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Preisverfall am Ölmarkt : Was ist so schlimm am billigen Öl?

Tag für Tag werden 200 Millionen Liter Öl mehr gefördert, als die Welt braucht. Bild: dpa

Das billige Öl erfreut die Verbraucher. Doch Förderstaaten und Ölfirmen geraten in Gefahr. Ein Risiko für die Weltwirtschaft.

          Unter normalen Umständen interessiert sich kein Mensch dafür, was in einer einzelnen Erdölraffinerie irgendwo in Amerika vor sich geht. Aber weil die Zeiten alles andere als normal sind und der Ölpreis in den vergangenen eineinhalb Jahren um mehr als 70 Prozent eingebrochen ist, schaut die Welt doch mal genauer hin. Und siehe da: In Wichita im Bundesstaat Kansas ist Unglaubliches passiert. Dort veröffentlichte in der vergangenen Woche das Unternehmen Flint Hill Resources, das zum Imperium der schwerreichen Brüder Charles und David Koch gehört, eine Liste jener Preise, die es für ein Fass Rohöl bezahlen will: zum Beispiel läppische 1,50 Dollar für ein Fass der schwefelhaltigen und schwer zu veredelnden Billigsorte North Dakota Sour. Das erscheint geradezu irrwitzig. Vor zwei Jahren war der Preis 30 Mal so hoch. Diese Preisvorstellung zeigt extrem deutlich, wie sehr sich die Ölwelt im Ausnahmezustand befindet.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bis vor einiger Zeit waren sich die Marktbeobachter ziemlich einig, dass die Welt in Wohl und Wehe geteilt ist. Der eine Teil, nämlich die Ölförderländer, leidet schlimm am Verfall des Ölpreises bis zwischenzeitlich unter 28 Dollar je Barrel (159 Liter). Der andere Teil der Welt, der das Öl billig importiert und daher reichlich Kosten spart, darf sich über ein unverhofftes Konjunkturprogramm freuen. Doch nach den Turbulenzen, die seit Jahresbeginn vor allem von China ausgingen, die Aktienkurse in aller Welt stark absacken ließen und den Ölpreis um 20 Prozent nach unten drückten, ist die Grenze nicht mehr so genau zu ziehen. Hatte Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff zuvor noch von einem „Nullsummenspiel“ gesprochen, weil die Produzenten verlieren und die Verbraucher gewinnen, so hat sich das Bild eingetrübt und die Stimmung gedreht. Nun übernehmen zunehmend die Mahner das Wort, die sagen: Was für die einen schlecht ist, muss für die anderen noch lange nicht gut sein. Die Finanzmärkte befürchten eine Rezession.

          Was die Lage brisant macht: Ein Ölüberangebot trifft auf eine gebremste Nachfrage, die auf eine insgesamt schwächere Weltwirtschaft schließen lässt. Wegen der Schwäche in hochverschuldeten Schwellenländern hat der Internationale Währungsfonds seine Wachstumsprognose für die Welt 2016 gerade heruntergeschraubt - von 3,6 auf 3,4 Prozent. Mit einem Ölpreisschock hat die Welt allerdings auch schon einmal gute Erfahrungen gemacht. 1985/86 drückte Saudi-Arabien den Preis um 60 Prozent, weil es gegen die Nordseeproduzenten um Marktanteile kämpfte. In den fünf Jahren danach wuchs die Weltwirtschaft um jeweils rund vier Prozent.

          Die Lage am Ölmarkt bleibt angespannt

          Derzeit jedoch ächzen Russland, Brasilien, Venezuela und andere unter dem Ölpreisverfall und streichen ihre Haushalte zusammen. Ölkonzerne wie Shell, BP und Total verbuchen Gewinneinbrüche, streichen ebenso wie Ölförderfirmen Investitionen und entlassen Hunderttausende Mitarbeiter. Aktienkurse wie von Royal Dutch Shell sind binnen eines Jahres um 40 Prozent gefallen, an den Börsen verlor die Branche seit Mitte 2014 mehr als 1000 Milliarden Dollar. Am Freitag, als der Preis für die richtungweisende Nordseesorte Brent auf 32 Dollar je Fass stieg, haben sich die Kurse auf niedrigem Niveau stabilisiert. Ratingagenturen wie Moody’s drohen mit Herabstufungen, weil sie erhebliche finanzielle Risiken auf die Energieunternehmen zukommen sehen.

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