauft werden und die Commerzbank 5.0  genannte Strategie mit einem Zusammenspiel aus mobilem Online-Banking und Filialen braucht abermals ein Update.

          Denn Bankenaufsicht, Großaktionär Bund und viele Analysten, darunter auch Abouhossein, hatten sich enttäuscht gezeigt vom wenig ehrgeizigen Ziel einer Eigenkapitalrendite von mindestens 4 Prozent im Jahr 2023 und stärkere Einschnitte gefordert. Zielke bestätigte das auf der Hauptversammlung nicht, sagte aber: "Wir sind mit der Aufsicht und anderen Stakeholdern ständig im Dialog über unsere Strategie."

          Inzwischen ist dem Vorstand klar, dass er reagieren muss. „Die Pandemie zwingt uns viel schneller und radikaler in eine digitale Welt, als wir uns das noch vor kurzem vorstellen konnten", sagte der Vorsitzende Martin Zielke am Mittwoch auf der Hauptversammlung. „Diese Krise ist eine tiefe Zäsur." Für die Commerzbank bedeute dies: „Wir sind gefordert, unsere digitalen Produkte und Angebote auszubauen", sagte Zielke. Die Kunden nutzten gerade die Commerzbank-Apps über ihr Smartphone und das Kontaktlos-Bezahlen mit Karte so stark wie noch nie.

          Viele Filialen derzeit geschlossen

          Finanzchefin Orlopp berichtete, derzeit seien 200 Commerzbank-Filialen geschlossen und 200 Filialen komplett geöffnet. 600 Filialen seien selektiv geöffnet und nähmen Kundenanfragen per Telefon entgegen. Sie könne sich vorstellen, dass Kunden auf den Geschmack kämen und auch nach der Corona-Krise die Commerzbank weiter viel über ihr Smartphone kontaktierten, sagte Orlopp in einer Telefonkonferenz mit Journalisten.

          Die Aussagen des Vorstands geben den Indizien weitere Nahrung, dass die Commerzbank stärker als bisher geplant ihr Filialnetz und ihr Personal ausdünnen wird. Orlopp kündigte an, bis August weitere Einsparpläne vorzulegen. Vermutlich wird es auf weniger Filialen und mehr Zugänge zur Bank über das Smartphone hinauslaufen. „Die Stoßrichtung im Hinblick auf die Stärkung des mobilen Vertriebs begrüßen wir, und wahrscheinlich bleibt allen  deutschen Banken derzeit wenig Wachstumsperspektive und somit nur das Kostensenkungsthema“, sagt LBBW-Analyst Frommen.

          Die Commerzbank dagegen betont, dass sie dank einer regen Kreditnachfrage in der Corona-Krise ihre Bilanzvolumen um 11 Prozent auf 517 Milliarden Euro ausgeweitet hat. Und der  Vorstand versucht, keinen Gegensatz zwischen Online-Banking und Filialbetrieb aufzubauen. „Wir werden weiter viele Filialen haben", antwortete Zielke auf der Hauptversammlung fragenden Aktionären, vermied aber, eine Filialzahl zu nennen.

          Der Wertpapierbroker Comdirect, der in den Konzern eingegliedert wird, stärke die digitale Kompetenz. „Unsere Kunden werden in der Commerzbank mehr Comdirect erleben“, versprach Zielke.

          Commerzbank weniger wert als Comdirect

          Auf den Aktienmarkt geschaut, erscheint das auch bitter nötig. Dort ist die Comdirect, die der Commerzbank zu mehr als 90 Prozent gehört, 1,9 Milliarden Euro wert. Die Commerzbank kommt – einschließlich Comdirect und ihres Anteils von 70 Prozent an der polnischen M-Bank – noch auf einen Börsenwert von 3,6 Milliarden Euro.

          Der eigentlich geplante Verkauf der M-Bank-Beteiligung musste Anfang dieser Woche abgeblasen werden. Berücksichtigt man ihn und den der Comdirect im Börsenwert der Commerzbank, ist die Commerzbank AG nicht einmal mehr 1 Milliarde Euro wert.

          Betrachtet man die eine oder andere Analystenstimme, so könnte allerdings das Tief der Commerzbank-Aktie bald erreicht sein, finden Analysten doch in der jüngsten Quartalsbilanz abseits der hohen Risikovorsorge auch Lichtblicke: Anke Reingen von der Royal Bank of Canada etwa lobte das ordentliche Wachstum der Nettozinserträge und der Gebühren. Für die Commerzbank-Aktie steckt Reigen ein Kursziel von 4 Euro, Frommen von der LBBW 3,50 Euro, Abouhossein von JP Morgan traut der Aktie sogar 4,30 Euro zu und am optimistischsten äußerte sich in dieser Woche Jochen Schmitt vom Bankhaus Metzler, der ein Kursziel von 5 Euro ausgibt.

          Dagegen blieben die Analysten der DZ Bank, die die Commerzbank im März als Restrukturierungskartenhaus bezeichnet hatten, bei ihrem niedrigen Kursziel von 2,70 Euro. „Das erste Quartal bestätigte unsere Erwartungen, das die Commerzbank als Bank in Restrukturierung überdurchschnittlich von den Auswirkungen der Corona-Pandemie betroffen sein wird. „Wir bestätigen unsere Verkaufsempfehlung“, schreibt DZ-Analyst Markus Mischker in seiner jüngsten, nach der Bekanntgabe der Quartalszahlen am Mittwoch veröffentlichten Studie.

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