https://www.faz.net/-gv6-9zfn9

Anleger in Angst : Der Commerzbank-Aktienkurs fällt auf Rekordtief

An der Börse so wenig wert wie noch nie: die Commerzbank Bild: dpa

Analysten rechnen mit einem Verlust im Jahr 2020. Die Aktionäre verpassen dem Vorstand auf der Hauptversammlung einen Denkzettel. Der steht unter Handlungsdruck und kündigt neue Einschnitte für August an.

          4 Min.

          Nie war sie tiefer: Die Commerzbank-Aktie ist am Donnerstag auf ein Rekordtief gefallen. Anleger mussten am Nachmittag nur noch 2,86 Euro für die Aktie zahlen, ein Tagesminus von 4 Prozent. Schon am Vortag war der Kurs um 7 Prozent abgesackt, nachdem die Bank einen höheren Quartalverlust als befürchtet gemeldet hatte.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auf der Hauptversammlung bekamen Vorstand und Aufsichtsrat anschließend den Unmut der Aktionäre zu spüren: Nach vier Stunden Reden und Fragen im Internet entlasteten die Aktionäre Vorstand und Aufsichtsrat mit weniger als 90 Prozent der abgegebenen Stimmen.

          Kommentatoren werteten dies als Denkzettel: Im Vorjahr, unmittelbar nach den erfolglos abgebrochen Fusionsgesprächen mit der Deutschen Bank, waren beide Gremien schließlich noch mit 99 Prozent der Stimmen entlastet worden.

          Analysten pessimistischer als der Vorstand

          Am Donnerstag äußerten sich nun einige Aktienanalysten. Mit ihren Studien lieferten sie teilweise Argumente für die Talfahrt der Commerzbank an der Börse und erhöhten den Handlungsdruck auf das Management. Kian Abouhossein von JP Morgan erwartet, dass die Commerzbank in diesem Jahr für ausfallgefährdete Kredite 2,5 Milliarden Euro zurück legen muss. Das ist ein deutliches Misstrauen in die Prognose des Vorstandes, der erst am Mittwoch seine Erwartung für den Risikovorsorgebedarf auf 1 bis 1,4 Milliarden Euro – immerhin grob eine Verdoppelung gegenüber Vorjahr – taxiert hatte.

          Abouhossein erwartet nun von der Commerzbank auch einen Verlust im Gesamtjahr 2020 von mehr als 1 Milliarde Euro. Der Vorstand dagegen hat das Gewinnziel noch nicht ganz aufgegeben.  „Wir halten das Erreichen eines positiven Ergebnisses für deutlich ambitionierter als noch vor ein paar Monaten“, sagte Finanzchefin Bettina Orlopp am Mittwoch in einer Telefonkonferenz mit Journalisten.

          Doch auch andere Analysten trauen der Commerzbank für die nächsten Jahre wenige gute Nachrichten zu. Ingo Frommen von der Landesbank Baden-Württemberg rechnet für 2020 ebenfalls mit einem Verlust. Neben den hohen Kreditausfällen durch die Corona-Krise nennt er die angekündigten Restrukturierungskosten von 750 Millionen Euro. Diese fallen in diesem oder im nächsten Jahr an. Die Sanierungskosten sind eine Folge des Strategieschwenks aus dem September 2019.

          Damit kündigte der Commerzbank-Vorstand an: 200 von 1000 Filialen werden geschlossen, der Online-Wertpapierbroker Comdirect wird aufgekauft, von der Börse genommen und in den Konzern eingegliedert. Die Beteiligung an der polnischen M-Bank muss verkauft werden. Und  2300 von 40.400 Arbeitsplätzen werden gestrichen. Orlopp sagte dazu am Mittwoch zum letzten Punkt, im September sollten die Gespräche mit dem Betriebsrat beginnen. Vermutlich geht es um Abfindungen und weitere Vorruhestandsregelungen, mit denen der Arbeitsplatzabbau möglichst sozialverträglich vollzogen werden soll.

          Strategie braucht ein Update

          Allerdings ist inzwischen klar: Die Pläne von September gehen nicht auf. Denn die fast vollzogene Übernahme der Comdirect wird teurer als erwartet, die polnische M-Bank kann mangels Kaufinteressenten nicht verkauft werden und die Commerzbank 5.0  genannte Strategie mit einem Zusammenspiel aus mobilem Online-Banking und Filialen braucht abermals ein Update.

          Denn Bankenaufsicht, Großaktionär Bund und viele Analysten, darunter auch Abouhossein, hatten sich enttäuscht gezeigt vom wenig ehrgeizigen Ziel einer Eigenkapitalrendite von mindestens 4 Prozent im Jahr 2023 und stärkere Einschnitte gefordert. Zielke bestätigte das auf der Hauptversammlung nicht, sagte aber: "Wir sind mit der Aufsicht und anderen Stakeholdern ständig im Dialog über unsere Strategie."

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Islamistischer Mord an Lehrer : Die Angst regiert

          „Die Lehrer sind Zielscheiben“: Nach dem Mord an Samuel Paty kann Frankreich die islamistische Bedrohung von Schulen nicht länger leugnen. Wird das Land auch diesmal versuchen, seine Konflikte in Erinnerungspolitik aufzulösen?
          Pendler sitzen mit Mund-Nase-Masken am 15. Oktober in einem Bus in Paris

          Paris, Madrid, Rom und London : Wie Corona Regionen und Hauptstädte entzweit

          Nicht nur in Deutschland wird darüber gestritten, wie viel Einheitlichkeit in der Corona-Pandemie landesweit nötig ist. Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien gehen dabei ganz unterschiedliche Wege.

          Nach Söders Drängen : Berchtesgadener Land geht in den Lockdown

          Im Berchtesgadener Land ist die Pandemie außer Kontrolle geraten. Die Einwohner dürfen ihre Wohnungen in Kürze nur noch in Ausnahmefällen verlassen. Es sind die schärfsten Beschränkungen des öffentlichen Lebens seit Monaten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.