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Fälscher verurteilt : Selbst Weine können lügen

  • -Aktualisiert am

Auch Weine der Domaine Romanée-Conti wurden gefälscht. Die auf dem Foto sind allerdings echt - soweit wir wissen. Bild: REUTERS

Der Fälscher und Betrüger Rudy Kurniawan hat Wein im Wert von 20 Millionen Dollar gefälscht. Wie geht denn das?

          3 Min.

          Auch wenn im Wein tatsächlich die Wahrheit liegt, so kann doch zuweilen eine Flasche lügen. Das brachte Rudy Kurniawan, geboren 1976 in der indonesischen Hauptstadt Jakarta, am 8. März 2012 in Untersuchungshaft. Am Donnerstag wurde er vor einem New Yorker Gericht zu zehn Jahren Haft verurteilt. Ihm wurden Weinfälschungen im Wert von mehr als 20 Millionen Dollar nachgewiesen. Der Staatsanwalt machte aus Kuriawan gar den „größten und erfolgreichsten Weinfälscher der Welt“.

          Zu Beginn der Jahre 2000 begann Kurniawan auf den internationalen Sammlermärkten für Wein aufzutreten. Da war er noch gar nicht so lange zuvor mit einem Studentenvisum in die Vereinigten Staaten eingereist. Zunächst trat er als Käufer auf. Dann richtete er Verkostungen von Raritäten aus. Schließlich fing er selbst an, Flaschen in den Handel zu geben.

          Kurniawan hat die teuersten Weine der Welt gefälscht, Romanée-Conti oder auch Clos St. Denis vom Weingut Domaine Ponsot. Im Jahr 2006 setzte er beim Auktionshaus Acker, Merral&Condit bei zwei Versteigerungen neue Maßstäbe. Das erste Los brachte einen Erlös von gut 10 Millionen Dollar, das zweite 24,7 Millionen Dollar – ein Rekord. So hatte er auf diesen beiden Auktionen acht Magnumflaschen Château Lafleur eingereicht.

          Es war nicht irgendein Jahrgang dieses weltberühmten Weinguts in Pomerol bei Bordeaux, sondern der herausragende Jahrgang 1947. Im April 2007 folgte bei Christie’s die Versteigerung von einigen Magnumflaschen des ebenso renommierten Château Le Pin. Hier war es der sagenhafte Jahrgang 1982. Allerdings kam die Auktion nicht zustande, nachdem Le Pin Christie’s warnte, dass es sich um Fälschungen handeln muss.

          Vor Gericht: Weinfälscher Rudy Kurniawan (links) und seine Anwälte
          Vor Gericht: Weinfälscher Rudy Kurniawan (links) und seine Anwälte : Bild: REUTERS

          Immer wieder kam Kurniawan auf Romanée-Conti zurück, ein Weingut, das nur 1,8 Hektar groß ist und weniger als 6000 Flaschen im Jahr produziert. Die wurden schon vor dem Run chinesischer Millionäre auf französische Spitzenweine zu 1000 Euro die Flasche verkauft. Kurniawan war so versessen auf diese Weine, dass sein Spitzname „Dr. Conti“ war.

          Dumm war nur, dass die Flaschen allesamt gefälscht waren, gepanscht in seiner Küche. Obwohl – das allein dürfte ihn nicht überführt haben. Die meisten Käufer erstehen die Raritäten ja nicht, um sie zu trinken. Alte Spitzenweine werden gekauft, um sie zu besitzen. Erstaunlich viele Experten sind auf Kurniawan hereingefallen: Auktionshäuser, Weinkritiker, Sammler und Kenner von Raritäten. 2008 verdichtete sich der Verdacht, als Kurniawan Clos St. Denis von Ponsot der Jahrgänge 1945 bis 1971 verkaufen wollten.

          Das Weingut Ponsot warnte, dass es vor 1982 gar keinen Clos St. Denis produzierte. Bei einem Treffen mit den Ponsot-Verantwortlichen machte Kurniawan glaubhaft, selbst getäuscht worden zu sein. Fälschungen sind bei Wein schwer nachzuweisen. Flaschenform, Beschaffenheit des Glases, Füllhöhe, Farbe, Etikett, Zustand des Korkens – die Kunst besteht darin, den Wein zu untersuchen, ohne die Flasche zu öffnen. Sonst bezahlt der Skeptiker die Gewissheit mit einem Wertverlust.

          Mit einer sehr dünnen Nadel durchbohren die Experten den Kork und entnehmen etwas Wein. Spuren von Radioaktivität weisen darauf hin, dass der Wein nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945 entstanden ist. Weitere molekulare Analysen können angeblich das Alter auf zehn Jahre genau festlegen.

          Gängig ist eine genaue Dokumentation. So lässt sich nachvollziehen, wann eine Flasche nachgefüllt wurde, um den durch Verdunstung entstandenen Schwund aufzufüllen. Doch viele Sammler lehnen umgekorkte Weine ab, auch wenn dies dokumentiert wurde. Eine eingehende Analyse kostet leicht mehrere tausend Euro.

          Das scheuen viele Käufer. Dumm war für Kurniawan, dass er an den amerikanischen Milliardär William Koch geriet, der für seine Streitlust bekannt ist. Im April 2013 hatte Bill Koch schon vom Unternehmer Eric Greenberg Schadensersatz von 12 Millionen Dollar erfochten, als dieser ihm gefälschte Bordeaux-Flaschen angedreht hatte. 

          Koch (43.000 Weinflaschen im Keller) verfolgte jahrelang den Deutschen Hardy Rodenstock, als dieser ihm vier Flaschen aus dem 18. Jahrhundert verkaufte, in die angeblich Thomas Jefferson, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, seine Initialen eingeritzt hatte. Koch ließ die Flaschen untersuchen und stellte fest, dass die Initialen mit modernem Zahnarztwerkzeug eingraviert wurden. Gegen Rodenstock, der bürgerlich Meinhard Görke heißt, erging 2010 ein Versäumnisurteil.

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