Crash ist nicht vom Tisch : Die Börse ist anfällig für Schocks in alle Richtungen
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Die Börse erfordert derzeit starke Nerven. Bild: Lucas Bäuml
Ein wenig Plus, aber viel Minus. Die Börsen haben schon viel eingepreist. Der Crash kann dennoch kommen. Dann ist selbst ein Rückfall des Dax auf 10.000 Punkte denkbar.
Die europäischen Börsen setzen immer mal wieder zu Erholungsansätzen an. Das war am vergangenen Freitag so, am Montag und am Dienstag auch. Am Mittwoch ging es auf und nieder. Für Christoph Witzke, Fondsmanager bei der Deka, ist das erklärbar. „Das Rationale dabei ist, dass die Investoren eine einsetzende Rezession voraussetzen und entsprechend weitgehend eingepreist haben.“ Also bedarf es lediglich „keiner schlechten Nachrichten“, damit die Kurse wieder steigen. An der negativen Grundstimmung ändert das aber nichts. Knapp 20 Prozent haben Dax und das europäische Börsenbarometer Stoxx Europe 50 seit Jahresbeginn nachgegeben.
Und die Stimmung der Investoren ist schlecht, messbar schlecht, weiß Christian-Hendrik Knappe vom Handelsplatz Spectrum Markets. Der Spectrum European Retail Investor Index (SERIX) nutzt die paneuropäischen Daten des Handelsplatzes, um die Stimmung der Anleger gegenüber der aktuellen Entwicklung an den Finanzmärkten zu beleuchten. Dabei werden auf monatlicher Basis die von Privatanlegern getätigten Geschäfte analysiert und der Anteil der Orders mit fallender Tendenz vom Anteil der Geschäfte mit steigender Tendenz abgezogen. Als Orders mit steigender Tendenz gelten Käufe von Long-Instrumenten und Verkäufe von Short-Instrumenten. Der fallenden Tendenz werden Verkäufe von Long-Instrumenten und Käufe von Short-Instrumenten zugerechnet. „Sowohl Dax wie auch Euro Stoxx 50 sind unter die Kippmarke von 100 getaucht“, sagt Knappe.
Er erkennt aber auch an, dass sich der Dax mit seinem plus/minus 13.000-Zähler-Niveau aber noch ganz wacker schlägt. „Die Investoren sind krisenerprobt, ob die Finanzkrise oder die Corona-Pandemie“, meint Knappe, der acht Jahre als Börsenhändler tätig war. Dazu kommt, dass es immer noch einen Anlagenotstand gibt. Also was machen mit dem Geld? Die gefallenen Kurse als Einstiegsmöglichkeit nutzen? Knappe ist skeptisch: „Einen Teil sollte man jetzt investieren, einen Teil aber auch in bar halten.“ Denn Knappe ist überzeugt: „Wir sehen noch viele Fragezeichen, aber ich glaube nicht, dass wir das Gröbste schon hinter uns haben.“ Witzke von der Deka teilt seine Meinung. „Wir haben zwar eine kontinuierliche Abwärtsbewegung gesehen, aber eben keinen Crash – und der kann durchaus noch kommen.“
Noch ist es die Unsicherheit über die Gasversorgung, die insbesondere deutschen Anlegern die Laune verdirbt. Sollte sich aber herausstellen, dass Russland Deutschland tatsächlich den Gashahn zudreht, werde das Konsequenzen haben. Auch Frank Klumpp, Aktienstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), denkt, dass der Markt die Möglichkeit eines Gasstopps noch nicht vollständig eingepreist hat. „Das wird eher als 50:50-Chance gesehen.“ Sollte es aber zu einem Lieferstopp von russischem Gas kommen, sieht Klumpp das mittelfristige Rückschlagspotential für den Dax bei mehr als 20 Prozent. „Es sollte nicht überraschen, wenn der Dax wie in früheren Krisenphasen auf seinen Buchwert zurückfällt. Dieser liegt derzeit bei rund 10.000 Punkten.“
„Die Quartalszahlen dürften wahrscheinlich ziemlich gut ausfallen“
Auf der anderen Seite: Wird klar, dass die Gasversorgung gesichert ist, hält der Aktienstratege der LBBW aber durchaus auch eine Rally für möglich. Gleichzeitig warnt er: „Die übrigen belastenden Rahmenbedingungen sind damit ja auch noch nicht vom Tisch.“ Für Knappe bleiben die Märkte „schockanfällig – und zwar in alle Richtungen“. Auch Witzke und Knappe sehen den Dax am Jahresende eher bei 11.000 denn beim gegenwärtigen Niveau von 13 000 Zählern. „Wo wir am Ende herauskommen, wird sich zeigen, vielleicht gibt es ja auch eine Weihnachtsrally“, so Witzke.
Wie auch immer: Der Einfluss der jetzt beginnenden Berichtssaison in Europa durfte wohl beschränkt bleiben, glaubt Knappe. „Die Quartalszahlen, die hereinkommen, dürften wahrscheinlich ziemlich gut ausfallen“, meint Klumpp, er rechnet allerdings mit verhaltenen Ausblicken. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank, sieht die Analystenerwartungen bei einem Gewinn- und Umsatzsprung von knapp 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr, getrieben vom Öl- und Gassektor. Mit Ausnahme von Rückgängen in den Sektoren Immobilien, Finanzen sowie einer Stagnation im Technologie-Bereich könnten die anderen Sektoren dynamisch wachsende Profite mit einem Plus von 15 bis 23 Prozent verzeichnen, so Stephan in einer Veröffentlichung am Dienstag. Knappe rät zudem, nicht nur auf die Zahlen zu schauen: „Auch wenn die Bilanzkennzahlen eigentlich schlecht sind, die Analystenerwartungen aber übertroffen werden, sind das gute Nachrichten für die Märkte.“