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Erfolgreiches Geldhaus : Comdirect droht Opfer der eigenen Stärke zu werden

  • -Aktualisiert am

Die Comdirect trumpft auf. Bild: dpa

Der Commerzbank-Vorstand sollte die Fehler der Dresdner-Übernahme diesmal nicht wiederholen.

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          Kurz bevor die Commerzbank mit einem Übernahmeangebot  vermutlich schon in den nächsten Tagen den Anfang vom Ende der Comdirect als börsennotierter und damit halbwegs unabhängiger Direktbank einläutet, hat die Comdirect noch einmal aufgetrumpft: Nach neun Monaten in diesem Jahr kletterte der Gewinn auf ein Rekordniveau in dem fast 25 Jahre alten Geldhaus.

          Damit ist die Comdirect maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Muttergesellschaft Commerzbank am Montagabend ungeplant „ad hoc“ Konzerngeschäftszahlen veröffentlichen musste – weil diese weit über den Analystenerwartungen lagen. Das hat die leidgeprüfte Commerzbank, deren Vorstand für seine jüngst beschlossene strategische Neuausrichtung viel Kritik einsteckten musste, gewiss gern getan.

          Zur Wahrheit gehört auch: Der Gewinn der Comdirect hat auch durch einen einmaligen Sondereffekt – den Verkauf der Tochtergesellschaft Ebase – einen Schub erhalten. Aber auch einen solchen Verkauf muss man sich erst verdienen.

          Und in der Tendenz gilt ohnehin: Obwohl die Comdirect 1300 Mitarbeiter beschäftigt und damit nicht einmal 3 Prozent des Commerzbank-Konzerns, liefert sie in diesem Jahr bisher mehr als ein Drittel zum Konzerngewinn.

          Für immer mehr Deutsche wird es selbstverständlich, ihre Bank über das Smartphone zu kontaktieren und sogar Wertpapiere zu kaufen. Hier liegen die  Kernkompetenzen von Comdirect: eine einfache App und ein gut funktionierendes Call-Center, mit denen sich viele  Fragen der Kunden zügig telefonisch und mobil online klären lassen. Diesem schlanken Geschäftsmodell eifert nun die noch mit vielen Bankfilialen und mitarbeiterintensiven Prozessen beladene Commerzbank nach.

          Vor allem wegen des zukunftsträchtigeren Geschäftsmodells will sie die Comdirect ganz übernehmen. Aber Vorsicht: Die Größenverhältnisse zwischen Mutter und Tochter sind so, dass die Comdirect ganz unterzugehen droht.

          Es fällt schwer, dem Commerzbank-Vorstand zuzutrauen, dass er die Stärken des Kleinen künftig weiter hegt und pflegt. Zu frisch ist noch in Erinnerung, wie mit der Dresdner Bank umgegangen wurde: Obwohl die Größenverhältnisse 2009 nicht so eindeutig waren wie jetzt zwischen Comdirect und Commerzbank, schaltete die Commerzbank nach dem Kauf der Dresdner Bank alsbald das in den Augen vieler Kunden bessere Online-Banking der Dresdner Bank einfach ab. Diese Missachtung der Kundenerwartungen  sollte sich der Commerzbank-Vorstand  im Zuge der Übernahme der Comdirect diesmal besser nicht leisten.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

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