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F.A.Z. Woche : Die neuen Tricks der Tankstellen

Abends wird’s teuer: An deutschen Tankstellen gilt eine neue Preisstrategie. Bild: dpa

Benzin wird nicht mehr zum Ferienbeginn und an Feiertagen teurer - sondern jeden Tag um 17 Uhr. Dafür gibt es einen Grund. Und der ist erstaunlich.

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          Früher konnten sich Autofahrer darauf verlassen. Wenn Feiertage anstanden oder die Ferien begannen, wurden Benzin und Diesel zuverlässig teurer. Mal um 5 Cent je Liter, bisweilen auch um 10 Cent. Das scheint sich inzwischen verändert zu haben. Zu Pfingsten jedenfalls gab es zwar wieder eine Reisewelle wie üblich. Benzin und Diesel aber waren ausgesprochen billig. Zu Ostern hatte es zwar einen gewissen Preisanstieg gegeben. Aber der ließ sich vor allem durch höhere Rohölpreise erklären, weniger durch einen Aufschlag der Tankstellen und Mineralöl-Konzerne. Das habe sich verändert, heißt es beim ADAC.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Stattdessen schwanken die Preise für Benzin und Diesel jetzt stärker im Tagesverlauf. In der Nacht, wenn 60 Prozent der Tankstellen geschlossen haben, sind bei den anderen die Preise am höchsten. Morgens von 6 Uhr an, wenn mehr Tankstellen aufmachen, fangen die Preise an zu sinken. Mittags um 12 Uhr geht es wieder mit einem Sprung nach oben. Danach sinken die Preise wieder, bis es gegen 17 Uhr abermals einen Sprung nach oben gibt. Dann geht es wieder runter. Kurz bevor in einer Region viele Tankstellen schließen, zwischen 18 Uhr (vor allem auf dem Land) und ungefähr 20 Uhr (etwa in Städten wie Frankfurt) sind die Preise am niedrigsten. Dann tanken Autofahrer besonders günstig.

          Kartellamt soll einschreiten

          Was steckt dahinter? Viele Autofahrer ärgern sich darüber, dass die Preise an den Tankstellen in immer kürzeren Zyklen schwanken. Das macht es noch schwieriger, die Preise zu vergleichen und günstig zu tanken. Eben war eine Tankstelle noch billig, gleich darauf ist es dort teuer. Auch die Politik beschäftigt das Thema schon. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Reiner Meier beispielsweise fordert als Ausweg, die Überwachung der Mineralölkonzerne durch das Bundeskartellamt müsse "mehr Biss" bekommen. "Es wäre Aufgabe des Kartellamtes, den Wettbewerb bei Spritpreisen effektiv zu regulieren", sagt Meier. "Statt eines Wettbewerbs haben wir ein Preischaos."

          Der Politiker sieht eine Chance, daran etwas zu ändern: Das Bundeswirtschaftsministerium sei gerade dabei, eine "Evaluation", also eine Bewertung der sogenannten "Markttransparenzstelle für Kraftstoffe" des Kartellamts vorzunehmen. An diese Transparenzstelle müssen alle 14 000 deutschen Tankstellen ständig ihre Preise melden. Mit diesen Daten werden dann Apps für Smartphones und Navigationsgeräte beliefert, damit Autofahrer günstige Tankstellen finden sollen.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche.

          Meier meint aber, das funktioniere nicht richtig. Selbst wenn ein Autofahrer die Benzinpreise vorm Tanken prüfe, könne es passieren, dass der Preis nicht mehr aktuell sei, wenn er die Tankstelle erreiche. Das sei fatal: "Gerade in ländlichen Regionen sind die Kraftstoffpreise für die Menschen ein erheblicher Kostenfaktor." Er selbst kommt aus dem Landkreis Tirschenreuth in der Oberpfalz, einer Region mit wenig öffentlichem Nahverkehr. Dort ist der Benzinpreis ein besonderes Aufreger-Thema. Aber nicht nur dort, meint Meier: "Bundesweit pendeln 45 Prozent der Arbeitnehmer jeden Tag 20 Kilometer und mehr."

          Transparenz sorgt für höheren Wettbewerb

          Auch die Wissenschaft beschäftigt sich mit den seltsamen Benzinpreis-Schwankungen. Sascha Wilhelm und Steffen Eibelshäuser von der Frankfurter Goethe-Universität haben für eine Analyse mehr als 100 Millionen Preisdaten von Tankstellen ausgewertet. Sie kommen zum Teil zu erstaunlichen Erkenntnissen. Eine ihrer Thesen ist, dass mit der Einführung der Markttransparenzstelle im Jahr 2013 auch die Informationen der Tankstellen und Mineralölkonzerne über ihre Konkurrenten besser geworden seien. Diese änderten deshalb häufiger ihre Preise, um mit einem minimalen Preisvorteil gegenüber der Konkurrenz zusätzliche Kunden anzulocken. Mittlerweile könnten Tankstellenbetreiber schon per SMS eine Nachricht aufs Smartphone bekommen, wenn eine Nachbartankstelle die Preise verändert hat.

          Die Folge sei, dass die Tankstellen immer häufiger im Tagesverlauf die Preise leicht heruntersetzten. Aber jedes Mal, wenn die Zahl dieser Preissenkungen je Tag eine bestimmte Schwelle unterschritten hat und die Tankstellen sich bis zum Abend relativ weit herunter konkurrieren, wird in das Ritual der Preisänderungen (Ökonomen nennen das "Intraday Edgeworth-Zyklen") eine zusätzliche Runde kräftiger Preiserhöhungen eingebaut. Vor einiger Zeit sei eine Runde gegen 12 Uhr dazugekommen, dann eine gegen 17 Uhr. Die Wissenschaftler meinen, die steigende Zahl von Preisänderungen sei durchaus ein Zeichen für scharfen Wettbewerb - aber er komme nicht unbedingt den Autofahrern zugute. Vielmehr werde die Zeit am Abend (Ökonomen sprechen spieltheoretisch vom "Endgame"), in der man besonders günstig tankt, kürzer und kürzer.

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