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Zinssenkung in England : Euro korrigiert weiter gegen das Pfund

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Bild: FAZ.NET

Das britische Pfund erholt sich weiter, obwohl die Zentralbank den Leitzins auf den tiefsten Stand seit 1694 senkte. Aufgrund schwacher Konjunkturdaten nehmen die Zinssenkungserwartungen in Europa zu. Ob sie den Euro schwächen?

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          Das Pfund holt weiter gegen den Euro auf. Hatte sich die britische Währungen im dünnen Handel zwischen den Feiertagen an Weihnachten und über den Jahreswechsel der Kursparität zum Euro genähert, so kam es in den vergangenen Tagen zu einer deutlichen Gegenbewegung.

          Diese setzte sich am Donnerstag fort, obwohl die britische Zentralbank den Leitzins wie erwartet um 50 Basis- beziehungsweise um 0,5 Prozentpunkte auf 1,5 Prozent gesenkt hat. Das ist der tiefste Leitzins seit der Gründung der Bank of England im Jahr 1694. Das Pfund legt im Tagesverlauf knapp ein Prozent zu auf 1,1210 Euro, nachdem es am 30. Dezember des vergangenen Jahres einen Rekordkurs von 1,0201 Pfund je Euro oder 98 Pence je Euro erreicht hatte.

          Technisch orientierte Anleger wetten auf eine „Normalisierung“ der Wechselkursentwicklung

          Die Erholung der Pfunds lässt sich verschieden erklären. Erstens hatte es sich in den vergangenen Wochen stark von langjährigen Kursdurchschnitten entfernt. So ist es nur normal, dass technisch orientierte Anleger auf eine „Normalisierung“ wetten und die zuvor verkaufte Währung zurückkaufen.

          Bild: Dresdner Kleinwort Research

          Auf der anderen Seite spielen die relativen Erwartungen einen Rolle. Die Bank of England erklärt zwar, in Großbritannien sei der Zugang zu Krediten im Markt schwieriger geworden und aus diesem Grund seien weitere Maßnahmen zu Entspannung im Kreditbereich notwendig. Solche Äußerungen deuten angesichts der extrem schwachen Konjunkturdaten aus Großbritannien auf weitere Zinssenkungen und alternative geldpolitische Maßnahmen hin. Das müsste das Pfund theoretisch weiter schwächen.

          Auf der anderen Seite werden jedoch die Daten aus der Eurozone immer schwächer. Die Wirtschaft in Irland und Spanien ist nach dem Platzen der enormen Immobilienblase extrem schwach und nun werden auch die großen Kernstaaten Europas voll vom globalen Abschwung erfasst. Im November sind die Exporte in Deutschland nach Angaben der Deutschen Bundesbank förmlich eingebrochen. Das Minus lag auf Monatsbasis bei 10,6 Prozent, die Importe gingen ebenfalls deutlich zurück. Die Auftragseingänge der deutschen Industrie gingen im November auf Jahresbasis mit einem Minus von 27,2 Prozent noch deutlich stärker zurück, als befürchtet worden war.

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          So wird kaum verwundern, dass die Stimmung sowohl unter den europäischen Verbrauchern als auch unter den Industrieunternehmen deutlich nachgelassen hat. Das Industrievertrauen ist in Europa im Dezember mit minus 33 auf den tiefsten Stand seit Beginn der Erfassung im Jahr 1984 gefallen.

          Solche Zahlen legen in Verbindung mit dem nachlassenden Preisauftrieb bei vielen Marktteilnehmern die Vermutung nahe, die europäische Zentralbank werde den Leitzins künftig auch noch weiter senken. Das würde die Zinsdifferenz zu Großbritannien, zu den Vereinigten Staaten, zur Schweiz und auch zu Japan weiter verringern, nachdem sich diese Staaten auf oder nahe der Null-Prozentgrenze befinden und aufgrund der verheerend lockeren Geldpolitiken der vergangenen Jahre kaum noch geldpolitische „Munition“ der konventionellen Art haben.

          Nach der Logik des Marktes könnte diese Konstellation in Verbindung mit Erwartungen, extreme geld- und fiskalpolitische Impulse in den angelsächsischen Staaten könnten dort zu einer rascheren wirtschaftlichen Erholung als in Europa führen, den Euro in die Defensive bringen.

          Allerdings wird sich erst noch zeigen müssen, ob sie auch wirken können. Denn die angelsächsischen Wirtschaftsräume waren in der Vergangenheit stark vom Konsumwahn der inzwischen hoch verschuldeten Konsumenten und von der Kredit getriebenen Dynamik im Finanzsektor abhängig. Diese haben eher Bonitäts- denn Kreditprobleme im eigentlichen Sinne. Diesbezüglich sehen die Kernstaaten Europas solider aus - und damit möglicherweise auch der Euro.

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