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Vereinigte Staaten : Wie Amerikas sinkende Produktivität den Wohlstand gefährdet

Gefährdet die schwache Arbeitsproduktivität unseren Wohlstand? Bild: dpa

Die Arbeitsproduktivität steigt nur noch langsam, in Amerika fällt sie sogar. Ökonomen rätseln noch über die Gründe, während die Schwäche den Wohlstand des Westens bedroht.

          Auf längere Sicht gibt es nur einen Weg zum Wohlstand: wachsende Produktivität. Umso beunruhigender sind die aktuellen Zahlen aus den wichtigsten Volkswirtschaften der Welt. In den Vereinigten Staaten fällt die Arbeitsproduktivität.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Im zweiten Quartal sank sie um 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie die Statistiker nun meldeten. Es war schon der dritte Rückgang in Folge. Amerikanische Ökonomen und auch die Notenbank beobachten den Sinkflug der Arbeitsproduktivität alarmiert. Einen so langen Rückgang wie jetzt gab es zuletzt 1979, damals inmitten einer Rezession.

          Auch in Deutschland und anderen Industrieländern hat sich das Wachstum der Produktivität seit einigen Jahren markant abgeschwächt – und dass, obwohl gleichzeitig über große Innovationen gesprochen wird. Gar von einer digitalen Revolution der Wirtschaft durch immer leistungsfähigere Computer und intelligente Roboter ist die Rede.

          Mögliche Bedrohung für den Wohlstand der westlichen Welt

          Ökonomen, Statistiker, Politiker und Notenbanker rätseln, wie die angebliche Innovationswelle und die Flaute der Produktivitätsstatistik zusammenpassen. Wenn die Produktivitätsentwicklung dauerhaft schwach bliebe, wäre das eine Bedrohung für den Wohlstand der westlichen Welt, zumal diese hoch verschuldet ist und dringend Wachstum benötigt.

          Die ökonomische Kennziffer Arbeitsproduktivität besagt, wie viel Wirtschaftsleistung ein Erwerbstätiger in einer Stunde schaffen kann. Höhere Effizienz, bessere Technologie und mehr Kapital, also Maschinen- und Computer-Einsatz, steigern die Arbeitsproduktivität.

          Die Amerikaner waren in dieser Hinsicht über viele Jahrzehnte höchst erfolgreich. Ihre Volkswirtschaft produziert heute 330 Prozent mehr Güter und Dienstleistungen als kurz nach dem Weltkrieg, rechnet das Bureau of Labor Statisics vor.

          Für das, was der Großvater in eine Stunde an Output schuf, braucht ein Arbeiter heute weniger als 15 Minuten. Um jährlich 2,5 Prozent wuchs die Produktivität zwischen 1949 und 2005. Doch seitdem hat sich das Tempo halbiert: Kümmerliche ein Prozent verzeichnen die Statistiker seit 2007.

          Eine Abschwächung gibt es auch in Deutschland

          Eine Abschwächung gibt es auch in Deutschland. Hier wuchs die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität im Zeitraum 1995 bis 2005 noch um 1,8 Prozent jährlich, seitdem hat sich das Wachstum auf 0,8 Prozent mehr als halbiert, notiert der Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen. Besonders schlecht steht in Europa Italien da, dort stagniert die Produktivität seit Jahren. In den anderen Euroländern ist das Produktivitätswachstum zwar positiv, aber stark gefallen.

          Die Bremsung begann schon deutlich vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise. Ein Grund für die Bremsung in Deutschland war, dass seit 2005 etwa 3 Millionen Arbeitslose wieder in die Wirtschaft integriert wurden, erklärt Christoph Schmidt, der Vorsitzende des Sachverständigenrats.

          Die Arbeitsproduktivität der ehemaligen Hartz-IV-Bezieher, darunter viele Geringqualifizierte, ist niedrig; das drückt den Durchschnittswert. Auch in den Vereinigten Staaten hat die Wiedereingliederung von Millionen Arbeitslosen nach der Rezession vorübergehend das Produktivitätswachstum gedämpft.

          Tiefer gehende Probleme umstritten

          Aber gibt es tiefere, strukturelle Gründe für die Flaute? Darüber streiten die Experten. Verschiedene Denkschulen bieten konkurrierende Erklärungen. Einige sagen, dass es sich schlicht um Messprobleme handele; andere jedoch glauben, dass den Industrienationen eine düstere Zukunft drohe.

          Die Pessimisten in Amerika scharen sich um Robert Gordon. Der 76 Jahre alte renommierte Professor und Experte für Produktivitätsstudien von der Northwestern University glaubt, dass wir uns auf eine lange Phase niedriger Produktivität einstellen müssen.

          Das Wirtschaftswunder des 20. Jahrhunderts sei eine historisch einmalige Aufschwungphase gewesen, ermöglicht von Innovationen seit dem späten 19. Jahrhundert wie Elektrizität und Verbrennungsmotor, der Autos und Flugzeuge antreibt, und das Telefon.

          Können Statistiken den Wachstum korrekt adäquat messen?

          Dagegen verblasse das Internet, meint Gordon. Google, Facebook, Amazon oder Uber hätten keinen so großen Einfluss auf die Effizienz, mit der wir Dinge erledigen. Vor allem aber sieht Gordon einige schwere Gegenwind-Faktoren, namentlich die Alterung der Gesellschaft, die große Ungleichheit und Mängel im Bildungssystem für breite Teile der amerikanischen Bevölkerung. Daher seien die Vereinigten Staaten zu einer langen Phase schwachen Wachstums verdammt.

          Diese Darstellung irritiert – denn sie steht im Kontrast zu dem Eindruck, dass der technische Fortschritt durch die Digitalisierung vieler Lebens- und Wirtschaftsbereiche derzeit geradezu explosionsartig voranschreitet. Zumindest im Silicon Valley in Kalifornien glaubt man fest daran.

          Der 68 Jahre alte frühere Berkeley-Professor und heutige Google-Chefvolkswirt Hal Varian spricht deshalb von einem Innovationsparadox. Varian und andere Ökonomen wie Erik Brynjolfsson argumentieren, dass die offizielle Statistik das Wachstum und den Produktivitätsfortschritt schlicht nicht richtig zu messen verstehe.

          Ein Beispiel

          Ein Beispiel: Googles Suchmaschine ist sehr nützlich, aber es wird kein Preis für die Suchabfragen verlangt. Daher taucht diese Leistung nicht in der Bruttoinlandsprodukt-Berechnung auf – und entsprechend fallen auch die Produktivitätsstatistiken zu niedrig aus.

          Ein zweites Messproblem rührt daher, dass sich der Charakter des technischen Fortschritts gewandelt hat: Es gibt vermehrt Produktinnovationen, die sich mangels Vergleichs schlecht messen lassen, argumentiert der Ökonom und Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr. Heutige Computer, Software, Autos oder Smartphones leisten so viel mehr als früher, dass sie kaum mit den alten Produkten vergleichbar sind.

          Im Silicon Valley sind sie überzeugt, dass solche Messfehler die Statistiken so schwach erscheinen lassen. Charles Bean, Professor an der London School of Economics und früherer Chefvolkswirt der Bank von England, hat in einem Gutachten für das Londoner Finanzministerium geschrieben, dass das jüngere britische Wirtschaftswachstum tatsächlich um 0,3 bis 0,6 Prozentpunkte höher sei als in der Statistik ausgewiesen. Das wäre ein großer BIP-Messfehler.

          Geduld- oder Produktivitätsproblem?

          Es gibt noch andere Ansätze zur Erklärung der ernüchternden Produktivitätszahlen. Es könnte sein, dass die Innovationskraft zwar intakt ist, dass es aber länger dauere, bis sich die Digitalisierung in der Breite durchsetze. Der Wachstumsforscher Robert Solow hatte in den achtziger Jahren den berühmten Satz geprägt, überall könne man die Computer-Revolution sehen, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken.

          Doch mit einiger Verzögerung zeigte sich der technische Fortschritt durch die IT-Revolution in den späten neunziger Jahren in einem Wachstumsschub. Das könnte auch jetzt wieder der Fall sein. Wir hätten, wie es Ökonom Martin Feldstein ausdrückt, kein Produktivitäts-, sondern ein Geduldsproblem.

          Angesichts der Schuldenprobleme kann sich die westliche Welt bloßes Abwarten aber wohl nicht leisten. Die Politik müsse mehr tun, um das Wachstum zu stärken, fordert die amerikanische Notenbank. Mehr öffentliche Investitionen und eine Deregulierung der Wirtschaft könnten einen Wachstumsschub auslösen, sagt Stanley Fischer, der Fed-Vizevorsitzende.

          Der deutsche Wirtschaftsweise Christoph Schmidt fordert bessere Rahmenbedingungen, damit Unternehmen investieren und Innovationen anstoßen. Zudem mahnen alle ein besseres Bildungswesen an. Denn schlecht ausgebildete Menschen werden in der neuen digitalisierten Wirtschaft kaum mitkommen.

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