https://www.faz.net/-gv6-6viww

Devisenmarkt : Markt rechnet beim Schweizer Franken mit weiteren Eingriffen

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Nach den vorangegangenen Turbulenzen hat sich der Franken zuletzt wenig bewegt gezeigt. Doch das könnte sich schnell ändern, wenn die Schweiz wie jetzt spekuliert wird zur Franken-Schwächung tatsächlich negative Zinsen einführen sollte.

          3 Min.

          Der Schweizer Franken hat in diesem Jahr bekanntlich schon für reichlich Gesprächsstoff gesorgt. Erst erwies er sich als Gipfelstürmer, als er bis zum 10. Oktober zum Euro bis auf 1,0424 Franken nach oben stürmte, bevor er dann ausgelöst durch Eingriffe der Notenbank wieder spürbar eingefangen wurde.

          Erst in den vergangenen Wochen ist etwas Ruhe eingekehrt und die Schweizer Landeswährung bewegt sich in einem relativ engen Kursband von um die 1,23 Franken. Damit bewegt sich die Notiz über der von der Schweizer Nationalbank Anfang September festgelegten Wechselkursuntergrenze von 1,20 Franken für einen Euro. Und die Verantwortlichen werden nicht müde, ihren Willen zur Verteidigung dieser Marke zu bekunden. Vielmehr betonen sie sogar immer wieder, dass sie die Grenze gerne noch weiter nach oben ziehen würde, wenn sie zu dem Schluss kommen, dass es das Marktumfeld zulässt.

          Bilderstrecke

          Wilde Spekulationen um mögliche weitere Interventionsschritte

          Am Devisenmarkt nehmen die Akteure diese Einschätzungen äußerst ernst. Sogar so ernst, dass zuletzt immer wieder Spekulationen darüber aufkeimen, welche Stützungsmaßnahmen demnächst ergriffen werden könnten. Neuerdings tippen die Marktteilnehmer dabei darauf, dass es zu einer Einführung von Negativzinsen in der Schweiz kommen könnte. Diese Vermutung basiert auf der Tatsache, dass ein Schweizer Parlamentsabgeordnete im September den Antrag gestellt hatte, dass die Regierung die Befugnis zum Erlass von Negativzinsen erhält.

          „Der Negativzins ist Teil von möglichen weiteren flankierenden Maßnahmen zum Schutz des Schweizer Frankens, welche nicht in der alleinigen Kompetenz der Nationalbank stehen“, erklärte der Bundesrat in einer schriftlichen Antwort zu diesem Thema. Solche Maßnahmen dürften jedoch nicht isoliert betrachtet werden. „Der Bundesrat ist bereit, im Rahmen einer Gesamtbetrachtung die Umsetzbarkeit von weiteren flankierenden Maßnahmen zu prüfen“, hieß es weiter.

          Negativzinsen werden umgesetzt, indem die Schweiz Steuern auf von Ausländern in der Schweiz gehaltenen Vermögenswerte erhebt. Zu den Vorschlägen gehören Steuern auf Offshore-Konten oder Schweizer Anleihen, die Ausländer besitzen. Negativzinsen wurden bereits in den 70er Jahren ausprobiert, als der Franken infolge der Ölkrise rapide anzog. Doch gelang es auch damit nicht, die Aufwertung zu bremsen.

          SNB-Präsident Philipp Hildebrand hatte Negativzinsen auf Guthaben von Ausländern in der Schweiz im September allerdings als ungeeignetes Mittel bezeichnet. Aber selbst wenn nicht zu diesem Mittel gegriffen werden sollte, sind andere Devisenmarkttransaktionen vor dem Hintergrund des bremsenden Effektes, den der feste Franken auf die lokale Wirtschaft hat, noch immer als sehr wahrscheinlich einzustufen.

          Starker Franken bremst Wachstum der Schweizer Wirtschaft

          Im dritten Quartal hat der feste Franken den schweizerischen Export und damit auch das Wirtschaftswachstum jedenfalls spürbar gedämpft. Das Bruttoinlandsprodukt stieg da im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur noch um 1,3 Prozent, nachdem es im zweiten Quartal noch um 2,2 Prozent gewachsen war. Das Wachstum hat sich somit auf das niedrigste Niveau seit mehr als zwei Jahren abgeschwächt.

          Und die Bank Julius Bär prognostiziert für die ersten beiden Quartale des kommenden Jahres eine schrumpfende Wirtschaft und für das ganze Jahr 2012 ein Wachstum von lediglich 0,1 Prozent. Das deckt sich auch mit der Entwicklung der Vorlaufindikatoren wie dem Konjunkturbarometer der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF). Dieses ist im November so schwach ausgefallen wie seit dem Höhepunkt der Finanzkrise nicht mehr und signalisiert somit rückläufige Wirtschaftsaktivitäten in den kommenden Monaten.

          Vor diesem Hintergrund wird die Schweizerische Nationalbank wie bereits erwähnt nach Einschätzung von Experten eine Erhöhung des Euro-Mindestkurses von zurzeit 1,20 Franken anvisieren. Nach Ansicht des Wirtschaftsberaters und früheren UBS-Chefvolkswirts Klaus Wellershoff wird die Notenbank einen solchen Schritt noch dieses Jahr unternehmen und einen Mindestkurs von 1,25 oder 1,30 Franken pro Euro festlegen.

          Dagegen geht der Group Chief Investment Officer der Credit Suisse, Stefan Keitel, davon aus, dass die Schweizer Währungshüter erst einmal die weitere Entwicklung der Euro-Schuldenkrise abwarten. Falls sich die Krise noch einmal verschärfen sollte, werde die SNB alle Hände voll zu tun haben, den bisherigen Euro-Mindestkurs zu verteidigen.

          Schwierige Ausgangslage spricht aktuell gegen Franken-Wetten

          Wie es mit dem Franken letztlich weitergehen wird, erscheint derzeit vor dem geschilderten Szenario höchst unsicher. In einer gewissen Pattsituation sehen die Schweizer Landeswährung auch die Analysten von Clariden Leu. „Während der politische Druck auf die Notenbank, den Franken abzuwerten, weiter steigen könnte, erscheint das globale Risikoumfeld nach wie vor positiv für den Franken, da sich die Finanzmärkte infolge der Staatsschuldenkrise in der Eurozone auch künftig volatil präsentieren dürften. Da Amerika ebenfalls Schuldenprobleme hat und die globalen Zentralbanken weitere geldpolitische Lockerungen durchführen dürften, wird die Franken-Stärke 2012 voraussichtlich anhalten“, schreiben sie in einer aktuellen Einschätzung.

          Unter dem Strick gibt es somit derzeit sowohl gute Gründe für einen steigenden als auch einen fallenden Franken. Und wegen dieser schwierigen Ausgangslage dürften Privatanleger am besten beraten sein, derzeit die Finger von Wetten auf die Schweizer Landeswährung zu lassen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Emmanuel Macron und Angela Merkel Ende Oktober bei der Amtseinführung von Christine Lagarde als Präsidentin der Europäischen Zentralbank

          Europäische Souveränität : Macrons Schockstrategie

          Kanzlerin Merkel hat Macrons „Rundumschlag“ kritisiert. Doch der Führungsanspruch des Franzosen wirkt nur deshalb so übermächtig, weil der deutsche Ausgleich fehlt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.