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Währungsspekulationen : Die Anleger suchen sich immer neue Opfer

  • -Aktualisiert am

Bild: REUTERS

Immer neue Länder geraten mit ihren Währungen in den Abwärtsstrudel. Nach der Rupie und der Lira stürzen sich die Anleger nun auf Ungarns Forint und Polens Zloty. Die Jagd auf den immer neuesten Schwächekandidaten stimmt nachdenklich.

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          Die Krise der Schwellenländerbörsen ist noch nicht ausgestanden. Zwar werden diejenigen Analysten lauter, die nach den hohen Kursverlusten vieler Währungen und den in dieser Woche erhöhten Zinsen in Indien, Südafrika, Argentinien und der Türkei den richtigen Zeitpunkt für den Kauf von Fremdwährungsanleihen für greifbar nahe halten. Aber bedenklich stimmt, dass immer neue Länder - etwa am Donnerstag Ungarn und Polen - mit ihren Währungen in den Abwärtsstrudel geraten. „Der Markt scheint sich immer neue Opfer zu suchen“, sagt Harwig Wild, Devisenfachmann des Bankhaus Metzler.

          Schon unmittelbar nach der kräftigen Zinserhöhung in der Türkei in der Nacht zum Mittwoch nahmen die Anleger sofort den nächsten Schwächekandidaten in den Blick. Wenige Minuten nach der Zinserhöhung in Ankara sendeten etwa Analysten der französischen Bank Société Générale eine E-Mail an ihre Kunden mit der Empfehlung, türkische Lira zu kaufen und dafür den südafrikanischen Rand zu verkaufen. Tatsächlich scheinen Anlagen in der Türkei nach der Aufstockung des Leitzinses von 4,5 auf 10 Prozent weit attraktiver als in Südafrika mit 5 Prozent.

          Am Mittwoch bewegte sich auch die südafrikanische Notenbank etwas und erhöhte ihren Leitzins auch auf 5,5 Prozent. Am Donnerstag wurden nun von Anlegern Forderungen an Ungarn erhoben, den Leitzins anzuheben. Notenbankgouverneur György Matolcsy hatte dagegen am Mittwoch in Budapest angedeutet, er wolle den Leitzins weiter senken. Daraufhin geriet am Donnerstag der ungarische Forint unter Abwertungsdruck und verlor mit mehr als 1 Prozent zum Euro so stark wie keine andere europäische Währung. Passend dazu streuten Händler absurd erscheinende Gerüchte, dass Ungarn eine Anleihe in Euro nicht bedient habe.

          Abwertungsdruck auf Rupie und Real nimmt ab

          Ungarn hatte jahrelang mit mehr als 6 Prozent den höchsten Leitzins in Osteuropa geboten. Dies hatte auch damit zu tun, dass die Regierung Orbán Strafsteuern für bestimmte Sektoren verhängt hat, in denen vor allem multinationale Unternehmen tätig sind. Selbst Banken aus dem mit Ungarn eng verbandelten Nachbarland Österreich planen, deshalb das Land zu verlassen. Nur mit dem hohen Zinsniveau war es der Zentralbank in Budapest möglich gewesen, nach den Unternehmen nicht auch noch die ausländischen Anleger zu verprellen. Inzwischen aber hat die Notenbank in sechzehn Schritten hintereinander ihren Leitzins auf 2,85 Prozent gesenkt. Im Vergleich zu anderen Ländern in Osteuropa erscheint die Risikoprämie Ungarns einigen Anlegern nun zu gering.

          Mit ihrer Spekulation gegen Ungarn haben sich die Anleger erstaunlicherweise ein Land ausgesucht, das einen Leistungsbilanzüberschuss hat. Mit dem russischen Rubel liegt seit Jahresanfang in der Spitzengruppe der abwertenden Währungen noch eine weitere Währung eines Landes, das einen Leistungsbilanzüberschuss aufweist. In den vergangenen Wochen standen dagegen vor allem Währungen von Ländern unter Abwertungsdruck, die mehr importieren als exportieren und dieses Defizit in der Leistungsbilanz mit ausländischem Kapital finanzieren müssen. Doch einige dieser zuvor „die fragilem fünf“ genannten Länder - Brasilien, Indien, Indonesien, Südafrika und die Türkei - erscheinen den Anlegern inzwischen offenbar weniger anfällig zu sein. Die Analysten der UBS etwa loben die Fortschritte, die Indonesien mache. Das Land habe in den vergangenen Monaten erstmals seit März 2012 wieder Handelsbilanzüberschüsse erzielt. Dabei hilft natürlich auch der gesunkene Kurs der Landeswährung Rupiah. Schließlich war Ende April die indonesische Rupiah in Euro noch 27 Prozent mehr wert als heute, und entsprechend gesunken sind tendenziell die Preise indonesischer Exportwaren auf den Weltmärkten. Damit steigen die Absatzchancen. Seit Jahresanfang ist der Rupiah-Kurs nun sogar leicht gestiegen.

          Bild: F.A.Z.

          Auch die indische Rupie und der brasilianische Real stehen inzwischen unter abnehmendem Abwertungsdruck, obgleich sie seit April immer noch 17 Prozent zum Euro abgewertet haben. Den Kapitalabfluss aus den beiden Ländern gebremst haben vermutlich die höheren Leitzinsen. In Brasilien erhöhte die Zentralbank den Leitzins Anfang Januar zum sechsten Mal hintereinander auf 10,5 Prozent, in Indien liegt er nach der Erhöhung in dieser Woche auf 8 Prozent. Die Zinserhöhung in der Türkei hingegen erscheint verpufft. Auch weil Ministerpräsident Erdogan Zweifel an dauerhaft hohen Zinsen weckte, fiel der Lira-Kurs am Donnerstag den zweiten Tag hintereinander.

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