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Weinhändler im Interview : „Ein guter Bordeaux lohnt sich mehr als Aktien“

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Der Mann ist ein Phänomen. Ich habe ihn einmal persönlich kennengelernt, 1998 im Pomerol, nordöstlich von Bordeaux. Das war unglaublich. Er brauchte zehn Minuten, um 36 Flaschen zu verkosten, dann rauschte er weiter, mit zwanzig Seiten voll Notizen. Dafür brauchte ich anderthalb Stunden.

Vergeben Sie auch 100 Punkte, wenn Sie einen Wein verkosten?

Nein, ich habe ein Zehn-Punkte-System, mit drei Kategorien - Nase, Geschmack, Abgang. Die Farbe ist dagegen nach meiner Meinung vergleichsweise unwichtig.

Ist auf Parkers Hochgeschwindigkeitsurteile überhaupt Verlass?

In den allermeisten Fällen schon. Ich war ein einziges Mal besser als er. Dem 1990er Château Montrose habe ich dreimal neun Punkte gegeben, eine Spitzennote. Von Parker bekam er nur 92 Punkte, das ist in seiner Skala eher mittelmäßig. Die Flasche gab es damals für 39,80 Mark. Heute ist sie 1000 Euro wert. Und Parker hat sich drei Jahre nach seinem ersten Urteil dafür entschuldigt, dem Wein nachträglich 100 Punkte gegeben. Dass er so etwas macht, zeigt aber auch, wie seriös er vorgeht.

Und wie seriös ist die Klassifizierung der teuersten Bordeaux-Weine?

Die ist im Grunde genommen eine Farce. Es gibt allein im Bordelais rund 7000 Weingüter, 460 davon mit berechtigtem Renommee. Die fünf Kategorien, nach denen sie eingestuft werden, stammen aus dem Jahr 1855. Da war viel Willkür dabei. Ein Winzer hat damals zum Beispiel einfach nicht rechtzeitig geantwortet, weil niemand zu Hause war, als die Einladung kam, sich an der Sache zu beteiligen. In der höchsten Kategorie gab es seitdem trotzdem nur einen einzigen Neuzugang, Mouton Rothschild im Jahr 1973, eingefädelt von Jacques Chirac, dem damaligen Bürgermeister von Bordeaux und späteren Staatspräsidenten.

Trotzdem empfehlen auch Sie Anlegern vorzugsweise Bordeaux-Weine.

Nicht unbedingt. Auch Weine aus dem Burgund, von der Côte du Rhone, aus Italien, Südafrika und Kalifornien kommen dafür in Frage. Zwischen 2007 und 2013 war zum Beispiel ein Wein aus Italien, vom Weingut Ornellaia in der Toskana, die beste Geldanlage überhaupt. Das ist ein Spitzenweingut, das noch vergleichsweise jung ist, weshalb die Rebstöcke mit der Zeit noch kräftiger werden, der Wein auch - da kann man fast blind auf eine erfreuliche Zukunft setzen.

Das heißt, die Flaschen werden von Jahr zu Jahr kontinuierlich mehr wert?

Ganz so einfach ist es nicht. Kommt ein echter Spitzenjahrgang wie 2010 auf den Markt, dann drückt er die Preise von vorangegangenen Jahrgängen, auch wenn diese gar nicht außergewöhnlich schlecht waren. Dann bekommen manche Leute kalte Füße, verkaufen ihre 2009er Kiste. Aber wenn dann 2011 und 2012 miese Jahrgänge sind, erholen sich damit die Preise auch für den 2009er wieder.

Haben die Spitzenpreise, die auf Auktionen gezahlt werden, überhaupt noch etwas mit dem Geschmack zu tun?

Es gibt Weine, deren Preis mit der Qualität nicht viel zu tun hat. Die Weine vom Weingut von Brad Bitt und Angelina Jolie in Südfrankreich zum Beispiel sind okay, sonst würde ich sie nicht verkaufen. Aber es gibt weniger bekannte Weingüter und deutlich günstigere Weine, die besser schmecken. Bei Blindverkostungen, wenn wir Weine für 10, 20, 30, 40 und 50 Euro die Flasche nacheinander probieren, kommt ohnehin selten die richtige Reihenfolge heraus. Vielen schmeckt der 10-Euro-Wein am besten.

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