https://www.faz.net/-gv6-7iq3d

Wirtschaftskrise : Das Gold der Tempel könnte Indien retten

Der Goldene Tempel in Amritsar Bild: AFP

Indien braucht dringend Geld. Unter den Hindu-Tempeln im ganzen Land schlummern Juwelen und Goldschmuck im Wert von Milliarden Dollar. Nun wird gestritten, wem das Gold zusteht.

          3 Min.

          Schatzsuche in Indien. 1.000 Tonnen Gold – ein Wert von gut 31 Milliarden Euro – soll unter den Ruinen des Königsschlosses Raja Rao Ram Bux Singh begraben liegen. Gold und Geld aber braucht Indiens leidende Volkswirtschaft in diesen Monaten so dringend, wie zuletzt während der Wirtschaftskrise 1991. Da trifft es sich, dass der indische Guru Shobhan Sarkar direkten Kontakt zum verstorbenen König, der im neunzehnten Jahrhundert den Palast im armen Bundesstaat Uttar Pradesh bewohnte, aufbauen konnte.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Denn im Traum berichtete der König Sarkar nicht nur von dem vergrabenen Schatz. Sondern er trug seinem Medium auch auf, ihn der Regierung zu melden, damit Indien damit sein Defizit ausgleichen könne. Seitdem der Guru gehorchte, graben staatliche Archäologen nach den Juwelen und Barren unter den eingestürzten Gewölben.

          „Nichts ist bewiesen“

          Die Wissenschaftler wollen die Erwartungen kühlen. „Nichts ist bewiesen“, sagt Praveen Kumar Mishra, der Chefarchäologe vor Ort. „Oft finden wir bei solchen Grabungen nur Hacken oder Löffel.“ Und dennoch wachsen die Menge der Zuschauer und die Träume, was mit dem Geld anzufangen sei. So will das angrenzende Dorf Daundia Khera mit dem gehobenen Schatz endlich Telefonleitungen, ein Sportstadion, Schulen und Krankenhäuser bauen.

          Die indische Regierung, der der Schatz ja laut Medium zugedacht ist, könnte ihn gebrauchen, um die Lücken in Haushalt und Zahlungsbilanz zu schließen. Schon vor Monaten hatte sie in bislang drei Stufen eine Steuer auf Gold eingeführt, die den Import des in Indien so beliebten Edelmetalls erschwert: Zu viele Dollar wanderten ab, weil sich die Inder Gold und Goldschmuck im Ausland kauften.

          Goldhoffnung: Schaulustige beobachten die Grabungen an der Ruine Raja Rao Ram Bux Singh
          Goldhoffnung: Schaulustige beobachten die Grabungen an der Ruine Raja Rao Ram Bux Singh : Bild: AFP

          Durchschnittlich erwerben Inder täglich 2,3 Tonnen Gold – so viel, wie ein kleiner Elefant wiegt. Vieles davon wandert in den obligatorischen Goldschmuck. Gerade jetzt, zum Beginn der Hochzeitssaison, haben die Juweliere Hochkonjunktur. Die Einfuhr von Gold steigt seit Jahren: Im vergangenen Fiskaljahr (31. März) lag ihr Wert bei 54 Milliarden Dollar. Auch weil der Goldkauf im Ausland in Devisen bezahlt werden muss, verliert die Rupie dramatisch an Wert.

          Ein Alarmsignal für die Hindu-Priester

          Zwar verbreiten die Archäologen noch Skepsis. Doch ist ein Fund nicht völlig abwegig. Vor zwei Jahren stießen Priester im Südwest-Staat Kerala in den Tresoren eines Hindu-Tempels auf ein Vermögen, das sie auf umgerechnet 18 Milliarden Euro schätzten – mehr, als der Bildungshaushalt des Subkontinents beträgt. Inzwischen ist das Höchste Gericht Indiens damit befasst, eine angenehme Sicherung der Preziosen durchzusetzen.

          Auch Shobhan Sakar ist seiner Sache ganz sicher. Er bot sogar an, sich für den Rest seines Lebens inhaftieren zu lassen, sollte bei der Suche aufgrund seiner Vision Staatsgeld verschwendet worden sein. Der Guru behauptet, König Singh habe ihm gesagt, die wirtschaftliche Lage Indiens besorge ihn. „Ich habe den ganzen Tag geweint, als mir klarwurde, dass Indiens Wirtschaft zusammenbrechen wird“, erklärte er. Das Gold des Königs solle dafür genutzt werden, den Staatshaushalt gesunden zu lassen.

          Es passt ins Bild, dass der König 1857 von den britischen Kolonialherren gehängt wurde, weil er eine Revolte gegen sie anzettelte. Wer, wenn nicht ein solcher Held, könnte Indien heute retten? Auch die Notenbank träumt längst von den Schätzen in Tempel- und Palastgewölben. Sie sandte Briefe an die wichtigsten Gotteshäuser, in denen sie höflichst um Auskunft über den gehorteten Besitz bat. Für die Hindu-Priester waren diese Briefe ein Alarmsignal.

          Das vergrabene Gold lässt Visionen sprühen

          „Das Gold, das in den Tempeln verwahrt wird, wurde von Gläubigen über Tausende von Jahren gestiftet. Wir werden niemals irgendjemandem erlauben, es sich anzueignen“, warnte der Hindu-Nationalist V Mohanan. Auch wenn es keine offiziellen Zahlen gibt, so doch Schätzungen. Der World Gold Council (WGC) geht davon aus, dass in den Hindu-Tempeln auf dem Subkontinent rund 2.000 Tonnen Gold lagern – ein Wert von rund 63 Milliarden Euro.

          Manche der Tempelherren stehen der Moderne freilich durchaus offen gegenüber: „Das Gold, das wir haben, gehört dem ganzen Land. Wir wären stolz, wenn die Nation davon profitieren könnte“, sagt Subhash Vitthal Mayekar, der Vorsitzende der Verwaltung des Shree-Siddhivinayak-Ganpati-Tempels in der Wirtschaftsmetropole Bombay (Mumbai).

          Zehn Kilogramm seines Goldes hat der Tempel schon in einer Bank gelagert. Weitere 140 Kilo liegen noch im Heiligtum. Der Tirupati-Tempel im Bundesstaat Andhra Pradesh, eines der reichsten Gotteshäuser des Subkontinents, hat schon 2.250 Kilogramm Gold bei der State Bank of India eingelagert, die ihm darauf Zinsen zahlt.

          Das Gold unter den Ruinen von Raja Rao Ram Bux Singh lässt schon jetzt Visionen sprühen. Gerade besuchte der Oppositionskandidat für die Wahl des nächsten Ministerpräsidenten Indiens die Grabungsstelle. Bei diesem Anlass sagte er: „Die Regierung lässt nach tausend Tonnen Gold graben, nachdem jemand davon geträumt hat. Wenn wir uns aber das Geld zurückholen, das Plünderer auf Schweizer Konten geschafft haben, wäre das mehr wert als tausend Tonnen Gold!“

          Gold stabilisiert sich auf niedrigem Niveau

          Aufatmen können Goldanleger noch lange nicht, sich aber zumindest wieder beruhigen. Der Preis für das Edelmetall pendelt seit Wochen um die Marke von 1300 Dollar. Aktuell kostet eine Feinunze Gold etwa 1334 Dollar. Das ist aber immer noch etwa 400 Dollar unter dem Niveau vom Jahresanfang. Und eine dauerhafte Erholung ist noch nicht in Sicht. Denn die Abflüsse aus Fonds, die mit dem Edelmetall hinterlegt sind – sogenannten ETC –, halten weiter an. Anfang der Woche floss sogar mit etwa 11,5 Tonnen so viel Gold ab wie zuletzt im Juli. Seit Jahresbeginn haben die Fonds ihre Bestände sogar um 750 Tonnen verringert. Damit wird aktuell in diesen ETC nur noch so wenig Gold gehalten wie zuletzt vor dreieinhalb Jahren. Eine dauerhafte Erholung des Goldpreises wird erst wieder wahrscheinlicher, wenn diese Abflüsse anhalten oder es sogar wieder Zuflüsse in die Goldfonds gibt. Ansonsten hängt der Goldpreis weiterhin am Tropf der Geldpolitik der großen Zentralbanken. Noch immer fluten die Institute in Europa, Japan und den Vereinigten Staaten die Märkte mit Geld. Da manche dadurch eine höhere Inflation befürchten und Gold als klassische Währungsalternative gehalten wird, erhält das Edelmetall von dieser Seite aus im Moment noch Auftrieb. Bessert sich aber die wirtschaftliche Lage, verschwindet auch von dieser Seite die Unterstützung. (fne.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert.

          Nachhaltig Wohnen : Unruhe unter Dämmern

          Die Dämmstoffindustrie ist alarmiert. Bauminister rücken von der einseitigen Ausrichtung an der Gebäudedämmung ab. Die Koalitionäre in Berlin sprechen von technologieoffenen Maßnahmen. Ein Paradigmenwechsel steht an.
                        Bald in der Luftwaffe? Eine amerikanische F-18 beim Katapultstart vom Flugzeugträger USS Carl Vinson

          Nukleare Teilhabe : Poker um den Atom-Bomber

          Nach der Einigung im Koalitionsvertrag muss entschieden werden: Sollen amerikanische Bomber oder deutsche Eurofighter in Zukunft die nukleare Teilhabe sichern?
          Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

          Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

          Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.