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Weinhändler im Interview : „Ein guter Bordeaux lohnt sich mehr als Aktien“

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Weinhändler Carl-Johann Tesdorpf (66) in seinem Laden in der Lübecker Altstadt. Seine Vorfahren kommen schon in den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann vor. Bild: Lucas Wahl

Der Chef des ältesten deutschen Weinhandels Carl Johann Tesdorpf spricht über exklusive Jahrgänge und die Weine von Brad Pitt und Angelina Jolie.

          7 Min.

          Sogar der schale Witz, so viele Prozente wie eine Flasche Wein biete keine andere Geldanlage auf der Welt, enthält ein Körnchen Wahrheit. Manche edlen Tropfen sind in jüngster Zeit zu veritablen Spekulationsobjekten geworden. Auf Auktionen werden für bestimmte Jahrgänge von Weingütern mit Renommee Rekordpreise von mehr als 10.000 Euro je Flasche gezahlt, den Rekord hält ein Chateau Lafite aus dem Jahr 1869 mit 169.000 Euro. Manche Privatanleger investieren viel Geld in Wein-Fonds, in London gibt der Index Liv-Ex 100 Aufschluss über die Preisentwicklung für hundert handverlesene Weine aus den berühmtesten Anbaugebieten der Welt. Seit Anfang des Jahres steigt dessen Notierung scheinbar unaufhaltsam, wofür es eine einfache Begründung gibt, die Nullzinspolitik der Notenbanken. Sie macht Weine als Geldanlageklasse besonders attraktiv. Carl-Johann Tesdorpf, der Chef der in Lübeck beheimateten ältesten deutschen Weinhandlung, 1678 von einem seiner Vorfahren in der Hansestadt gegründet, hat eigens einen ganzen Keller zum Depot umgerüstet, in dem Kunden ihre Flaschen in der Hoffnung auf Wertsteigerung einlagern können.

          Herr Tesdorpf, taugt jeder teure Wein als Geldanlage?

          Nein, ganz und gar nicht. Es stimmt zwar, dass ein Wein für 20 Euro keinen großen Wertzuwachs erleben wird, damit werden Sie nichts verdienen. Für die Geldanlage kommen nur wirklich gute Jahrgänge und namhafte Weingüter in Frage. Wer sich an diese Regeln hält, kann eigentlich nichts falsch machen, die fachgerechte Lagerung vorausgesetzt.

          Worauf ist bei der Lagerung zu achten?

          In unserem kleinen Fort Knox, dem mit Videokameras überwachten Tresor für die besonders hochwertigen Weine unserer Kunden, liegt die Temperatur konstant bei 17,3 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit bei 66,7 Prozent. Das sind Idealbedingungen. Der Keller ist voll, sogar im Mittelgang stehen schon Kisten, insgesamt rund 10 000 Flaschen. Deshalb wollen wir demnächst noch einen Kühlcontainer dazunehmen. Schön aussehen muss es da ja nicht.

          Wein : Der Korken macht den Unterschied

          Was kostet die Einlagerung?

          Die Miete für ein Fach ist gerade so kostendeckend. Dafür schreiben wir den Kunden aber auch dreimal im Jahr, was sich auf dem Markt getan hat, welche Preise auf Auktionen gezahlt werden, wie sich ihr Wein geschmacklich entwickelt hat, ob es klug ist, ihn jetzt zu verkaufen - oder vielleicht zu trinken.

          Wie finden Sie das heraus?

          In der Regel trinken wir die großen Rotweine immer zu jung. Dabei sollten wir ihnen einige Jahrzehnte Zeit lassen, sich zu entwickeln. Das ist bei frischen Weißweinen natürlich ganz anders, einen 2012er Sauvignon sollten Sie 2020 getrunken haben. Da ist über die Jahre dann aber auch kein großer Wertzuwachs zu erwarten, das gilt auch für deutschen Riesling, egal wie gut er sein mag. Um die Trinkreife zu bestimmen, ist außer Lage und Jahrgang auch wichtig, zu welchem Zeitpunkt ein Wein geerntet wurde. Die Winzer selbst geben dazu regelmäßig ihre Einschätzungen ab, außerdem achten wir auf Verkostungen und das Urteil von Fachleuten, auch Erfahrungswerte spielen dabei eine Rolle.

          Trinkreife ist das eine, der richtige Verkaufszeitpunkt das andere. Bildet sich wegen der Niedrigzinsen nicht gerade eine Preisblase?

          Das glaube ich nicht. Eine Blase gab es in den Jahren vor 2012. Damals kauften Chinesen die teuersten Bordeaux-Weine, ohne auf die Preise zu achten. Ich wusste, was die Stunde geschlagen hatte, als ich einmal auf Chateau Mouton Rothschild war, gemeinsam mit anderen Händlern, die auch schon sehr lange mit dem Weingut zusammenarbeiten. Aber die einzigen Gäste, die von der damaligen Inhaberin persönlich begrüßt wurden, waren Chinesen. Kein Wunder, die Chinesen kauften Mouton Rothschild damals 30 bis 40 Prozent der Jahresproduktion ab.

          Das ging so, bis ein Antikorruptionsgesetz ihnen verbot, Geschäftspartnern teuren Wein zu schenken...

          Es gab noch einen anderen Grund. Die Fälschungen haben mit der Zeit überhand genommen. Die Etiketten kann man ja heute mit jedem handelsüblichen Farbkopierer nachmachen, das ist schwer zu erkennen. Die richtig dreisten Fälscher haben auch auf den Korkbrand und den Aufdruck auf der Kapsel verzichtet, um Geld zu sparen. Als das aufgeflogen ist, war die Luft raus, der Markt versaut. Heute arbeiten manche Winzer mit einem Metallstreifen als Kopierschutz im Etikett, fast wie in Geldscheinen, andere gravieren laufende Nummern in ihre Flaschen ein.

          Welche Wertsteigerungen sind noch drin, seit die Chinesen die Preise nicht mehr hoch halten?

          Nehmen Sie den 2012er Lafite Rothschild. Da haben wir die Flasche damals für 380 Euro verkauft, jetzt wird sie für 1200 Euro gehandelt. Aus guten Jahrgängen wie 1990, 1995 oder 2010 gibt es im ganzen Bordelais keinen einzigen schlechten Wein, da liegen Sie immer richtig. Und anders als etwa bei Aktiengeschäften an der Börse ist es so, dass die Verfügbarkeit solcher Jahrgangsweine von großen Weingütern mit der Zeit immer geringer wird. Ganz einfach, weil die Leute ihre Weine ja auch manchmal trinken. Das heißt, das Angebot für Sammler oder andere Investoren nimmt stetig ab.

          Und allein das sollte in der Theorie zu steigenden Preisen führen. Was war bislang Ihr bestes Geschäft?

          Ich hatte mal zwei Kisten vom Château Pétrus, dem führenden Weingut im Pomerol, aber aus den miserablen Jahrgängen 1972 und 1973. Die hat mir ein Privatsammler aus Bremen für eine horrende Summe abgekauft und dann in bar bezahlt. Es gibt aber noch einen ganz anderen Vorteil, der für eine Investition in Wein spricht.

          Der da wäre?

          Der Wertzuwachs wird, anders als bei anderen Kapitalanlagen, bislang noch nicht besteuert.

          Die Welt der teuren Weine hat ihre eigenen Regeln. Französische Rotweine aus dem Bordelais, der Gegend um Bordeaux, dominieren die Auktionen. Allen voran die fünf Weingüter aus dem Médoc, einer von der Gironde umflossenen Halbinsel, die sich als „Premiers Crus Classées“ bezeichnen dürfen: Lafite-Rothschild, Margaux, Haut-Brion, Latour und Mouton Rothschild. Ob ein Wein als Investment taugt, legen außer dem Renommee des Weinguts und dem Jahrgang die Urteile einiger weniger international bekannter Weinkritiker fest: der Brite Hugh Johnson, René Gabriel aus der Schweiz, vor allem aber der Amerikaner Robert Parker. Ein Wein mit weniger als 96 von 100 möglichen Parker-Punkten kommt für die meisten Fachleute nicht als Geldanlage in Frage.

          Was halten Sie von Robert Parker?

          Der Mann ist ein Phänomen. Ich habe ihn einmal persönlich kennengelernt, 1998 im Pomerol, nordöstlich von Bordeaux. Das war unglaublich. Er brauchte zehn Minuten, um 36 Flaschen zu verkosten, dann rauschte er weiter, mit zwanzig Seiten voll Notizen. Dafür brauchte ich anderthalb Stunden.

          Vergeben Sie auch 100 Punkte, wenn Sie einen Wein verkosten?

          Nein, ich habe ein Zehn-Punkte-System, mit drei Kategorien - Nase, Geschmack, Abgang. Die Farbe ist dagegen nach meiner Meinung vergleichsweise unwichtig.

          Ist auf Parkers Hochgeschwindigkeitsurteile überhaupt Verlass?

          In den allermeisten Fällen schon. Ich war ein einziges Mal besser als er. Dem 1990er Château Montrose habe ich dreimal neun Punkte gegeben, eine Spitzennote. Von Parker bekam er nur 92 Punkte, das ist in seiner Skala eher mittelmäßig. Die Flasche gab es damals für 39,80 Mark. Heute ist sie 1000 Euro wert. Und Parker hat sich drei Jahre nach seinem ersten Urteil dafür entschuldigt, dem Wein nachträglich 100 Punkte gegeben. Dass er so etwas macht, zeigt aber auch, wie seriös er vorgeht.

          Und wie seriös ist die Klassifizierung der teuersten Bordeaux-Weine?

          Die ist im Grunde genommen eine Farce. Es gibt allein im Bordelais rund 7000 Weingüter, 460 davon mit berechtigtem Renommee. Die fünf Kategorien, nach denen sie eingestuft werden, stammen aus dem Jahr 1855. Da war viel Willkür dabei. Ein Winzer hat damals zum Beispiel einfach nicht rechtzeitig geantwortet, weil niemand zu Hause war, als die Einladung kam, sich an der Sache zu beteiligen. In der höchsten Kategorie gab es seitdem trotzdem nur einen einzigen Neuzugang, Mouton Rothschild im Jahr 1973, eingefädelt von Jacques Chirac, dem damaligen Bürgermeister von Bordeaux und späteren Staatspräsidenten.

          Trotzdem empfehlen auch Sie Anlegern vorzugsweise Bordeaux-Weine.

          Nicht unbedingt. Auch Weine aus dem Burgund, von der Côte du Rhone, aus Italien, Südafrika und Kalifornien kommen dafür in Frage. Zwischen 2007 und 2013 war zum Beispiel ein Wein aus Italien, vom Weingut Ornellaia in der Toskana, die beste Geldanlage überhaupt. Das ist ein Spitzenweingut, das noch vergleichsweise jung ist, weshalb die Rebstöcke mit der Zeit noch kräftiger werden, der Wein auch - da kann man fast blind auf eine erfreuliche Zukunft setzen.

          Das heißt, die Flaschen werden von Jahr zu Jahr kontinuierlich mehr wert?

          Ganz so einfach ist es nicht. Kommt ein echter Spitzenjahrgang wie 2010 auf den Markt, dann drückt er die Preise von vorangegangenen Jahrgängen, auch wenn diese gar nicht außergewöhnlich schlecht waren. Dann bekommen manche Leute kalte Füße, verkaufen ihre 2009er Kiste. Aber wenn dann 2011 und 2012 miese Jahrgänge sind, erholen sich damit die Preise auch für den 2009er wieder.

          Haben die Spitzenpreise, die auf Auktionen gezahlt werden, überhaupt noch etwas mit dem Geschmack zu tun?

          Es gibt Weine, deren Preis mit der Qualität nicht viel zu tun hat. Die Weine vom Weingut von Brad Bitt und Angelina Jolie in Südfrankreich zum Beispiel sind okay, sonst würde ich sie nicht verkaufen. Aber es gibt weniger bekannte Weingüter und deutlich günstigere Weine, die besser schmecken. Bei Blindverkostungen, wenn wir Weine für 10, 20, 30, 40 und 50 Euro die Flasche nacheinander probieren, kommt ohnehin selten die richtige Reihenfolge heraus. Vielen schmeckt der 10-Euro-Wein am besten.

          In Lübeck ist das Weinhandelshaus Tesdorpf eine Institution, fast wie Marzipan und das Holstentor. Es besteht seit 1678, stets hat es der Vater seinem Sohn übergeben, neun Generationen lang. Zweimal waren Familienoberhäupter zugleich Bürgermeister der Hansestadt. Der Schriftsteller Thomas Mann hatte nachweislich die Tesdorpfs im Kopf, als er in den „Buddenbrooks“ die Weinhändlerfamilie Kistenmaker porträtierte. Ein Vorfahr Carl-Johann Tesdorpfs war vorübergehend als Manns Vormund eingesetzt gewesen. Bis heute ist die Weinhandlung zudem in derselben Straße zu finden, in der auch das längst zum Museum umfunktionierte einstige Wohnhaus der Familie Mann steht - das Museum oben an der Marienkirche, die Weinhandlung unten an der Trave, wo früher die Schiffe mit ihren Rotweinfässern aus Frankreich anlegten. Damals wurde der Wein noch nicht auf dem Weingut, sondern erst vom Händler an Ort und Stelle in Flaschen abgefüllt. Carl-Johann Tesdorpf, 1950 geboren, führt die Geschäfte seit 1993. Schon als Schüler schickte ihn sein Vater in den Ferien auf die Weingüter rund um Bordeaux, wo er lernte, Fässer zu reinigen, Reben zu schneiden und Etiketten zu kleben. Später wurde er an der Obst- und Weinbauschule in Wädenswil in der Schweiz zum Weinbaufachmann ausgebildet. Mit ihm wird die große Familientradition der Firma eines Tages zu Ende gehen, er hat keine Kinder. Die Zukunft des Unternehmens, das zuletzt rund 10 Millionen Euro im Jahr umgesetzt hat, ist indes schon geregelt. Tesdorpf verkaufte 1999 die Mehrheit der Anteile an den Hawesko-Konzern aus Hamburg, den größten deutschen Weinhandel, zu dem auch die Einzelhandelskette Jacques’ Wein-Depot gehört.

          Hat Thomas Mann so großen Eindruck auf Sie gemacht wie Ihre Familie offenbar auf ihn?

          Ich bin in der Schweiz aufgewachsen. Im Deutschunterricht auf der Schule habe ich dann erst einmal versucht, die Norddeutschen zu verstehen, indem ich als Schwerpunkte Thomas Mann und Theodor Storm wählte, einmal Lübeck, einmal Husum. Mein Vater war übrigens strikt dagegen.

          Warum das denn?

          Weil die Weinhändler in den „Buddenbrooks“ nicht besonders gut davonkommen. Aber das hat mich nicht von meinen Plänen abgebracht.

          Kommt heute auch noch manchmal prominente Kundschaft in Ihr Geschäft?

          Am bekanntesten waren sicher die Außenminister der G-7-Staaten, die nach ihrem Gipfeltreffen in Lübeck im vergangenen Jahr abends auf ein Glas vorbeikamen.

          Was haben die Minister getrunken?

          Eigentlich wollte ich jedem einen Wein aus seiner Heimat anbieten. Das war für Frankreich, Italien und die Vereinigten Staaten keine Schwierigkeit, für Deutschland natürlich auch nicht, Steinmeier trank Riesling. Aber dann wurde es knifflig. Für den Kanadier gab es einen Wein aus Oregon, immerhin ziemlich weit im Norden von Amerika. Und für den Engländer habe ich einen französischen Wein ausgeschenkt, aber von einem britischen Winzer. Mein Glück war, dass der japanische Außenminister prinzipiell keinen Wein trinkt.

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