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Währungsunion (2) : Das endgültige Urteil über den Euro steht noch aus

Bild: F.A.Z.

Der Euro bringt Vorteile und Risiken mit sich. Seriös messen lassen sich diese nicht. Eine Bestandsaufnahme.

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          „L'Europe se fera par la monnaie ou ne se fera pas.“ Europa wird durch das Geld entstehen oder es wird nicht entstehen. Der erste Teil des berühmten Zitats des Ökonomen Jacques Rueff beschreibt zunehmend die Wirklichkeit: Mit dem Beschluß im Maastricht-Vertrag von 1992, eine Europäische Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) zu gründen, leitete die EU eine neue Stufe der Integration ein.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          1999 startete in elf der damals fünfzehn EU-Staaten die EWWU mit der Übergabe der geldpolitischen Verantwortung an die Europäische Zentralbank (EZB). 2002 erfolgte, mit Griechenland als zwölftem Euro-Staat, die Einführung des Euro als Bargeld. In keinem anderen Bereich ist die Zentralisierung in der EU so fortgeschritten wie in der Geld- und Währungspolitik. In keinem anderen Bereich fällt zugleich das Urteil so schwer, ob der Schritt hin zu mehr Europa sinnvoll war.

          Vorteile für die Verbraucher

          Dem Verbraucher hat die Währungsunion Vorteile gebracht. Für Reisen in das Euro-Ausland muß er keine Devisen mehr tauschen. Das erspart Wechselgebühren und lästigen Zeitaufwand. Dieser Vorteil ist sichtbar, aber gering.

          Gewichtiger ist, daß die Unternehmen mit dem Wegfall der Wechselkursunsicherheiten zwischen den Euro-Staaten den Binnenmarkt besser nutzen können. Waren und Dienstleistungen werden im schärferen Wettbewerb preisgünstiger. Vorteile ziehen Unternehmen auch daraus, daß der Außenhandel des Euro-Raums zunehmend in Euro fakturiert wird. Das erspart Kosten der Absicherung gegen schwankende Wechselkurse.

          Der Euro führt zudem eine vertiefte Integration der Finanzmärkte herbei. Die größere Effizienz des größeren Kapitalmarktes wird mittelfristig Wachstumsimpulse geben.

          Zwänge einheitlicher Geldmarktzinsen

          Die Vorteile des Euro sind seriös nicht in Euro zu beziffern. Dies gilt ebenso für die Nachteile. Offensichtlich ist, daß die Währung mit Weltrang zunehmend Fälscher anzieht. Schwerer aber wiegt, daß die Euro-Staaten das Ventil der untereinander flexiblen Wechselkurse und ihre eigenständige Geldpolitik endgültig aufgaben. Die Geldpolitik bestimmt seit 1999 der Rat der EZB, der sich aus sechs EZB-Direktoriumsmitgliedern und den - derzeit zwölf - Notenbankgouverneuren der Euro-Staaten zusammensetzt. Sie setzen eine Geldpolitik für den gesamten Euro-Raum.

          Manche Euro-Staaten kämpfen schwer mit den Zwängen der einheitlichen Geldmarktzinsen. Dies gilt für Wachstumsstars wie Irland, das mit einer hohen Inflationsrate ringt und dessen Geldpolitik, wäre sie eigenständig, sicherlich restriktiver wäre. Dies gilt im anderen Extrem für Deutschland, das nach Ansicht mancher Ökonomen mit einem zu hohen Umtauschkurs in die EWWU startete. Das hat für sich genommen das Wachstum gedämpft und erzwingt Strukturreformen.

          Deshalb liegt die deutsche Inflationsrate niedriger als in anderen Euro-Staaten. Dies führt zu einer Verbesserung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft im Euro-Raum ("reale Abwertung") und läßt mittelfristig eine bessere Wirtschaftsentwicklung erwarten. Zugleich aber liegt als Folge der geringen Inflation der Realzins höher, so daß die deutsche Wirtschaft weniger stark durch die Geldpolitik angeschoben wird als andere Euro-Staaten.

          Ein optimaler Währungsraum?

          Der EZB-Rat darf auf solche Unterschiede keine Rücksicht nehmen. Einiges spricht freilich dafür, daß die einheitliche Geldpolitik die Konjunkturzyklen der Euro-Staaten weiter harmonisiert. So schüfe die Währungsunion sich die Basis für ihren dauerhaften Erfolg selbst. Restzweifel aber bleiben, ob die Euro-Staaten einen optimalen Währungsraum bilden.

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