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Energie : Wie tief fällt der Ölpreis noch?

Teure Ölförderung in den Vereinigten Staaten: Fracking lohnt sich kaum noch. Bild: dpa

Öl ist so billig wie lange nicht mehr. Der Trend wird sich frühestens im zweiten Halbjahr ändern. Zumal Iran seit Montag wieder fast unbegrenzt Öl exportieren kann.

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          Das Timing könnte nicht schlechter sein: Nach einer turbulenten Woche mit fallenden Aktienkursen und Ölpreisen auf Zwölf-Jahres-Tief kam die Nachricht zur Unzeit: Am Wochenende hat die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) Iran bescheinigt, die Verpflichtungen des Atomabkommens von 2015 zu erfüllen. Die Sanktionen gegen das Land werden damit aufgehoben. Dann wird Iran seine Ölexporte nach oben schrauben. Noch mehr Öl kommt auf den Markt, mehr, als die Welt braucht. Der Ölpreis dürfte weiter sinken.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bisher hatten die Anleger damit gerechnet, dass Iran erst im zweiten Quartal seine Förderung steigert. Dass das jetzt schon passieren könnte, belastet den angeschlagenen Ölmarkt weiter. Denn sein Hauptproblem ist die massive Überproduktion. Vor allem Saudi-Arabien, aber auch Russland, holen viel zu viel Öl aus dem Boden. Das hat den Ölpreis in der abgelaufenen Woche unter die Marke von 30 Dollar für ein Fass gedrückt.

          Seit Jahresanfang hat er 20 Prozent verloren, seit Mitte 2014 70 Prozent. Lange hat das in den Industriestaaten niemanden gestört, das billige Öl sparte den Menschen viel Geld, das sie in den Läden ausgeben konnten. Und die Unternehmen konnten ihre Kosten senken. Doch mittlerweile sorgen sich die Anleger, ob der niedrige Ölpreis auch Zeichen für eine schwache Nachfrage und damit für ein geringeres Wirtschaftswachstum auf der Welt ist, als erwartet worden war. Die schlechten Konjunkturzahlen in den vergangenen Wochen aus China, dem zweitgrößten Ölverbrauchsland, untermauern diese Sorgen.

          Doch was heißt das für die weitere Entwicklung des Ölpreises? Führende Investmentbanken wie die Société Générale, BNP Paribas oder die Deutsche Bank reduzierten in den vergangenen Tagen ihre Prognosen. „Die Erholung der Ölpreise wird länger als erwartet dauern“, sagt etwa Ölanalyst Harry Tchilinguirian von BNP. Pessimistisch ist die Royal Bank of Scotland, die einen Ölpreis von nur noch 16 Dollar erwartet. Standard Chartered prognostiziert sogar nur zehn Dollar. Das unterbietet noch die Analyse von Goldman Sachs, die im Dezember für Aufsehen sorgte, als sie 20 Dollar für dieses Jahr vorhersagte.

          Derzeit spricht einiges für weiter fallende Ölpreise

          In der Tat spricht derzeit einiges für weiter fallende Ölpreise. Das liegt nicht nur an der Aufhebung der Iran-Sanktionen. Russland produziert derzeit so viel Öl wie seit dem Ende der Sowjetunion nicht mehr. Auch die amerikanische Ölförderung ist unerwartet hoch, vor allem durch höhere Produktion im Golf von Mexiko und Alaska. Das kompensiert zum Großteil die Rückgänge in der Schieferölförderung.

          Und Saudi-Arabien könnte gewillt sein, durch hohe Förderung den Preis so niedrig zu halten, dass sich für den Erzrivalen Iran eine stärker als ohnehin schon geplante Ausweitung der Förderung nicht lohnt. Die Positionierungen der Anleger verstärken den Abwärtsdruck. Die Spekulationen auf niedrigere Ölpreise haben derzeit nach Börsenstatistiken ein Rekordniveau erreicht. Im Gegenzug ist die Zahl der Geschäfte, die auf steigende Preise setzen, so niedrig wie seit Sommer 2009 nicht mehr.

          Die Sorgen vor schwächerer Ölnachfrage und damit einem noch geringeren Wirtschaftswachstum auf der Welt scheinen aber übertrieben. Zwar könnte warmes Wetter die Nachfrage in den Wintermonaten etwas dämpfen. Aber die Öleinfuhren Chinas stiegen im Dezember auf ein Rekordniveau. Im gesamten Jahr kletterten sie um neun Prozent ebenfalls auf neue Höchststände. Für 2016 und 2017 wird erwartet, dass sich die globale Nachfrage durch die sich bessernde Konjunktur in Europa und Amerika um jeweils 1,4 Millionen Fass am Tag erhöht. Das ist mehr als die tägliche Überproduktion, die es jetzt noch gibt.

          Die meisten Analysten sind daher der Meinung, dass die Talfahrt bald beendet ist. „Wir erachten den Preisrückgang als teilweise übertrieben“, sagt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die neuen Prognosen der Banken aus diesem Jahr gehen mehrheitlich von Ölpreisen zwischen 30 und 35 Dollar im ersten Quartal aus. Für das zweite Halbjahr erwarten sie einen Anstieg bis auf durchschnittlich 53 Dollar bis Jahresende. Das wäre fast eine Verdoppelung zum derzeitigen Niveau.

          Grund ist der Abbau der Überproduktion durch eine sich bessernde Konjunktur. Und eine geringere Produktion. „Wir nähern uns einem Niveau, das die Ölförderer zwingen wird, die Produktion zeitweise einzustellen“, sagt Peter Hackworth von Goldman Sachs. Weil die Speicherkapazitäten für das zu viel produzierte Öl zu Neige gehen und die Einnahmen die Kosten nicht mehr decken. Steigende Zinsen, schärfere Kreditbedingungen der Banken und kaum mehr Fortschritte bei der Verbesserung der Produktivität erschweren Investitionen in die Ölfelder. Das dürfte vor allem die Amerikaner treffen. Die dortige Energiebehörde EIA erwartet, dass die amerikanische Förderung bis zum Spätsommer um rund zehn Prozent sinkt. Der Rückgang der Förderung außerhalb der Opec-Staaten werde der größte seit 1992 sein.

          Für die Börsen müsste das eigentlich bedeuten: keine Angst, sondern Freude über den noch niedrigen Ölpreis. Immerhin profitieren 75 Prozent der globalen Wirtschaft von tiefen Ölpreisen. Und für die Verbraucher gilt: Am besten in den kommenden Wochen noch den Heizöltank vollmachen.

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